Die Lübecker Kontroverse Julius Lebers mit Bürgermeister Neumann in den 1920er Jahren*

* Fußnoten im Skript „Präfaschismus in -Lübeck“ http://michaelbouteiller.de/praefaschismus-in-luebeck

1. Die Kontrahenten und ihre Lager

Julius Leber kam 1921 als Chefredakteur des Lübecker Volksboten nach Lübeck. 1891 im seit 1871 deutschen Elsass-Lothringen geboren, hatte er nach dem Abitur in Straßburg und Freiburg Nationalökonomie und Geschichte studiert, meldete sich 1914 freiwillig  zum  Kriegsdienst, wurde zweimal verwundet, erlitt eine Gasvergiftung, wurde mit dem EK 1 und 2 ausgezeichnet und ging als Leutnant ab. Er diente nach dem Krieg bis 1920 wieder als Batteriechef in der Reichswehr bei den Grenzschutztruppen im Osten. Danach studierte er in Freiburg weiter und wurde 1920 zum Dr.rer. pol. promoviert.  Bereits als 14jähriger trat er der SPD bei. 1921 wurde er Mitglied der Lübecker Bürgerschaft. Von 1924 bis 1933 war Leber auch Reichstagsabgeordneter.

Julius Leber

Der 1865 in Lübeck geborene Dr. Johann Andreas Martin Neumann besuchte das Katharineum und studierte in Freiburg, Leipzig und Kiel Rechtswissenschaften und Nationalökonomie. 1889 wurde er, zurück in Lübeck, Referendar, nach drei Jahren Assessor und ein Jahr später Richter am Landgericht. 1899 wählte man ihn in die Bürgerschaft und 1904 zum Senator. 1921 wurde er als Parteiloser Nachfolger von Bürgermeister Emil Ferdinand Fehling.

Johann Andreas Martin Neumann

Leber erkannte in Neumann den Exponenten der ihm verhassten reaktionären nationalistischen Bewegung des preußisch-deutschen Kapitalismus. Als Batteriechef bei der Feldartillerie war Leber nach Kriegsende mit seiner Einheit kurz vor seiner Berufung nach Lübeck an der Ostfront schon einmal „zwischen die politischen Fronten“ geraten. Beim Kapp-Putsch (1920) hatte er sich mit seiner Einheit von Belgard aus auf die Seite der Republik gestellt und wurde (unter Protest) aus der Reichswehr  entlassen.

In Lübeck traf er – nun als Chefredakteur des „Lübecker Volksboten, Organ für die Interessen der werktätigen Bevölkerung“ – auf den parteilosen in seinen Kreisen unumstrittenen Anführer der extremen nationalen Rechten in der Stadt, Dr. Neumann, der gerade zum Regierenden Bürgermeister der Stadtrepublik gewählt worden war. 

Die Freie- und Hansestadt Lübeck war seit 1871 und bis zu ihrer Eingliederung in die Provinz Schleswig-Holstein 1937 neben Bremen und Hamburg eine der drei Republiken der 25 bzw. 26 (mit Elsass-Lothringen) Bundesstaaten des Deutschen Reiches. Die anderen Bundesstaaten waren Monarchien bzw. Fürstentümer. Lübeck rangierte nach der Einwohnerzahl von 1871 mit ca. 40.000 zwar an drittletzter Stelle der Bundesstaaten. Die industrielle Entwicklung der Boomjahre des letzten Viertels des 19.Jahrhunderts ließ die Handels- und Hafenstadt jedoch derart wachsen, dass am 1.11.1911 mit über 100.000 Einwohnern endlich die Bezeichnung „Großstadt“ erreicht werden konnte.

Die rasante industrielle Entwicklung Lübecks erklärt auch den zunehmenden Erfolg der Gewerkschaften und der Arbeiterparteien in Lübeck. In den sechs Bürgerschaftswahlen von 1919 bis 1932 wurde die SPD jeweils stärkste Partei. Erst in der Wahl am 6.3.1933 erhielt die NSDAP 42,8% gegenüber der SPD 38,3%.  Die SPD hatte in Lübeck 1894 noch 500, 1914 bereits 8034 Mitglieder.

Die Auseinandersetzung zwischen der organisierten Arbeiterschaft einerseits und der Elite des preußisch-deutschen Bürgertums in Lübeck andererseits spiegelt sich auch in den beiden größten Tageszeitungen der Stadt wider: dem „Lübecker Generalanzeiger“ in der Königstraße  mit 1929 45.000 Exemplaren und dem „Lübecker Volksboten“ in der Johannisstraße, heute Julius-Leber-Straße, mit einer Auflage von 14.000 Exemplaren.

Theodor Schwartz

Geschäftsführer des Lübecker Volksboten von 1895 bis 1919 war der 1841 in Lübeck geborene Johann Carl Theodor Schwartz. Schwartz war ein „Arbeiterführer“ im klassischen Sinn der Gründungszeit der Arbeiterbewegung. Er war gelernter Former, arbeitete auch als Schiffsjunge, Matrose, Schiffskoch und Wirt in Lübeck. 1868 trat er ´dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein bei, wurde durch die Vereinigung der Arbeiterparteien 1875 Mitglied der SDAP, die 1890 in SPD umbenannt wurde. Von 1890 mit Ausnahme der Jahre 1893 bis 1898 gehörte er bis 1918 dem Reichstag und von 1905 bis 1921 der Lübecker Bürgerschaft an. Er hatte zwar am 2.12.1914 für die Kriegskredite gestimmt. Er wurde aber ab 1915 ein strikter Gegner der Kriegsführung und war deshalb am 4.7.1917  u.a. wie Karl Liebknecht (damals SPD) Gründungsmitglied der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei (USPD) in Gotha.

