Präfaschismus USA-BRD- Weimarer Republik

Ein Vergleich der Lage der Ereignisse in den USA und der Lage der Geschehnisse in Deutschland von 1918 – 1933 ist fruchtbar.

Dazu mag eine Analyse der damaligen Ereignisse im überschaubaren Freistaat Lübeck (bis 1937) hilfreich sein (http://michaelbouteiller.de/praefaschismus-in-luebeck).

Der wesentliche Unterschied liegt m.E. in der Struktur der medialen Kommunikation, weniger in den durchaus vergleichbaren politischen Ökonomien damals und heute.

Die analoge Informationswelt im Deutschen Reich war ebenfalls hoch organisiert. Hugenberg hatte die Zeitungs- und Filmwelt konzentriert.

Hugenberg Konzern

In den USA wäre Hugenberg heute u.a. mit Murdock u.a. vergleichbar.

Die gesellschaftliche Lage im Deutschen Reich war durch die straffe Organisation der Völkisch-Konservativen im Alldeutschen Verband (ADV) mit seinen Mitgliedsverbänden ca. 150.000 Mitglieder (meist lokale Eliten, Intellektuelle, Influencer) gekennzeichnet. Der ADV hatte in der Weimarer Republik  in weiten Landesteilen die kulturelle Dominanz.

In den USA entspricht dieses Netzwerk der ADV etwa den zivilen Organisationen, die den Republikanern nahestehen.

Das Binde- und Steuerungsmittel zwischen Wirtschaft, Gesellschaft und Politik waren damals und sind auch heute die Spenden-Vereinigungen.

Seit 2010 ist in den USA nach einer Entscheidung des Supreme Court der unbegrenzte Einsatz von Spendengeldern zulässig (https://de.m.wikipedia.org/wiki/Citizens_United_v._Federal_Election_Commission). In Georgia (10,6 Mio.Einwohner) sollen alleine für die Senatswahl im Januar 2021 ca. 400-500 Mio.$ geflossen sein. Ted Cruz und sein Trump-Rep-Kollege wurde z.B.durch Milliardäre in der Steal-Campagne unterstützt (https://www.theguardian.com/us-news/2021/jan/15/trump-republicans-election-defeat-club-for-growth).

In Weimar waren derartige Partei-Finanzierungen an der Tagesordnung. Ein auf politische Parteien bezogenes Spendengesetz, das eine Beschränkung vorgesehen hätte,  gab es nicht.

Der entscheidende Unterschied liegt in dem Wandel der Kommunikation zur digitalen Struktur. Dieser Wechsel vom Analogen zum Digitalen beschleunigt die gesamte politisch relevante Kommunikation.

Darüber nachdenken!

Siehe auch :    

http://michaelbouteiller.de/archive/1711

Der Rest ist Schweigen – vielleicht – Die sozialen Medien machen Donald Trump nach dem Desaster in Washington mundtot. Aber der Schaden, den er angerichtet hat, wird nun zum Selbstläufer

Der Sturm auf das Kapitol am 5. Januar hat am Wochenende seinen Widerhall in den sozialen Medien gefunden: Nach der erst nur zeitweiligen Blockierung des Twitter-Accounts von Donald Trump darf er nun auf unbestimmte Zeit nicht mehr twittern wegen „des Risikos einer weiteren Anstiftung zur Gewalt“.

Derweil treiben Apple, Google und Amazon die bei Trumps treuen Truppen beliebte App Parler in die wirtschaftliche Enge, um ihren politischen Gebrauch zu verhindern. Apple vertreibt Parler nun nicht mehr und Amazon hat sie zwischenzeitlich abgeschaltet – ein Wink mit dem Zaunpfahl, dass die Social-Media-Ära der Trumpisten dem Ende nahe ist.

Der nun doch scheidende US-Präsident schweigt weitgehend zu alledem. Das Wetter in den USA ist nicht so sehr nach Golfen als Symbol des Desinteresses an Washingtons Polit-Betrieb. Seine Republikaner überschlagen sich in ihren Absetzbewegungen und „special people“, die das Kapitol angriffen, scheinen etwas ratlos, weil sie nicht gesiegt haben.

Der Harvard-Politologe Daniel Ziblatt mutmaßt denn auch im FR-Interview, dass Trump keinen Plan hat, dass er „nur für kleine Zeiträume Pläne schmieden kann“. Ziblatt warnt aber auch davor, Trump völlig abzuschreiben: „Jeder Tag mit ihm als Präsident ist ein Risiko.“ Denn die Vermutung steht: Trumps seit Jahren ohne Unterlass betriebenes Medien-Bombardement der USA zeigt nachhaltige Wirkung.

In gewisser Weise hat Trump erreicht, was er immer versprach: „Make America Great Again.“ Leider nicht so, wie es ein gewitzter Twitterer interpretierte: „Am Ende hat Trump die Republikaner die Präsidentschaft gekostet, den Senat und das Repräsentantenhaus (…) Er hat Amerika wirklich wieder groß gemacht.“ Viel eher hat er der Ultrarechten gezeigt, welche Macht sie entfalten kann – auf den Straßen, im Netz und in den Korridoren des Kapitol

Die Soziologin Anna-Katharina Meßmer warnt denn auch davor, die Rolle von Twitter & Co. für Trumps „Armee“ zu überschätzen. Seine „Reichweite lag nicht allein an Twitter“, sagt die Projektleiterin bei der Stiftung Neue Verantwortung. Trump als bekannte Größe in den alten Medien habe dort viel mehr Leute erreichen können. „Alles, was er getwittert hat, wurde besprochen und aufgriffen.“ Die sozialen Medien seien „ein nicht zu unterschätzender Katalysator“, warnt Meßmer. Durch den können sich viele neue Trumps entwickeln – oder der alte Trump neu erfinden.

Und so mahnen alte Medien die Netz-Giganten vorm bemühten Muskelspiel ihrer plötzlich entdeckten sozialen und politischen Verantwortung: Demokratie rette oder belebe man nicht durch mediale oder ökonomische Macht. 

 Peter Rutkowski mit epd

FR vom 11.01.2021, Seite 1