Vom Präfaschismus* zum Faschismus – das Lübecker Beispiel

A.   Alldeutscher Verband als Mutterlauge der konservativen Revolution

Der ADV war ein wichtiger Ideengeber des konservativen und rechtsnationalen preußisch-deutschen Bürgertums vom Kaiserreich über die Weimarer Zeit bis hin zum Nationalsozialismus. Der Historiker Gerd Fesser spricht von der „Mutterlauge des Nationalsozialismus“. Das gilt auch für Lübeck, dessen Ortsgruppe unter Neumanns Vorsitz besonders aktiv war. 1917 hatte die Lübecker Ortsgruppe bei rd. 100.000 Einwohnern immerhin 300 Mitglieder. Im Vergleich zur größten Lokalgruppe des ADV mit 640 Mitgliedern in der Hansestadt Hamburg mit damals rd. 840.000 Einwohnern war das eine beachtliche Leistung, besonders ihres Vorsitzenden Neumann.

Der ADV war der Thinktank und nationalistische Vorläufer der „Konservativen Revolution“ und des Nationalsozialismus. Nach seinem Selbstverständnis war er zugleich die kulturelle Sammelstelle u.a. der folgenden tief im Bürgertum des Bismarckreiches und der Weimarer Republik verwurzelten nationalen Fachvereine und Parteien mit großer gesellschaftlicher Breite: Deutscher Flottenverein, Deutscher Kolonialverein, Deutscher Wehrverein, Evangelischer Bund zur Wahrung der deutsch-protestantischen Interessen, Reichsverband gegen die Sozialdemokratie, Hamburgischer Verband gegen die Sozialdemokratie, Unabhängiger Ausschuss für einen Deutschen Frieden, Hauptvermittlungsstelle der vaterländischen Vereine und Verbände, Deutsche Vaterlandspartei, Verein für das Deutschtum im Ausland, Deutscher Ostmarkenverein und Deutschbund. Bereits 1901 hatte der ADV ca. 22.000 Einzelmitglieder, ihm gehörten 93 Vereine als korporative Mitglieder mit ca.150.000 Personen an.

Die Intentionen des ADV waren keineswegs rückwärtsgewandt. Claß schwebte eine Ordnung der Moderne nach rassischen Kriterien vor. Die „größere Zukunft“ sollte der Krieg erwirken als „Lösung aller europäischen Fragen“. Gründungspate dieses mächtigen Thinktanks waren ein 1891 noch nahezu unbekannter äußerst begabter 25jähriger Regierungsassessor, Alfred Hugenberg, und  Carl Peters. Hugenberg war ein Spezialist für Aufbau- und Ablauforganisation von  personellen Netzwerken. Peters war der später wegen seines grausamen Vorgehens gegen die Eingeborenen Ostafrikas „Hänge-Peters“ genannte Kolonialpolitiker Carl Peters. Seit dem 1. Juli 1894 hieß der Verband „Alldeutscher Verband“. Er gewann im Laufe der Zeit, zunächst unter seinem ersten Vorsitzenden Prof. Dr. Ernst Hasse (ab 1893) und ab 1908-1939 unter Justizrat Dr. Heinrich Claß erheblichen, wenn auch zeitweise durchaus umstrittenen Einfluß auf die Politik von Reich und Bundesländern.

Jedenfalls stand er fast 50 Jahre, d.h. annähernd zwei Generationen lang, immer wieder im Mittelpunkt der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, wenn es um Kriegsziele, Kolonialpolitik, Außenpolitik, Innen- und Rechtspolitik, insbesondere, wenn es um die Stellung der Juden, von Ausländern, von Sozialdemokraten und Liberalen, der Medien- und Kirchenpolitik ging. Der Verein verstand sich als Wahrer des wirklichen Deutschtums und Hüter der wahren Deutschen Bildung. Der ADV ist im März 1939 von Reinhard Heydrich, dem Chef der Sicherheitspolizei, aufgelöst worden mit dem m.E. zutreffenden Bemerken, er habe sein Programm erfüllt.