Neumann hingegen war ein beispielhafter Exponent des preußisch-deutschen und Lübecker Bürgertums des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Er machte aus seiner nationalistischen, antirepublikanischen und antidemokratischen Gesinnung keinen Hehl. Frühzeitig hatte er sich dem ADV verschrieben. Er war 1901 mit 36 Jahren Vorsitzender der Ortsgruppe Lübeck und propagierte dort und im Reich die Ziele seines Verbandes. Neumann war enger Freund des späteren Vorsitzenden des ADV, Justizrat Dr. Claß und von 1904 bis 1907 Mitglied der Hauptleitung des ADV. Die Hauptleitung, deren Mitglieder auf drei Jahre gewählt wurden, bestand aus dem Vorsitzenden und bis zu fünf weiteren Mitgliedern. Sie übernahm die Führungsaufgaben des streng hierarchisch ausgerichteten Verbandes.

Als lübischer Bevollmächtigter im Bundesrat war Neumann auch deshalb von besonderer Bedeutung, weil er vertrauliche Informationen über innen- und außenpolitische Entwicklungen auf hoher politischer Ebene an seinen Freund Claß weitergeben konnte. Von 1907 bis 1909 war Neumann auch Direktor der Gesellschaft zur Beförderung gemeinnütziger Tätigkeiten (Gemeinnützige). Neben Neumann waren aus der Stadtregierung die Senatoren Johann Heinrich Evers (1855-1926), Dr. Cay Diedrich Lienau (1867-1953) und Dr. Georg Kalkbrenner (1875-1956) Mitglieder des ADV.

Die Gemeinnützige spielte im kulturellen und gesellschaftlichen Leben in der Zeit des Kaiserreiches und in der Weimarer Republik im Kleinstaat Lübeck eine große Rolle, die mit ihrer heutigen Bedeutung nicht zu vergleichen ist. Deren Mitgliederzeitung, die „Lübeckischen Blätter“, waren damals für die Meinungsbildung des Bürgertums in der Stadt nicht zu überschätzen. Maßgeblich für dieses Meinungsmedium wurde in den 20er Jahren deren  Schriftleiter (1922-1951) Paul Brockhaus. 

Brockhaus verkörperte – wie das Dr. Manfred Eickhölter sagt – „wie kein zweiter Kulturschaffender Lübecks den Typus eines Deutsch-nationalen Bildungsbürgers, Antidemokrat von Herzen, Wegbereiter und treuer Anhänger einer nationalsozialistischen Erneuerung schon vor 1933“. Er war Aktivist der „Niederdeutschen Bewegung“ und führendes Mitglied deren  „Fehrs-Gilde“. Spätestens in den 20er Jahren vertrat diese Gilde rassistische Positionen bis hin zu offenem Antisemitismus. Brockhaus hatte schon früh den Gedanken eines „niederdeutschen Kulturraumes von Flandern bis zum Baltikum“ auch in die „Nordische Gesellschaft“ in Lübeck eingebracht. Als Teil der völkischen Bewegung trat die Gilde offen für den Anschluss aller „niederdeutschen“ Länder an das Deutsche Reich ein. Sie vertrat sozialdarwinistische und rassisch-arische Ziele. Brockhaus war als Mitglied des „Ehrenrates“ führendes Mitglied dieser Gilde. 

Ein drittes maßgebliches Mitglied der durch und durch  reaktionären „geistigen Lebensform“ Lübecks und einer ihrer maßgeblichen finanziellen Treiber war der Lübecker Großkaufmann und Großindustrielle Emil Possehl (1850-1919). Er war zu seiner Zeit  der reichste und wohl politisch einflussreichste Lübecker Bürger, auch durch sein politisches Wirken in Senat (seit 1901), Bürgerschaft (1891), in der Handelskammer und in den bekannten reichsweit tätigen deutsch-völkischen Vereinen und Verbänden.

Emil Possehl

Er war Mitglied des ADV, bzw. dessen Gründungsmitglied. In den Vorkriegsjahren eng mit Justizrat Claß verbunden, glaubte er wie Claß und der 15 Jahre jüngere Neumann an den „volklich höheren Rang der germanischen Völker und an ihre Berufung zu ordnen und zu führen.“ Er war der Prototyp des patriarchalisch-autoritären Unternehmers ebenso wie die mit ihm gut befreundeten Alfred Hugenberg (Krupp-Konzern) und Emil Kirdorf (Rheinisch-Westfälisches-Kohlensynikat), beide ebenfalls mit großem Einfluß im ADV. 

Nachdem der Gesamtverband des ADV 1911 in Lübeck getagt hatte, verfasste Possehl 1912 beispielsweise im Auftrag des ADV eine Denkschrift an das Reichsamt des Inneren, in der ein wirtschaftlicher Generalstab zur Sicherstellung der Versorgung des Deutschen Reiches im vom ADV erwünschten und erwarteten „großen Krieg“ vorgeschlagen wurde.  Possehl und Neumann waren auch Gründungsmitglieder des 1912 in Berlin auf Anstoß des ADV gegründeten Deutschen Wehrvereins.

