Wolfgang Thierses vergeblicher Kampf gegen die Windmühlen

Wolfgang Thierses Artikel in der FAZ vom 22.2.2021 steht unter der Frage „Wie viel Identität verträgt die Gesellschaft?“ und der Forderung: „Identitätspolitik darf nicht zum Grabenkampf werden, der den Gemeinsinn zerstört: Wir brauchen eine neue Solidarität.“

Seine Analyse ist Anlass für eine Auseinandersetzung in den öffentlichen und sozialen Medien. Er erntet Kritik und Zustimmung. Darüber verweht sein wichtiger Appell, „wir brauchen eine neue Solidarität“.

Das, was Thierse im Kern sagt und wohl auch sagen will, teile ich uneingeschränkt: Diversitätsfragen in der Gesellschaft dürfen den Grundkonsens in unserem Land nicht zerstören. Die von ihm für seine Meinung benutzten sprachlichen Mittel jedoch, sind für eine nach vorne gerichtete Debatte über das Thema untauglich. 

Statt sich in seinem Skript auf eine Diskussion unter Menschen einzulassen, lässt er Begriffe agieren.  Er gerät über die Nutzung und Definition der von mir so genannten „gefährlichen Wortmaschinenals handelnde Subjekte  unversehens selbst in eine Sackgasse.

Sein Auftritt erinnert deshalb an das Bild von Don Quijote und Sancho Panza: Da reitet ein blitzgescheiter frühere Bundestagspräsident gegen Windmühlen. Dafür gibt es gute Gründe. Ich will vier nennen und die Frage stellen, was könnte man stattdessen tun, um gehört zu werden?

1.Die Windmühlen

Wolfgang Thierse stellt fest,

Themen kultureller Zugehörigkeit scheinen jedenfalls unsere westlichen Gesellschaften mittlerweile mehr zu erregen und zu spalten als verteilungspolitische Gerechtigkeitsthemen.

Das Thema kulturelle Zugehörigkeit“ löst demnach – wenn man Wolfgang Thierse beim Wort nimmt – Streit aus.

Es ist  nicht eine Person, die Streit auf der lebensweltlichen Ebene auslöst und  handelt, also zu dem Thema kulturelle Zugehörigkeit in der Realität auf der Ebene des Verhaltens spricht oder schreibt und an deren Worten daraufhin eine andere Person, die  zuhört oder das liest, Anstoß nimmt.

Es sind vielmehr – in der Darstellung Thierses – die Begriffe, die agieren und  sich gewissermaßen selbst in handelnde Subjekte verwandeln. Thierse wechselt, um ein Bild zu benutzen,  sprachlich  – wie das viele Menschen, die reden oder schreiben,  tun- in eine Metaebene. Auf die Ebene der Begriffe. 

Das erinnert an den Kampf Don Quijotes  gegen Windmühlenflügel. Denn die lebensweltliche Diskussion – sei es im direkten Gegenüber mit Parteimitgliedern oder Menschen im Alltag – beachtet der Kämpfer Thierse nicht. Er führt deshalb Begriffsgefechte oder besser noch lässt Wortmaschinen kämpfen. 

 

Das sind – um im Bild zu bleiben – die Windmühlenflügel. Wer genau hinhört und die Beschreibung wörtlich nimmt, der sieht Begriffe (Themen) hin und her laufen und nicht Menschen einander begegnen.  

Diese Analyse des Sprachverhaltens von Thierses Wortbeitrag mag kleinkariert sein. Denn selbstverständlich hat der Autor  genau den Lebenssachverhalt „Streit in der Gesellschaft über Fragen der Diversität“ im Sinn.

Indes er beschreibt nicht die Handlungsebene, sondern – bildlich gesprochen – eine darüber liegende Metaebene. Das ist aber ein  Wahrnehmungsfilter, der die Ebene des persönlichen  Austausches zweier Menschen verdeckt. Sancho Panza macht es vor. Der Autor Simon Strauß wird eingangs mit folgender Beschreibung  zitiert:

Was früher die Konfession war, später die Ideologie wurde, ist heute Identität als erfolgversprechendstes Mittel, um Zugehörigkeit zu signalisieren.

Simon Strauß hat das Laufenlernen seiner Begriffe (durch seinen Vater?)  schon lange literarisch perfektioniert; sie werden zum Mittel der Tat. Es ist bei Strauß der Begriff Identität, der Zugehörigkeit signalisiert. Nicht die Eigenschaft einer Person, zu glauben oder nicht zu glauben, also eine innere Einstellung des Einen  – die bekanntlich nach außen nicht wahrnehmbar sein muss – löst beim zuhörenden Anderen ein Gefühl aus, sondern der äußere Stempel agiert: die Konfession, die Ideologie, die Identität, die Kultur.