Kriegsziele und Diktaturpläne: Die Verbandsleitung des ADV gab ihrem Vorsitzenden Claß Ende August 1914 auf ihrer Sitzung in Berlin weitgehende Vollmachten. So konnte er z.B. die Vorlage zu den Kriegszielvorschlägen, die er zuvor u.a. mit Hugenberg abgestimmt hatte, in Wort und Tat umsetzen. Zu diesen Zielen gehörte u.a. das wohl erste Programm zur Vertreibung volksfremder Kräfte in Europa im 20.Jahrhundert. Johannes Leicht schreibt dazu in seiner Claß-Biographie: „ Die militärische Eroberung von Siedlungsgebieten, vornehmlich in Ost- und Mitteleuropa sowie die politische Implementierung einer ethnisch homogenen Bevölkerung durch staatlich organisierte Umsiedlungsaktionen. Die Verbindung der geopolitischen Chiffre „Lebensraum“ mit der biopolitischen Semantik vom „Volk“ als organisch konzipiertem Kollektivkörper in einem  konkreten Vorschlag zur Wiederherstellung einer vermeintlich natürlichen Ordnung bildete den Kern alldeutscher Kriegszielforderungen. Der Nexus von territorialer Expansion nach außen und ethnischer Segregation nach Innen versprach die Realisierung der Vision einer ethnisch-kulturell homogenen, sozial pazifizierten und politisch konformen „Volksgemeinschaft“. Die Umsetzung des Programmes bedurfte eines starken Führers.

B.  Paul de Lagarde: Wortgeber der konservativen Revolution

Die ideologischen Wurzeln des ADV reichen tief in die reaktionäre Gedankenwelt der Gegenaufklärung und Romantik des 18. und 19. Jahrhunderts. Geistiger Ahnherr dieses Verbandes war ein scharfzüngiger Gelehrter, der sich beruflich einer kritische Rekonstruktion des Alten- und Neuen Testaments auf der Grundlage der ersten, auch orientalischen Texte verschrieben hatte, Paul de Lagarde (1827-1891).  Der spätere Lübecker Nobelpreisträger Thomas Mann rechnete Lagarde noch im Alter von 41 Jahren in den „Betrachtungen eines Unpolitischen“ 1918 neben Nietzsche und Wagner zu „den Großen dieses Volkes“ und bezeichnete ihn als „Praeceptor Germaniae“ (Lehrmeister Deutschlands). Lagarde gab dem traditionellen Kulturpessimismus der geistigen und ökonomischen Elite des Kaiserreiches Ende des 19. Jahrhunderts ganz im Sinne Fritz Sterns mit folgenden vier Überlegungen die bündige Fassung:

  • Angesichts des drohenden geistigen und wirtschaftlichen Niederganges des Deutschen Reiches und für den Fortbestand des Deutschen Volkes unerlässlich sei eine einende nationale Erhebung und eine neue nationale Religion. Um den unfruchtbaren Streit der alten Religionsgemeinschaften, die die Nation spalten, zu überwinden, wird eine neue politische Glaubensgemeinschaft zu gründen sein. Nur eine solche führt zur Wiedergeburt des Deutschen Reiches. Das Entstehen dieser nationalen Religion bedarf allerdings eines heldischen Führers. “Nur eines Mannes großer, fester, reiner Wille kann uns helfen, eines Königs-Wille, nicht Parlamente, nicht Gesetze, nicht das Streben machtloser Einzelner“.
  • Für den Neuaufbau dieses Deutschen Reiches sind die Begriffe „Staat“ und „Nation“ neu zu bestimmen. Anders als nach der überkommenen hegelschen Definition ist der „Staat“ nichts als eine Maschine, die bestimmte Aufgaben zu erfüllen hat. Demgegenüber ist die „Nation“ die eigentliche (mystische) Verkörperung des Volkes. Ein Volk kann nur dann zur Nation werden, wenn es in seiner Gesamtheit die ihm von Gott bestimmte Sendung annimmt. Die so gebildete Nation kennt keine Schranken (und Gesetze). Sie hat nur einen Willen und kennt keinen Zwist. Sie verkörpert die immanente Einheit artgleicher Menschen. Ihr Wille kann nicht angefochten werden.
  • Den Juden, die neben der Arbeiterbewegung und dem um sich greifenden Liberalismus in Politik und Kultur Grund für Deutschlands Zwietracht und Niedergang sind, müssen ihre Existenzmittel genommen werden (Banken). Sie haben als Artfremde keinen Platz in dem geeinten Deutschen Volk. Mit diesem „wuchernden Ungeziefer“ könne es „keinen Kompromiss geben“. Mit Trichinen und Bazillen wird nicht verhandelt.Trichinen und Bazillen werden auch nicht erzogen. Sie werden so rasch und so gründlich wie möglich vernichtet“. Fritz Stern schreibt dazu: „Nur wenige Menschen haben Hitlers Vernichtungswerk so genau vorhergesagt – und so entschieden im voraus gebilligt“.
  • Das Deutsche Reich, das durch seine geografische Lage in Europa ungeschützt seinen Feinden (den Großmächten Russland, Frankreich, England) ausgesetzt sei, muss in „Mitteleuropa“ unbesiegbar werden. Deshalb ist die Kolonisierung Polens unabdingbar. Als erster Schritt ist dazu die Austreibung aller polnischen Juden erforderlich. Dann sollten den Slowenen, Tschechen, Ungarn und allen nicht deutschen Völkern innerhalb der österreichischen Monarchie Gebiete zugewiesen werden, in denen sie leben, sterben und vergessen werden könnten. Damit beherrschten die Deutschen ganz Mitteleuropa und könnten darüber hinaus im Osten Kolonialgebiete erobern. Zu einer wirksamen Verteidigung des Deutschen Reichs solle ferner im Westen des Reiches Elsass und Lothringen östlich „von den Argonnen“ zu Deutschland gezogen werden.