Aus Anlass der Niederlage des Deutschen Reiches in der Zweiten Marokkokrise 1911 setzte sich der Wehrverein für die unverzügliche Aufrüstung der kaiserlichen Armee ein und forderte ganz im Sinne der geschäftlichen Interessen Possehls im Erz- und Stahlhandel die Einrichtung eines wirtschaftlichen Generalstabs. Neumann unterzeichnete im Landesverband Lübeck des Wehrvereins als Beisitzer.

Von großem Einfluss auf das kulturelle Leben des Lübecker Staates und dessen bürgerlicher Gesellschaft war schließlich traditionell die Kirche, in Lübeck in erster Linie die evangelische Kirche. Ihre führenden Geistlichen waren in der hier fraglichen Zeit mehrheitlich in nationalen und nationalistischen Vereinen engagiert. Gleiches galt auch für die Justiz, hier waren beispielsweise die Landgerichtspräsidenten Hoppenstedt (1834-1910) und Dr. Richard Oemler (1913-1930) Mitglieder des ADV.

2. ADV als Mutterlauge der konservativen   Revolution

Der ADV war ein wichtiger Ideengeber des konservativen und rechtsnationalen preußisch-deutschen Bürgertums vom Kaiserreich über die Weimarer Zeit bis hin zum Nationalsozialismus. Der Historiker Gerd Fesser spricht von der „Mutterlauge“ des Nationalsozialismus“. Das gilt auch für Lübeck, dessen Ortsgruppe unter Neumanns Vorsitz besonders aktiv war. 1917 hatte die Lübecker Ortsgruppe bei rd. 100.000 Einwohnern immerhin 300 Mitglieder. Im Vergleich zur größten Lokalgruppe des ADV mit 640 Mitgliedern in der Hansestadt Hamburg mit damals rd. 840.000 Einwohnern war das eine beachtliche Leistung, besonders ihres Vorsitzenden Neumann.

Der ADV war der Thinktank und nationalistische Vorläufer der „Konservativen Revolution“ und des Nationalsozialismus. Nach seinem Selbstverständnis war er zugleich die kulturelle Sammelstelle u.a. der folgenden tief im Bürgertum des Bismarckreiches und der Weimarer Republik verwurzelten nationalen Fachvereine und Parteien mit großer gesellschaftlicher Breite: Deutscher Flottenverein, Deutscher Kolonialverein, Deutscher Wehrverein, Evangelischer Bund zur Wahrung der deutsch-protestantischen Interessen, Reichsverband gegen die Sozialdemokratie, Hamburgischer Verband gegen die Sozialdemokratie, Unabhängiger Ausschuss für einen Deutschen Frieden, Hauptvermittlungsstelle der vaterländischen Vereine und Verbände, Deutsche Vaterlandspartei, Verein für das Deutschtum im Ausland, Deutscher Ostmarkenverein und Deutschbund. Bereits 1901 hatte der ADV ca. 22.000 Einzelmitglieder, ihm gehörten 93 Vereine als korporative Mitglieder mit ca.150.000 Personen an. 

Die Intentionen des ADV waren keineswegs rückwärtsgewandt. Claß schwebte eine Ordnung der Moderne nach rassischen Kriterien vor.

Heinrich Claß

Die „größere Zukunft“ sollte der Krieg erwirken als „Lösung aller europäischen Fragen“. Gründungspate dieses mächtigen Thinktanks waren ein 1891 noch  nahezu unbekannter äußerst begabter 25jähriger Regierungsassessor, Alfred Hugenberg, und  Carl Peters. Hugenberg war ein Spezialist für Aufbau- und Ablauforganisation von  personellen Netzwerken. Peters war der später wegen seines grausamen Vorgehens gegen die Eingeborenen Ostafrikas „Hänge-Peters“ genannte Kolonialpolitiker Carl Peters. Seit dem 1. Juli 1894 hieß der Verband „Alldeutscher Verband“. Er gewann im Laufe der Zeit, zunächst unter seinem ersten Vorsitzenden Prof. Dr. Ernst Hasse (ab 1893) und ab 1908-1939 unter Justizrat Dr. Heinrich Claß erheblichen, wenn auch zeitweise durchaus umstrittenen Einfluß auf die Politik von Reich und Bundesländern. 

Jedenfalls stand er fast 50 Jahre, d.h. annähernd zwei Generationen lang, immer wieder im Mittelpunkt der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, wenn es um Kriegsziele, Kolonialpolitik, Außenpolitik, Innen- und Rechtspolitik, insbesondere, wenn es um die Stellung der Juden, von Ausländern, von Sozialdemokraten und Liberalen, der Medien- und Kirchenpolitik ging. Der Verein verstand sich als Wahrer des wirklichen Deutschtums und Hüter der wahren Deutschen Bildung. Der ADV ist im März 1939 von Reinhard Heydrich, dem Chef der Sicherheitspolizei, aufgelöst worden mit dem m.E. zutreffenden Bemerken, er habe sein Programm erfüllt. 