2.Der Wind

Thierse stellt ferner Folgendes fest:

In Zeiten dramatischer Veränderungen ist das Bedürfnis nach sozialer und kultureller Beheimatung groß. Eine Antwort auf dieses Bedürfnis ist die Nation. Das nicht wahrhaben zu wollen, halte ich für elitäre, arrogante Dummheit.

Seine Antwort auf das von einem oder mehreren Menschen geäußerte  Bedürfnis nach sozialer und kultureller Beheimatung ist demnach nicht die Frage, „wo würdet ihr euch denn aufgehoben fühlen“, sondern  – ohne die Antwort auf die Frage abzuwarten, oder die Frage gar erst zu stellen –  nennt er eine Antwort: „die Nation“. Begriffe ersetzen für Thierse an dieser Stelle nicht nur Bedürfnisse, sie stillen die Bedürfnisse  auch: das Bedürfnis nach sozialer Heimat wird durch einen Begriff gestillt: die Nation.

Thierses Gesprächsmethodik gibt keinen Dialog zwischen Menschen wieder. Vielmehr lässt er  Begriffe sich miteinander austauschen. Diese Begriffe sind darüber hinaus auch noch unfähig zum  Dialog. Denn hätte er Menschen miteinander sprechen lassen, so wäre ihm aufgefallen, dass das Gegenüber einer von ihm gegeben Antwort vielleicht widersprochen und genau über diese Antwort einen weiteren Gesprächsstrang gern eröffnet hätte.

Beim Austausch der Begriffe eröffnet Thierse hingegen keine weitere Perspektive der Gesprächsführung, sondern er springt ohne ersichtlichen Grund in eine nächst höhere zweite begriffliche Ebene: Er gibt den Zensor. Er beurteilt und schneidet bestimmte widersprechende Antworten von vornherein ab: „Das nicht wahrhaben zu wollen, halte ich für elitäre, arrogante Dummheit.“

Verschwunden sind die Menschen in der Nachbarschaft, in Stadt und Land. Geblieben ist der begriffliche Stempel Nation. Die Nation, das Volk, die Gesellschaft, die Kultur als Entitäten verstanden, sind sie der Wind, der heilt oder zerstört. Der sanft säuselnd streichelt oder orkanhaft zerstört.

3.Die Müller:innen

Die Herrscher:innen der Wind-Mühlen sitzen im Maschinenraum der Wahrnehmung. Sie verändern in den Institutionen von Ausbildung und Beruf die Köpfe und auch die Bäuche derjenigen, die später die Leitstellen der Organisationen von Wirtschaft und Gesellschaft besetzen.

Einer dieser Maschinisten und ein begabter Techniker im Umgang mit solchen gefährlichen Wortmaschinen war 1964 der Erfinder des berühmten Diktums vom „freiheitlichen Staat“, der seine eigenen Voraussetzungen nicht sichern könne, Ernst-Wolfgang Böckenförde (1930-2019).

Als Schüler von Joachim Ritter und Carl Schmitt, hat er gelernt, die gefährlichen Wortmaschinen der vergangenen Jahrhunderte zu reparieren, gewissermaßen so einzustellen, dass sie in das Instrumentarium eines rechtsstaatlichen Verfassungsvollzugs passen.

Es ist allerdings ein Leichtes, gefährliche Wortmaschinen wieder in Mordmaschinen zu verwandeln. Wie das geschieht, habe ich in einem kleinen Essay geschildert http://michaelbouteiller.de/?page_id=1695. Und, wer dann immer noch an der Kraft solcher Wortmaschinen zweifelt, sollte sich mit den Ereignissen um Jan 6 in Washington und in den USA befassen (http://michaelbouteiller.de/?p=1813).

4.Was ist das Geheimnis der    Wortmaschinen?

Wortmaschinen verändern die Wahrnehmung. Ich meine das wörtlich. Sie motivieren. Sie codieren um. Aus Mutlosigkeit wird Tatendrang. Aus Schönheit Hässliches und umgekehrt.

Ernst Barlachs (zwar umstrittene) Skulpturen  beeindruckten 1929 noch so sehr, dass Sie ihren Platz an der Fassade der Lübecker Katharinenkirche finden sollten. Nach 1933 werden sie zu widerlichen Beispielen entarteter Kunst. 