C. Die Spaltung einer Stadt

Der ADV trommelte mit seinen angeschlossenen Verbänden unermüdlich für die geistige Erneuerung und die ökonomische und militärische Stärkung des Reiches, eben für den „Griff nach der Weltmacht“ (im Sinne Fritz Fischers gleichnamigem Buch). Vor Ort, in Lübeck und anderswo, waren dabei alle Andersdenkenden, die Arbeiterparteien und freien Gewerkschaften „Feinde“. Es waren „Feinde“ und nicht „Gegner“. Wir können uns heute nur schwer vorstellen, wie tief die Spaltung der Gesellschaft vor Ort ging und mit welchem bis in die Familien reichenden Hass auf Andersdenkende die beteiligten Milieus aufeinander reagierten. Der Lübecker Schriftsteller Heinrich Mann hat das enge städtische Lübecker Milieu ganz zutreffend in seinem 1914 verfassten und 1918 erschienenen  Roman „Der Untertan“ beschrieben.

Dabei muss man sich vor Augen führen, dass das von Heinrich Mann beschriebene Gesellschaftsmodell nicht allein auf den alles überdeckenden Klassenkonflikt zwischen Bürgertum und Arbeiterschaft des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts zurückgeführt werden kann. Norbert Elias deutet den Hohenzollernstaat in seinen gesellschaftlichen Wirkungen auf das Bürgertum nach 1871 vielmehr einleuchtend folgendermaßen:

„… bürgerliche Industrielle und Kapitalbesitzer bildeten nicht die herrschende, die Oberschicht des Landes. Die Stellung des Kriegs-und Beamtenadels als höchstrangige und mächtigste Schicht der Gesellschaft wurde durch den Sieg von 1871 nicht nur gewahrt, sondern verstärkt. Nicht das gesamte, aber doch ein guter Teil des Bürgertums passte sich verhältnismäßig rasch diesen Gegebenheiten an. Sie fügten sich als Vertreter einer zweitrangigen Klasse, als Untertanen, in die Gesellschaftsordnung des Kaiserreichs ein.“

Die Verhaltensweisen des Kriegs-und Beamtenadels prägten also die bürgerliche Elite. Ein klassisches Beispiel dafür ist der wegen seines autoritären Verhaltens seinerzeit von vielen in Lübeck gehasste „Herrenmensch“ Emil Possehl. Die „werktätige Bevölkerung“ hatte auch noch in dem nachrevolutionären Lübeck kaum etwas mit den Kreisen der „Bürgerlichen“ zu tun. Denn die Kulturen überschnitten sich wenig bis überhaupt nicht. Die Lebenswelten waren getrennt. Man verkehrte in je unterschiedlichen Gaststätten, Sportvereinen, Kulturveranstaltungen, Wohnwelten, Arbeitswelten, hatte andere Lesetraditionen, Erziehungsstile, Bildungsinstitute, politische Einstellungen usw.

Den schlagenden Beweis für die sich vertiefende Spaltung der Stadtgesellschaft vom Kaiserreich bis in die Weimarer Republik liefert die Verachtung der bürgerlichen Elite des Freistaates gegenüber der Arbeiterschaft in kulturellen Fragen, wie sie in den Vorbereitungen der als Haupt- und Staatsaktion des Jahres 1926 angelegten 700-Jahr-Feier der Reichsfreiheit zum Ausdruck kommt. Mit der Vorbereitung begann man ein Jahr zuvor. Bürgermeister Neumann, der die Organisation leitete, erklärte noch am 17. Juni 1925 im Bürgerschaftssaal des Rathauses, „dass die Feier nur veranstaltet werden könne, wenn sie eine gemeinsame Angelegenheit der gesamten lübeckischen Bevölkerung und über jeden Streit und Gegensatz de Meinungen, der Parteien, der Berufe, der Konfessionen und der sozialen Schichtung hinausgehoben werde.“ Von der Organisation von Anfang an ausgeschlossen waren indes, entgegen der hohen Worte des Bürgermeisters, die Bürgerschaftsvertreter der werktätigen Bevölkerung in der Stadt, die Mitglieder von SPD und KPD, die rund 50% der Stimmen der Bürgerschaft vertraten, und die Freien Gewerkschaften, also praktisch der überwiegende Teil der Stadtbevölkerung. Man konnte sie – ohne zur Verantwortung gezogen zu werden – geflissentlich übersehen. Diese Form der sichtbaren Geringschätzung der kulturellen Elite gegenüber der Vertretung der Arbeiterklasse legt zugleich offen, dass das Narrativ vom „Roten Lübeck“ in der Weimarer Republik nicht begründet ist.