Kriegsziele und Diktaturpläne: Die Verbandsleitung des ADV gab ihrem Vorsitzenden Claß Ende August 1914 auf ihrer Sitzung in Berlin weitgehende Vollmachten. So konnte er z.B. die Vorlage zu den Kriegszielvorschlägen, die er zuvor u.a. mit Hugenberg abgestimmt hatte, in Wort und Tat umsetzen. Zu diesen Zielen gehörte u.a. das wohl erste Programm zur Vertreibung volksfremder Kräfte in Europa im 20.Jahrhundert. Johannes Leicht schreibt dazu in seiner Claß-Biographie:

„ Die militärische Eroberung von Siedlungsgebieten, vornehmlich in Ost- und Mitteleuropa sowie die politische Implementierung einer ethnisch homogenen Bevölkerung durch staatlich organisierte Umsiedlungsaktionen. Die Verbindung der geopolitischen Chiffre „Lebensraum“ mit der biopolitischen Semantik vom „Volk“ als organisch konzipiertem Kollektivkörper in einem  konkreten Vorschlag zur Wiederherstellung einer vermeintlich natürlichen Ordnung bildete den Kern alldeutscher Kriegszielforderungen. Der Nexus von territorialer Expansion nach außen und ethnischer Segregation nach Innen versprach die Realisierung der Vision einer ethnisch-kulturell homogenen, sozial pazifizierten und politisch konformen „Volksgemeinschaft“. Die Umsetzung des Programmes bedurfte eines starken Führers.

3.  Paul de Lagarde: Wortgeber der konservativen Revolution

Die ideologischen Wurzeln des ADV reichen tief in die reaktionäre Gedankenwelt der  Gegenaufklärung und Romantik des 18. und 19. Jahrhunderts. Geistiger Ahnherr dieses Verbandes war ein scharfzüngiger Gelehrter, der sich beruflich einer kritische Rekonstruktion des Alten- und Neuen Testaments auf der Grundlage der ersten, auch orientalischen Texte verschrieben hatte, Paul de Lagarde (1827-1891). 

Paul de Lagarde

Der spätere Lübecker Nobelpreisträger Thomas Mann rechnete Lagarde noch im Alter von 41 Jahren in den „Betrachtungen eines Unpolitischen“ 1918 neben Nietzsche und Wagner zu „den Großen dieses Volkes“ und bezeichnete ihn als „Praeceptor Germaniae“ (Lehrmeister Deutschlands). Lagarde gab dem traditionellen Kulturpessimismus der geistigen und ökonomischen Elite des Kaiserreiches Ende des 19. Jahrhunderts ganz im Sinne Fritz Sterns

Fritz Stern

mit folgenden vier Überlegungen die bündige Fassung:  

  1. Angesichts des drohenden geistigen und wirtschaftlichen Niederganges des Deutschen Reiches und für den Fortbestand des Deutschen Volkes unerlässlich sei eine einende nationale Erhebung und eine neue nationale Religion. Um den unfruchtbaren Streit der alten Religionsgemeinschaften, die die Nation spalten, zu überwinden, wird eine neue politische Glaubensgemeinschaft zu gründen sein. Nur eine solche führt zur Wiedergeburt des Deutschen Reiches. Das Entstehen dieser nationalen Religion bedarf allerdings eines heldischen Führers. “Nur eines Mannes großer, fester, reiner Wille kann uns helfen, eines Königs-Wille, nicht Parlamente, nicht Gesetze, nicht das Streben machtloser Einzelner“.
  1. Für den Neuaufbau dieses Deutschen Reiches sind die Begriffe „Staat“ und „Nation“ neu zu bestimmen. Anders als nach der überkommenen hegelschen Definition ist der „Staat“ nichts als eine Maschine, die bestimmte Aufgaben zu erfüllen hat. Demgegenüber ist die „Nation“ die eigentliche (mystische) Verkörperung des Volkes. Ein Volk kann nur dann zur Nation werden, wenn es in seiner Gesamtheit die ihm von Gott bestimmte Sendung annimmt. Die so gebildete Nation kennt keine Schranken (und Gesetze). Sie hat nur einen Willen und kennt keinen Zwist. Sie verkörpert die immanente Einheit artgleicher Menschen. Ihr Wille kann nicht angefochten werden.
  1. Den Juden, die neben der Arbeiterbewegung und dem um sich greifenden Liberalismus in Politik und Kultur Grund für Deutschlands Zwietracht und Niedergang sind, müssen ihre Existenzmittel genommen werden (Banken). Sie haben als Artfremde keinen Platz in dem geeinten Deutschen Volk. Mit diesem „wuchernden Ungeziefer“ könne es „keinen Kompromiss geben“. Mit Trichinen und Bazillen wird nicht verhandelt.Trichinen und Bazillen werden auch nicht erzogen. Sie werden so rasch und so gründlich wie möglich vernichtet“. Fritz Stern schreibt dazu: „Nur wenige Menschen haben Hitlers Vernichtungswerk so genau vorhergesagt – und so entschieden im voraus gebilligt“.  
  1. Das Deutsche Reich, das durch seine geografische Lage in Europa ungeschützt seinen Feinden (den Großmächten Russland, Frankreich, England) ausgesetzt sei, muss in „Mitteleuropa“ unbesiegbar werden. Deshalb ist die Kolonisierung Polens unabdingbar. Als erster Schritt ist dazu die Austreibung aller polnischen Juden erforderlich. Dann sollten den Slowenen, Tschechen, Ungarn und allen nicht deutschen Völkern innerhalb der österreichischen Monarchie Gebiete zugewiesen werden, in denen sie leben, sterben und vergessen werden könnten. Damit beherrschten die Deutschen ganz Mitteleuropa und könnten darüber hinaus im Osten Kolonialgebiete erobern. Zu einer wirksamen Verteidigung des Deutschen Reichs solle ferner im Westen des Reiches Elsass und Lothringen östlich „von den Argonnen“ zu Deutschland gezogen werden.