Vier andere Beispiele: Das befohlene und absolut unsinnige Anrennen gegen die Maschinengewehrgarben, d.h., der befohlene Völkermord von Verdun, wird zum herrlichen Blutopfer für die Deutsche Nation oder das Selbstmord-Attentat zum himmlischen Martyrium. 

Und im politischen Alltag: Aus einer singenden Gruppe friedlicher Demonstranten werden unter anderem Blickwinkel in Mianmar und  anderswo revolutionäre Terroristen. Und im privaten Bereich: Aus der friedlich schlafenden, Abends noch lieblichen Partner:in, wird am Morgen plötzlich in der anders gefilterten Wahrnehmung ein schnarchender Bund der Hässlichkeit. Der Filterwechsel im eigenen Hirn wird nicht wahrgenommen.

Es soll damit genug sein. Die veränderte Wahrnehmung jedenfalls ist Folge des Filterwechsels, er spielt die entscheidende Rolle. Deshalb liegt der 1927 in Lübeck geborene Journalist Rolf Winter mit der Schlussfolgerung aus seinen sehr lesenswerten Kindheitserinnerungen, „Hitler kam aus der Dankwartsgrube (und kommt vielleicht mal wieder). Eine Kindheit in Deutschland, Hamburg 1991,“ falsch.

Hitler kam eben nicht aus den Gruben der Armut. Er kam aus den Wortwerkstätten der Elite, oben auf dem Stadthügel, in der Musterbahn, wo die Possehls des Freistaates wohnten, die Ideengeber des Faschismus und Verantwortlichen für die völkische Brille.

Dort nämlich entstanden die Weltmachtträume von der deutschen Nation. Dort wurde im Ergebnis beschlossen, dass die Homogenität der deutschen Gesellschaft, d.h. die deutsche Nation, mit allen Mitteln zu sichern sei. Der arische (weiße) Herrenmensch war es, der die Homogenität (Einheit) der Nation vor seiner angeblich von jüdischem Geistesgift, slawischen Barbarenvölkern oder kommunistischen Revolutionären bedrohten Existenz sichern musste. In den Armutsgruben folgte man – alternativlos – den Botschaften der autoritären Charaktere der Oberstadt.

Die gefährlichen Wortmaschinen lagen und liegen heute also noch bereit zur Verwendung als Argument für‘s Abschieben, Ausbürgern, Ermorden.

5.Was tun?

Jedenfalls sollte man das Reden mit den gefährlichen Begriffen als handelnde Subjekte unterlassen.  Dabei wäre zu beachten, dass ein solcher Versuch eben nicht von dem Wahrnehmungsfilter einer begrifflichen  Entität überdeckt wird. Das ist indes der Fehlgebrauch bei Wolfgang Thierse auch im folgenden Beispiel. Dieses Beispiel mag dann die Geschichte Don Quichottes und Sancho Panzas beenden:

 

„Und genau als solches Ensemble prägt als Kultur die relative stabile Identität einer Gruppe, einer Gesellschaft und eben auch einer Nation.

Und ich füge sofort hinzu: und ändert sich dabei! Denn Kultur ist selbst auch der eigentliche Raum der Bildung und Veränderung von Identitäten, der Vergewisserung des Eigenen wie auch der Aneignung und des Erlernens von Fremdem. Das macht Kultur so wichtig und Nation eben nicht überflüssig

…Identitätspolitik, wenn sie links sein will, stellt auf radikale Weise die Gleichheitsfrage. Sie verfolgt das berechtigte Interesse, für (bisherige) Minderheiten gleiche soziale, ökonomische und politische Rechte zu erringen. Sie ist eine Antwort auf erfahrene Benachteiligungen. In ihrer Entschiedenheit ist sie in der Gefahr, nicht akzeptieren zu können, dass nicht nur Minderheiten, sondern auch Mehrheiten berechtigte kulturelle Ansprüche haben und diese nicht als bloß konservativ oder reaktionär oder gar als rassistisch denunziert werden sollten.“

 

Postnationalismus

 Zur Identitätskrise lesenswert der Artikel von Schwabe in Publik Forum 5/2021

Den Artikel Thierses im Langtext finden Sie hier

Autor: Michael Bouteiller

1943, Richter am Verwaltungsgericht Minden, Gründung IBZ Friedenshaus (Internationales Begegnungszentrum) Bielefeld, Aufbau und Leitung Wasserschutzamt Bielefeld, Bürgermeister a.D. Lübeck, Rechtsanwalt