Ein kultureller Wandel der Anschauungen und Verhaltensweisen, hin zur  Akzeptanz von gesellschaftlichen oder politischen Kompromissen über die politischen und gesellschaftlichen Fronten hinweg, wie wir sie dann 50 Jahre danach aus den späten 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts kennen, fand praktisch kaum statt. Die Analyse Hans-Ulrich Wehlers für die Zeit der Weimarer Republik bis zu Hitler stellt für die Einstellung des oberen Bürgertums fest: „Für die Republik in ihrer offensichtlichen Not hat sich kein einziger der Großunternehmer öffentlich stark gemacht. Kein Wunder mithin, daß ihnen ein Arrangement mit der Regierung Hitler alles andere als schwerfiel.“

Als der promovierte, im Ersten Weltkrieg verwundete und mehrfach militärisch ausgezeichnete Leutnant und Journalist Julius Leber 1927 die Tochter Annedore (1904-1968) des Direktors des Lübecker  Katherineums, Dr. Georg Rosenthal, heiratete, geschah das jedenfalls  gegen den erklärten Willen der Eltern. Denn die Maßstäbe für den Umgang der höheren Töchter in Lübecker gebildeten Kreisen waren damals eindeutig: Mit Sozialisten hatte man nichts zu schaffen. Erst später wurde man sich bei den Rosenthals einig, im Widerstand gegen Hitler. Georg Rosenthal nahm sich 1934 nach seiner Entlassung aus dem Schuldienst das Leben.

D.  Von der Spaltung zum Präfaschismus

Das politische Lübeck erlebte 1926, sieben Jahre vor dem Ausbruch des offenen staatlichen Faschismus am 30.1.1933, zwei einschneidende Ereignisse, die der Barbarei des Nationalsozialismus vorausgingen. Sie lesen sich wie ein Menetekel der kommenden Katastrophe:  Erstens die  Entdeckung, dass der Freistaat still und heimlich, spätestens seit 1912, im Laufe der Zeit und von der breiten Öffentlichkeit nahezu unbemerkt, in die Hände eines faschistischen völkischen medialen Netzwerks geraten war (6.2.). Zweitens, dass ihr Regierender Bürgermeister, eine bisher untadelige hochgeachtete Vertrauensperson des Lübecker Patriziats, seit rund 20 Jahren hinter dem Rücken der Öffentlichkeit mit führenden Persönlichkeiten und Gruppierungen der konservativen Revolution im Freistaat und im Gesamtstaat eine Änderung der gesellschaftlichen und politischen Verfassung anstrebte. Er war nicht Biedermann sondern Brandstifter (6.3.).

Eine Voraussetzung für diesen moralisch-politischen Bankrott der Stadtgesellschaft war ihre Unfähigkeit zur aufmerksamen Wahrnehmung der Zeichen einer sich seit langem verändernden Struktur der Öffentlichkeit. Das führte in eine von Jahr zu Jahr sich vertiefende Spaltung der Kulturen, die man einfach zugelassen hat. In ihren wechselseitig abgeschlossenen sozialen und kulturellen Welten, ihren „Blasen“, eingeschlossen und aufgrund der am Ende nicht zu überbrückenden Sprachlosigkeit, radikalisierten sich bürgerliche Elite und Arbeiterschaft wechselseitig. Der Doppelbinderprozess nahm seinen Lauf. Das Bürgertum konnte so unmittelbar am 30.1.1933, am Tag des Umsturzes, jeden Anstand verlieren.

Noch nach dem 12. Mai 1926, also sieben Jahre vor der Naziherrschaft, als die städtische Gesellschaft in Lübeck durch das Auffliegen des Lübecker Putschversuches hätte aufschrecken müssen, hätte man möglicherweise umsteuern können. Stattdessen deckte die pompös inszenierte  Reichsfreiheitsfeier die Katastrophe zu. Denn dort war von „Lübeck als geistige Lebensform“ die Rede (Titel des Vortrages von Thomas Mann am 5. Juni 1926 im Stadttheater) und kein Ton vom Präfaschismus in der Stadt, was angesichts der aktuellen geistigen und sozialen Verfassung des Freistaats und aufgrund der Ereignisse  am 3.Juni 1926, d.h. des morgendlichen Rücktritts von Bürgermeister Dr. Neumann, nahe gelegen hätte.