4.  Das gespaltene Lübeck

Der ADV trommelte mit seinen angeschlossenen Verbänden unermüdlich für die geistige Erneuerung und die ökonomische und militärische Stärkung des Reiches, eben für den „Griff nach der Weltmacht“ (im Sinne Fritz Fischers gleichnamigem Buch). 

Fritz Fischer 1908 -1999

Vor Ort, in Lübeck und anderswo, waren dabei alle Andersdenkenden, die Arbeiterparteien und freien Gewerkschaften „Feinde“. Es waren „Feinde“ und nicht „Gegner“. Wir können uns heute nur schwer vorstellen, wie tief die Spaltung der Gesellschaft vor Ort ging und mit welchem bis in die Familien reichenden Hass auf Andersdenkende die beteiligten Milieus aufeinander reagierten. Der Lübecker Schriftsteller Heinrich Mann hat das enge städtische Lübecker Milieu ganz zutreffend in seinem 1914 verfassten und 1918 erschienenen  Roman „Der Untertan“ beschrieben. 

Dabei muss man sich vor Augen führen, dass das von Heinrich Mann beschriebene Gesellschaftsmodell nicht allein auf den alles überdeckenden Klassenkonflikt zwischen Bürgertum und Arbeiterschaft des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts zurückgeführt werden kann. Norbert Elias deutet den Hohenzollernstaat in seinen gesellschaftlichen Wirkungen auf das Bürgertum nach 1871 vielmehr einleuchtend folgendermaßen: 

„… bürgerliche Industrielle und Kapitalbesitzer bildeten nicht die herrschende, die Oberschicht des Landes. Die Stellung des Kriegs-und Beamtenadels als höchstrangige und mächtigste Schicht der Gesellschaft wurde durch den Sieg von 1871 nicht nur gewahrt, sondern verstärkt. Nicht das gesamte, aber doch ein guter Teil des Bürgertums passte sich verhältnismäßig rasch diesen Gegebenheiten an. Sie fügten sich als Vertreter einer zweitrangigen Klasse, als Untertanen, in die Gesellschaftsordnung des Kaiserreichs ein.“ 

Die Verhaltensweisen des Kriegs-und Beamtenadels prägten also die bürgerliche Elite. Ein klassisches Beispiel dafür ist der wegen seines autoritären Verhaltens seinerzeit von vielen in Lübeck gehasste „Herrenmensch“ Emil Possehl. Die „werktätige Bevölkerung“ hatte auch noch in dem nachrevolutionären Lübeck kaum etwas mit den Kreisen der „Bürgerlichen“ zu tun. Denn die Kulturen überschnitten sich wenig bis überhaupt nicht. Die Lebenswelten waren getrennt. Man verkehrte in je unterschiedlichen Gaststätten, Sportvereinen, Kulturveranstaltungen, Wohnwelten, Arbeitswelten, hatte andere Lesetraditionen, Erziehungsstile, Bildungsinstitute, politische Einstellungen usw.  

Den schlagenden Beweis für die sich vertiefende Spaltung der Stadtgesellschaft vom Kaiserreich bis in die Weimarer Republik liefert die Verachtung der bürgerlichen Elite des Freistaates gegenüber der Arbeiterschaft in kulturellen Fragen, wie sie in den Vorbereitungen der als Haupt- und Staatsaktion des Jahres 1926 angelegten 700-Jahr-Feier der Reichsfreiheit zum Ausdruck kommt. Mit der Vorbereitung begann man ein Jahr zuvor. Bürgermeister Neumann, der die Organisation leitete, erklärte noch am 17. Juni 1925 im Bürgerschaftssaal des Rathauses, „dass die Feier nur veranstaltet werden könne, wenn sie eine gemeinsame Angelegenheit der gesamten lübeckischen Bevölkerung und über jeden Streit und Gegensatz de Meinungen, der Parteien, der Berufe, der Konfessionen und der sozialen Schichtung hinausgehoben werde.“

Festumzug am 6. Juni 1926 durch die Breite Strasse, St. Annen Archiv

Von der Organisation von Anfang an ausgeschlossen waren indes, entgegen der hohen Worte des Bürgermeisters, die Bürgerschaftsvertreter der werktätigen Bevölkerung in der Stadt, die Mitglieder von SPD und KPD, die rund 50% der Stimmen der Bürgerschaft vertraten, und die Freien Gewerkschaften, also praktisch der überwiegende Teil der Stadtbevölkerung. Man konnte sie – ohne zur Verantwortung gezogen zu werden – geflissentlich übersehen. Diese Form der sichtbaren Geringschätzung der kulturellen Elite gegenüber der Vertretung der Arbeiterschaft legt zugleich offen, dass das Narrativ vom „Roten Lübeck“ in der Weimarer Republik nicht begründet ist.

Ein kultureller Wandel der Auffassungen und Verhaltensweisen hin zur Akzeptanz von gesellschaftlichen und politischen Kompromissen, über die politischen und gesellschaftlichen Fronten hinweg, wie wir sie dann 50 Jahre danach aus den späten 60er und 70er Jahren des 20.Jahrhunderts kennen, fand praktisch nicht statt. Die Analyse Hans-Ulrich Wehlers für die Zeit der Weimarer Republik bis zu Hitler stellt für die Einstellung des oberen Bürgertums fest: „ Für die Republik in ihrer offensichtlichen Not hat sich kein einziger der Großunternehmer öffentlich stark gemacht. Kein Wunder mithin, dass ihnen ein Arrangement mit der Regierung Hitler alles andere als schwerfiel.“

Als der promovierte, im Ersten Weltkrieg verwundete und mehrfach militärisch ausgezeichnete Leutnant und Journalist Julius Leber 1927 die Tochter Annedore (1904-1968) des Direktors des Lübecker  Katherineums, Dr. Georg Rosenthal, heiratete, geschah das jedenfalls  gegen den erklärten Willen der Eltern. Denn die Maßstäbe für den Umgang der höheren Töchter in Lübecker gebildeten Kreisen waren damals eindeutig: Mit Sozialisten hatte man nichts zu schaffen. Erst später wurde man sich bei den Rosenthals einig, im Widerstand gegen Hitler. Georg Rosenthal nahm sich 1934 nach seiner Entlassung aus dem Schuldienst das Leben.

5. Das präfaschistische Lübeck

Das politische Lübeck erlebte 1926, sieben Jahre vor dem Ausbruch des offenen staatlichen Faschismus am 30.1.1933, zwei einschneidende Ereignisse, die der Barbarei des Nationalsozialismus vorausgingen. Sie lesen sich wie ein Menetekel der kommenden Katastrophe:  Erstens die  Entdeckung, dass der Freistaat still und heimlich, spätestens seit 1912, im Laufe der Zeit und von der breiten Öffentlichkeit nahezu unbemerkt, in die Hände eines faschistischen völkischen medialen Netzwerks geraten war (6.). Zweitens, dass ihr Regierender Bürgermeister, eine bisher untadelige hochgeachtete Vertrauensperson des Lübecker Patriziats, seit rund 20 Jahren hinter dem Rücken der Öffentlichkeit mit führenden Persönlichkeiten und Gruppierungen der konservativen Revolution im Freistaat und im Gesamtstaat eine Änderung der gesellschaftlichen und politischen Verfassung anstrebte. Er war nicht Biedermann sondern Brandstifter (7.). 

Eine Voraussetzung für diesen moralisch-politischen Bankrott der Stadtgesellschaft war ihre Unfähigkeit zur aufmerksamen Wahrnehmung der Zeichen einer sich seit langem verändernden Struktur der Öffentlichkeit. Das führte in eine von Jahr zu Jahr sich vertiefende Spaltung der Kulturen, die man einfach zugelassen hat. In ihren wechselseitig abgeschlossenen sozialen und kulturellen Welten, ihren „Blasen“, eingeschlossen und aufgrund der am Ende nicht zu überbrückenden Sprachlosigkeit, radikalisierten sich bürgerliche Elite und Arbeiterschaft wechselseitig. Der Doppelbinderprozess nahm seinen Lauf. Das Bürgertum konnte so unmittelbar am 30.1.1933, am Tag des Umsturzes, jeden Anstand verlieren. 

Noch nach dem 12. Mai 1926, also sieben Jahre vor der Naziherrschaft, als die städtische Gesellschaft in Lübeck durch das Auffliegen des Lübecker Putschversuches hätte aufschrecken müssen, hätte man möglicherweise umsteuern können. Stattdessen deckte die pompös inszenierte  Reichsfreiheitsfeier die Katastrophe zu. Denn dort war von „Lübeck als geistige Lebensform“ die Rede (Titel des Vortrages von Thomas Mann am 5. Juni 1926 im Stadttheater) und kein Ton vom Präfaschismus in der Stadt, was angesichts der aktuellen geistigen und sozialen Verfassung des Freistaats und aufgrund der Ereignisse  am 3.Juni 1926, d.h. des morgendlichen Rücktritts von Bürgermeister Dr. Neumann, nahe gelegen hätte. 

Thomas Mann feierte sich indes im Wesentlichen selbst als das Beispiel des mit der Vaterstadt tief verbundenen Künstlers an sich und verlor kein Wort über die sich aufdrängende demokratische Verantwortung des Bürgers für sein Gemeinwesen, das gerade auseinander zu brechen drohte. Stattdessen heißt es in seiner Rede abschließend: „Wir feiern ein Heimatfest, ein Fest städtisch-bürgerlichen Gedenkens. Da sind auch die weitgewanderten Künstler zur Stelle. Wie alles ist in der Welt entzweit, bergen sie sich in den Mauern der siebengetürmten Vaterstadt, um unter ihren Mitbürgern gute Zeit zu finden“. Das er denn auch persönlich tat. Er feierte in der Wohnung Ida Boy-Eds im Burgtor, zusammen mit dem Dirigenten Hermann Abendroth und anderen, auch von ihm selbst eingeladenen Gästen,  am 6.Juni 1926 seinen 51. Geburtstag und schaute sich den Festumzug von oben an. 