Thomas Mann feierte sich indes im Wesentlichen selbst als das Beispiel des mit der Vaterstadt tief verbundenen Künstlers an sich und verlor kein Wort über die sich aufdrängende demokratische Verantwortung des Bürgers für sein Gemeinwesen, das gerade auseinander zu brechen drohte. Stattdessen heißt es in seiner Rede abschließend: „Wir feiern ein Heimatfest, ein Fest städtisch-bürgerlichen Gedenkens. Da sind auch die weitgewanderten Künstler zur Stelle. Wie alles ist in der Welt entzweit, bergen sie sich in den Mauern der siebengetürmten Vaterstadt, um unter ihren Mitbürgern gute Zeit zu finden“. Das er denn auch persönlich tat.

Er feierte in der Wohnung Ida Boy-Eds  zusammen mit dem Dirigenten Hermann Abendroth und anderen, auch von ihm selbst eingeladenen Gästen,  am 6.Juni 1926 seinen 51. Geburtstag und schaute sich den Festumzug von oben an. Über Neumann und die politischen Ereignisse hat man sich dort sehr wohl unterhalten. Reinen Wein in der Öffentlichkeit einzuschenken, das hochgelobte „Lübecker Weltbürgertum“ zur Gegenwehr aufzurufen, war offenbar weder von den bürgerlichen Organisatoren der Feier noch von  den auswärtigen Kennern der Stadt, die eingeladen waren, erwünscht. Ein mutiges Wort von Thomas Mann wäre 1926 indes dringend geboten gewesen.

C.  Vom Präfaschismus zum Faschismus

Die Kindheitserinnerungen des 1927 in Lübeck geborenen Journalisten Rolf Winter, „Hitler kam aus der Dankwartsgrube (und kommt vielleicht mal wieder),“ erzählt von der Armut und vielfältigen Abhängigkeit der Lübecker Arbeiterschaft, die unter teils erbärmlichen Bedingungen in den Gruben wohnte. In diesen zum Teil trostlosen Verhältnissen sah Winter die Brutstätten des Nationalsozialismus in Lübeck. In Wirklichkeit lagen jedoch diese Verhältnisse und vor allem die für die Gewalttätigkeit notwendigen antirepublikanischen Ideologien mit dem Eigentum an den engen Mietshäusern in den Händen der elitären Lübecker Bürgerschicht, die in der Oberstadt wohnte, wie etwa Emil Possehl, der seine Privatwohnung, wenige Schritte von der Dankwartsgrube entfernt, oben auf dem Stadthügel in der Musterbahn hatte, mit idyllischem Blick auf den Mühlenteich. Von dieser Art bürgerlicher Elite stammten die Ideen einer nationalen Diktatur im Sinne des von Possehl unterstützten ADV. Sie keimten dann heran zu Hass und Gewaltbereitschaft auch in der Dankwartsgrube.

Dort kochte Armut und herrschte Wut und Hass auf die Herrenmenschen, die mit ihren Vorstehhunden, wie das Winter am Beispiel des Spediteurs Longuet schildert, in die Dankwartsgrube kamen, um dort die Miete abzukassieren. Die Lebenswelten des Industrie- und Beamtenadels im Kaiserreich und der Weimarer Republik einerseits und diejenige der Industrie- und Hafenarbeiter andererseits trafen auf der bloß 100 ha großen Altstadtinsel Lübecks hart aufeinander. Willy Brandt erzählt etwa davon, wie er als Junge mit acht Jahren, als die Belegschaft des Betriebes, in dem sein Großvater Ludwig Frahm (1875-1935) arbeitete, den Dräger-Werken, ausgesperrt worden war, von einem der an ihm vorbeigehenden Direktoren des bestreikten Betriebes zwei frisch gebackene Brote geschenkt bekommen habe. Als er diese zu Hause habe abgeben wollen, und gefragt worden sei, woher er sie habe, musste der Junge sie in den Bäckerladen zurückbringen. Brandt schreibt, er habe auf diese Weise früh und eindrücklich etwas über Klassenbewusstsein gelernt, dass nämlich ein aufrechter Arbeiter, zumal im Arbeitskampf, sich „nicht mit Almosen abspeisen lässt“.