Über Neumann und die politischen Ereignisse hat man sich dort sehr wohl unterhalten. Reinen Wein in der Öffentlichkeit einzuschenken, das hochgelobte „Lübecker Weltbürgertum“ zur  Gegenwehr aufzurufen, war offenbar weder von den bürgerlichen Organisatoren der Feier noch von  den auswärtigen Kennern der Stadt, die eingeladen waren, erwünscht. Ein mutiges Wort von Thomas Mann wäre 1926 indes dringend geboten gewesen.

 

7. Hitler kam aus der Musterbahn

Die Kindheitserinnerungen des 1927 in Lübeck geborenen Journalisten Rolf Winter, „Hitler kam aus der Dankwartsgrube (und kommt vielleicht mal wieder),“ erzählen von der Armut und vielfältigen Abhängigkeit der Lübecker Arbeiterschaft, die unter teils erbärmlichen Bedingungen in den Gruben wohnte. In diesen zum Teil trostlosen Verhältnissen sah Winter die Brutstätten des Nationalsozialismus in Lübeck.

In Wirklichkeit lagen jedoch diese Verhältnisse und vor allem die für die Gewalttätigkeit notwendigen antirepublikanischen Ideologien mit dem Eigentum an den engen Mietshäusern in den Händen der elitären Lübecker Bürgerschicht, die in der Oberstadt wohnte, wie etwa Emil Possehl, der seine Privatwohnung, wenige Schritte von der Dankwartsgrube entfernt, oben auf dem Stadthügel in der Musterbahn hatte, mit idyllischem Blick auf den Mühlenteich. Von dieser Art bürgerlicher Elite stammten die Ideen einer nationalen Diktatur im Sinne des von Possehl unterstützten ADV. Sie keimten dann heran zu Hass und Gewaltbereitschaft auch in der Dankwartsgrube.

Dort kochte Armut und herrschte Wut und Hass auf die Herrenmenschen, die mit ihren Vorstehhunden, wie das Winter am Beispiel des Spediteurs Longuet schildert, in die Dankwartsgrube kamen, um dort die Miete abzukassieren. Die Lebenswelten des Industrie- und Beamtenadels im Kaiserreich und der Weimarer Republik einerseits und diejenige der Industrie- und Hafenarbeiter andererseits trafen auf der bloß 100 ha großen Altstadtinsel Lübecks hart aufeinander.

Willy Brandt erzählt etwa davon, wie er als Junge mit acht Jahren, als die Belegschaft des Betriebes, in dem sein Großvater Ludwig Frahm (1875-1935) arbeitete, den Dräger-Werken, ausgesperrt worden war, von einem der an ihm vorbeigehenden Direktoren des bestreikten Betriebes zwei frisch gebackene Brote geschenkt bekommen habe. Als er diese zu Hause habe abgeben wollen, und gefragt worden sei, woher er sie habe, musste der Junge sie in den Bäckerladen zurückbringen. Brandt schreibt, er habe auf diese Weise früh und eindrücklich etwas über Klassenbewusstsein gelernt, dass nämlich ein aufrechter Arbeiter, zumal im Arbeitskampf, sich „nicht mit Almosen abspeisen lässt“. 

Die Klassenfrage war damals kurz und bündig beantwortet. Während beispielsweise Willy Brandts Großvater, zunächst mecklenburgischer Landarbeiter, dann in Lübeck einfacher Arbeiter und anschließend Lastwagenfahrer bei den Dräger-Werken mit 50 Mark wöchentlich, d.h. mit  2.400 Mark im Jahr, für seine fünfköpfige Familie auskommen musste, konnte Possehl 1916 ohne weiteres 50.000 Mark für den Kauf und Aufbau des völkischen  ADV Blattes „Deutsche Zeitung“ erübrigen, damit es seine rassistischen und annexionistischen Botschaften im Sinne des ADV unter das Volk bringen konnte.

Mit von Partie war übrigens der Senatskollege Possehls, Senator Neumann, der ebenfalls mit 50.000 Mark für die Deutsche Zeitung auf der Spendenliste stand. Wie der spätere Bürgermeister Neumann allerdings einen solch beachtlichen Betrag nebenher hatte selbst aufbringen können, bleibt schleierhaft. Von seinem Senatorengehalt war das nicht möglich. Die Vermutung liegt nahe, dass er diese Geldmittel aus Nebeneinkünften bezog, die mit Hugenberg oder Possehl in Beziehung standen. 