Die Klassenfrage war damals kurz und bündig beantwortet. Während beispielsweise Willy Brandts Großvater, zunächst mecklenburgischer Landarbeiter, dann in Lübeck einfacher Arbeiter und anschließend Lastwagenfahrer bei den Dräger-Werken mit 50 Mark wöchentlich, d.h. mit  2.400 Mark im Jahr, für seine fünfköpfige Familie auskommen musste, konnte Possehl 1916 ohne weiteres 50.000 Mark für den Kauf und Aufbau des völkischen  ADV Blattes „Deutsche Zeitung“ erübrigen, damit es seine rassistischen und annexionistischen Botschaften im Sinne des ADV unter das Volk bringen konnte. Mit von Partie war übrigens der Senatskollege Possehls, Senator Neumann, der ebenfalls mit 50.000 Mark für die Deutsche Zeitung auf der Spendenliste stand. Wie der spätere Bürgermeister Neumann allerdings einen solch beachtlichen Betrag nebenher hatte selbst aufbringen können, bleibt schleierhaft. Von seinem Senatorengehalt war das nicht möglich. Die Vermutung liegt nahe, dass er diese Geldmittel aus Nebeneinkünften bezog, die mit Hugenberg oder Possehl in Beziehung standen.

D.  Die analoge Medienmacht als Katalysator faschistischer Bewegungen

Am Dienstag, dem 8. Juni 1926, die 700-Jahrfeier der Reichsfreiheit, ohne jede Beteiligung der Vertreter der SPD und Gewerkschaften durch Bürgermeister Neumann und von einem Komitee unter Leitung Dr. Fritz Endres organisiert, war vom 3. bis 6. Juni 1926 gerade mit großem Pomp gefeiert worden, veröffentlichte Julius Leber im Lübecker Volksboten auf Seite eins unter dem Titel: „Lübecks unsichtbarer Herrscher“ eine zunächst unglaubliche Geschichte: Bürgermeister Neumann sei in seiner Lübecker Dienstzeit zugleich Vorsitzender des Verwaltungsausschusses der Scherl-Verlags-GmbH in Berlin gewesen. Dazu muss man Folgendes wissen: Der Scherl-Verlag war das Herzstück des von Alfred Hugenberg aufgebauten Medien- und Zeitungsimperiums. Der Verwaltungsausschuss entspricht dabei dem Aufsichtsrat einer Aktiengesellschaft. Der Scherl-Verlag also, die Spinne im medialen reichsweiten Netzwerk des Propagandisten eines völkischen Nationalstaates, Hugenberg, sollte vom Lübecker Bürgermeister gesteuert worden sein? (Vgl. dazu das Organisationsschema des Hugenberg-Konzerns als Anlage 1)

Hugenberg war nicht nur der Mitgründer und Organisator des ADV. Er hatte noch während seiner Zeit als Vorsitzender im Direktorium der Friedrich Krupp AG (1908-1918) ab 1912 nach und nach den seinerzeit größten Medienkonzern Deutschlands aufgebaut und steuerte ihn im Sinne der Zielsetzungen des ADV konsequent in den Nationalsozialismus. Das dargestellte Organisationsschema veranschaulicht die Reichweite der propagandistischen medialen Durchdringungsbreite und -tiefe der Hugenbergschen Firmen. Hervorzuheben ist dabei das mit der Allgemeinen Anzeigen GmbH (ALA) angestrebte Anzeigenmonopol auf dem deutschen Medienmarkt. Darüber steuerte Hugenberg auch Lokalblätter, die nicht in seinem Besitz waren.

Der Lübecker Bürgermeister war jedenfalls  als Verwaltungsratsvorsitzender des Scherl-Verlages kein unabhängiger Entscheider. Im Konzerngefüge spielte er vielmehr die Rolle des abhängigen treuhänderischen Auftragnehmers seines Freundes Hugenberg. Auch nach der damaligen Senatsverfassung Lübecks hätte er deshalb zu keinem Zeitpunkt diese, wirtschaftlich betrachtet, weisungsgebundene Tätigkeit eines Verwaltungsratsvorsitzenden im Konzerngefüge Hugenbergs ausüben dürfen, ob bezahlt oder unbezahlt, wobei letzteres auch angesichts der 50.000 Markspende für die Deutsche Zeitung eher unwahrscheinlich ist.

In der Öffentlichkeit wurde nach der Veröffentlichung dieses Skandals heftig darüber gestritten, ob der Bürgermeister für die Vorsitzendentätigkeit im Hugenberg-Konzern eine Nebentätigkeitsgenehmigung hatte und, wenn ja, ob diese hätte rechtens erteilt werden dürfen, da es sich um eine möglicherweise bezahlte (und damit verbotene) Nebentätigkeit gehandelt haben würde. Dieses juristische Geplänkel diente offensichtlich der Ablenkung der Öffentlichkeit von den in Wirklichkeit bestehenden skandalösen Verhältnissen. Die Tätigkeit war nach Staats- und Kommunalverfassungsrecht in jedem Fall ausgeschlossen.

Die Sichtweise Lebers bringt die Verhältnisse auf den Punkt: „… Und doch war e r (Hugenberg, M.B.) der eigentliche unsichtbare Herrscher dieser Stadt, die er selbst vielleicht nie gesehen. Den

S t a a t hatte er in der Hand durch sein Oberhaupt, die Presse durch die größte Inseratenplantage. Sein Wille war maßgebend, beschränkt nur durch den leidenschaftlichen Widerstand der darob täglich beschimpften und begeisterten S o z i a l d e m o k r a t i e (Sperrungen im Original, MB)“.

Leber beschreibt folgerichtig die tatsächlichen damaligen Verhältnisse im Freistaat. Er bestätigt den tiefen Hass der Elite des Bürgertums, die innerhalb des ADV mit ihrer Ideologie und Konspiration immer wieder versuchte, die Macht für die konservative Revolution in den Ländern und im Reich an sich zu reißen. Dies geschah heimlich und in den seit Ende des 19. Jahrhunderts dafür geschaffenen Netzwerken des ADV. Die Akteure traten selten nach außen offen auf. In Lübeck und anderswo gründeten sich indes „ihre“ Sturmtruppen, der bewaffnete Arm des „Nationalen Widerstandes“.

Ein Jahr vor der Katastrophe des vierten Staatsstreichversuchs kam es am 9. April 1925 im Turnerschaftshaus zur Gründung der NSDAP. Polizeisenator Mehrlein (SPD) verhängte noch im Herbst  1925 ein Redeverbot für Adolf Hitler in Lübeck. Am 1.10.1929 wird indes die erste SS-Formation in Lübeck aufgestellt.

Deren und ihrer Hintermänner Saat geht in der Folgezeit Schritt für Schritt auf. So berichtet die Norddeutsche Zeitung unter dem 30.10.1930 über eine Versammlung der NSDAP in Lübeck mit dem Thema „Das Verhältnis der Nationalsozialisten zum Privateigentum“. Namhafte Wirtschaftsführer Lübecks wie der Inhaber eines großen Tuchlagers und Mitglied der DVP, Konsul Herman Gustav Stolterfoth und Konsul Boje und andere, hätten den Bannemanns  (NSDAP) und Albrechts (Gauleiter im Nazi-Gau Mecklenburg-Lübeck, der den Vortrag hielt), Beifall gezollt. 1932 nach dem Preußenschlag, d.h. nach der verfassungswidrigen Absetzung der SPD-geführten Regierung unter Otto Braun in Preußen am 20. Juli 1932 durch Reichskanzler Papen (Hermann Göring wird als Ministerpräsident eingesetzt), verschärfte sich der Gewaltkurs. Den Tag nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler hätte Julius Leber in Lübeck ohne persönlichen Leibwächter, der in Notwehr einen in der Nacht angreifenden SA-Mann erstach, nicht überlebt.

Der Vorsitzende der SPD in Lübeck, Julius Leber, war längst zur Zielscheibe aller faschistischen Kräfte im Freistaat geworden. Der Lübecker  Historiker Dr. Wolfgang Muth beschreibt den beispielhaft aufrechten Werdegang Lebers im Gegenüber der völkischen Kräfte gut:  „Im  Juli 1923 wollte der „Schwartauer Hakenkreuzbund “ eine Fahnenweihe feiern. Die Lübecker SPD rief zu einer öffentlichen Gegendemonstration auf, an ihrer Spitze marschierte Leber. Nach gewalttätigen Auseinandersetzungen zogen sich die Völkischen in eine Gaststätte zurück und verbarrikadierten sich. Leber gelang es, Zugang zu dem Lokal zu bekommen, und erreichte die Übergabe der Fahne an ihn gegen die Zusage, dass die Lübecker Sozialdemokraten sich zum Schwartauer Markt zurückziehen würden.

Im Sommer 1924 beantragte die deutschvölkische Fraktion in der Bürgerschaft, einen Gedenkstein für Albert Leo Schlageter in Lübeck zu errichten. Der junge Mann hatte während der Besetzung des Ruhrgebietes durch Belgien und Frankreich Attentate auf die ausländischen Besatzungstruppen verübt und war deshalb von einem französischen Kriegsgericht zum Tode verurteilt worden.

Leber sprach vehement gegen den Antrag. Schlageter sei durch die nationalistische Propaganda verhetzt worden und habe durch seine Taten der „Hetzpropaganda Poincarés in Frankreich“ ungeheueren Vorschub geleistet. Das Nationalgefühl der Sozialdemokratie sei durch die Achtung anderer Nationen geprägt. Nur gegenseitiges Verständnis könne zu einem langfristigen Weltfrieden beitragen. Damit zog er sich zum ersten Mal den Zorn der Völkischen zu. Erste Drohungen gegen ihn wurden öffentlich ausgesprochen.

1926 kam es in der Bürgerschaft zu einer Debatte über die Einbürgerung von Juden, in der er der Rechten antisemitische Motivationen unterstellte. Die Deutschvölkischen hielten ihm vor, dass er wahrscheinlich selbst Jude oder jüdisch versippt sei. Leber verwahrte sich scharf dagegen und warf seinem Hauptwidersacher vor, er könne ihn dann mit dem gleichen Recht einen Indianer nennen.

Die Auseinandersetzung zwischen ihm und den stärker werdenden Nationalsozialisten verschärften sich immer mehr. Schon 1930 drohte ihm der NS-Bürgerschaftsabgeordnete Hoffmann: „Es kommt einmal die Stunde, wo wir an ihre Tür klopfen werden mit den Worten: „Herr Dr. Leber, es ist so weit!’“ In der Öffentlichkeit wurde von Seiten aufgehetzter Nationalsozialisten verkündet: „Zwei Stunden nach unserem Sieg hängt Leber auf dem Marktplatz.“

Insgesamt entwickelte sich Leber für die Lübecker NSDAP zu ihrem schlimmsten Feind. Noch nach der Machtübertragung im Frühjahr 1933 hieß es in der nationalsozialistischen Propaganda im Zusammenhang mit Berichten über frühe Widerstandstaten oder die Verhaftung von Nazi – Gegnern immer wieder: „Die Saat des Hetzers Leber ist aufgegangen!“  In einem Artikel des Lübecker Generalanzeigers vom 2. Februar 1933 über eine Versammlung der Nationalsozialisten am Vorabend hieß es: „Der letzte Redner des Abends, Glasmeier, hob hervor, dass, wo Leber spreche, immer Blut fließe. Das sei schon so gewesen, als es noch gar keine Nationalsozialisten in Lübeck gegeben habe. (…) Alle Lübecker Bluttaten müssten den Hetzartikeln  des Amtsblattes (gemeint ist hier der Volksbote) zugeschrieben werden. (…) Nicht die Sozialdemokratie und nicht die KPD seien (…) für die Bluttaten verantwortlich, einzig und allein Dr. Leber.“

Nachweise unter http://michaelbouteiller.de/praefaschismus-in-luebeck , FN 47-100

Der Begriff „Präfaschismus“ eignet sich m.E. für die Analyse des Zustandes einer gesellschaftlichen Einheit (Stadt,Land, Staatenbund usw.). „Präfaschistisch“ beschreibt dabei eine konkrete Gefahrenlage. Ohne hinreichende Gegenwehr realisiert sich die Gefahr. Der Begriff „Konservative Revolution“ beschreibt demgegenüber keinen gesellschaftlichen Zustand, sondern eine bestimmte durchaus heterogene Gedankenwelt von Personen oder Personengruppen. Diese kann handlungsrelevant werden, mündet aber nicht notwendig in Faschismus, im Falle des völkischen Faschismus in Mord und Totschlag, national und international. Bürgerkrieg und Staatenkrieg. Es geht um die Bekämpfung dieser Gefahr und die frühzeitige Abwendung ihres Eintritts, d.h. des Umschlags in den Faschismus. Dabei kommt es nicht darauf an, ob die Gefahrenlage sich bereits zu einer Massenbewegung von Rechts entwickelt hat. Diesen Umschlag in die Massenbewegung gilt es gerade zu verhindern.
Zur Auseinandersetzung um den Begriff vgl. auch Dirk Stegmann: Zwischen Repression und Manipulation: Konservative Machteliten und Arbeiter- und Angestelltenbewegung 1910-1918. Ein Beitrag zur Vorgeschichte der DAP/NSDAP, in: Ar chiv für Sozialgeschichte, Bd. XII (1972), S. 351-432; Ders.: Vom Neokonservatismus zum Protofaschismus: Konservative Partei, Vereine und Verbände 1893-1920, in: Ders. u. a. (Hrsg.): Deutscher Konservatismus im 19. und 20. Jahrhundert. Festschrift für Fritz Fischer, Bonn 1983, S. 199-230.