8. Lübecks unsichtbarer Herrscher

Am Dienstag, dem 8. Juni 1926, die 700-Jahrfeier der Reichsfreiheit, ohne jede Beteiligung der Vertreter der SPD und Gewerkschaften durch Bürgermeister Neumann und von einem Komitee unter Leitung Dr. Fritz Endres organisiert, war vom 3. bis 6. Juni 1926 gerade mit großem Pomp gefeiert worden, veröffentlichte Julius Leber im Lübecker Volksboten auf Seite eins unter dem Titel: „Lübecks unsichtbarer Herrscher“ eine zunächst unglaubliche Geschichte: Bürgermeister Neumann sei in seiner Lübecker Dienstzeit zugleich Vorsitzender des Verwaltungsausschusses der Scherl-Verlags-GmbH in Berlin gewesen. Dazu muss man Folgendes wissen:

Der Scherl-Verlag war das Herzstück des von Alfred Hugenberg aufgebauten Medien- und Zeitungsimperiums. Der Verwaltungsausschuss entspricht dabei dem Aufsichtsrat einer Aktiengesellschaft. Der Scherl-Verlag also, die Spinne im medialen reichsweiten Netzwerk des Propagandisten eines völkischen Nationalstaates, Hugenberg, sollte vom Lübecker Bürgermeister gesteuert worden sein? (Vgl. dazu das Organisationsschema des Hugenberg-Konzerns)

Hugenberg war nicht nur der Mitgründer und Organisator des ADV. Er hatte noch während seiner Zeit als Vorsitzender im Direktorium der Friedrich Krupp AG (1908-1918) ab 1912 nach und nach den seinerzeit größten Medienkonzern Deutschlands aufgebaut und steuerte ihn im Sinne der Zielsetzungen des ADV konsequent in den Nationalsozialismus. Das dargestellte Organisationsschema veranschaulicht die Reichweite der propagandistischen medialen Durchdringungsbreite und -tiefe der Hugenbergschen Firmen. Hervorzuheben ist dabei das mit der Allgemeinen Anzeigen GmbH (ALA) angestrebte Anzeigenmonopol auf dem deutschen Medienmarkt. Darüber steuerte Hugenberg auch Lokalblätter, die nicht in seinem Besitz waren.

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Der Lübecker Bürgermeister war jedenfalls  als Verwaltungsratsvorsitzender des Scherl-Verlages kein unabhängiger Entscheider. Im Konzerngefüge spielte er vielmehr die Rolle des abhängigen treuhänderischen Auftragnehmers seines Freundes Hugenberg. Auch nach der damaligen Senatsverfassung Lübecks hätte er deshalb zu keinem Zeitpunkt diese, wirtschaftlich betrachtet, weisungsgebundene Tätigkeit eines Verwaltungsratsvorsitzenden im Konzerngefüge Hugenbergs ausüben dürfen, ob bezahlt oder unbezahlt, wobei letzteres auch angesichts der 50.000 Markspende für die Deutsche Zeitung eher unwahrscheinlich ist. 

In der Öffentlichkeit wurde nach der Veröffentlichung dieses Skandals heftig darüber gestritten, ob der Bürgermeister für die Vorsitzendentätigkeit im Hugenberg-Konzern eine Nebentätigkeitsgenehmigung hatte und, wenn ja, ob diese hätte rechtens erteilt werden dürfen, da es sich um eine möglicherweise bezahlte (und damit verbotene) Nebentätigkeit gehandelt haben würde. Dieses juristische Geplänkel diente offensichtlich der Ablenkung der Öffentlichkeit von den in Wirklichkeit bestehenden skandalösen Verhältnissen. Die Tätigkeit war nach Staats- und Kommunalverfassungsrecht in jedem Fall ausgeschlossen.

Die Sichtweise Lebers bringt die Verhältnisse auf den Punkt: „… Und doch war e r (Hugenberg, M.B.) der eigentliche unsichtbare Herrscher dieser Stadt, die er selbst vielleicht nie gesehen. Den 

S t a a t hatte er in der Hand durch sein Oberhaupt, die Presse durch die größte Inseratenplantage. Sein Wille war maßgebend, beschränkt nur durch den leidenschaftlichen Widerstand der darob täglich beschimpften und begeisterten S o z i a l d e m o k r a t i e (Sperrungen im Original, MB)“.

Leber beschreibt folgerichtig die tatsächlichen damaligen Verhältnisse im Freistaat. Er bestätigt den tiefen Hass der Elite des Bürgertums, die innerhalb des ADV mit ihrer Ideologie und Konspiration immer wieder versuchte, die Macht für die konservative Revolution in den Ländern und im Reich an sich zu reißen. Dies geschah heimlich und in den seit Ende des 19. Jahrhunderts dafür geschaffenen Netzwerken des ADV. Die Akteure traten selten nach außen offen auf. In Lübeck und anderswo gründeten sich indes „ihre“ Sturmtruppen, der bewaffnete Arm des „Nationalen Widerstandes“.

Ein Jahr vor der Katastrophe des vierten Staatsstreichversuchs kam es am 9. April 1925 im Turnerschaftshaus zur Gründung der NSDAP. Polizeisenator Mehrlein (SPD) verhängte noch im Herbst  1925 ein Redeverbot für Adolf Hitler in Lübeck. Am 1.10.1929 wird indes die erste SS-Formation in Lübeck aufgestellt. 

Deren und ihrer Hintermänner Saat geht in der Folgezeit Schritt für Schritt auf. So berichtet die Norddeutsche Zeitung unter dem 30.10.1930 über eine Versammlung der NSDAP in Lübeck mit dem Thema „Das Verhältnis der Nationalsozialisten zum Privateigentum“. Namhafte Wirtschaftsführer Lübecks wie der Inhaber eines großen Tuchlagers und Mitglied der DVP, Konsul Herman Gustav Stolterfoth und Konsul Boje und andere, hätten den Bannemanns  (NSDAP) und Albrechts (Gauleiter im Nazi-Gau Mecklenburg-Lübeck, der den Vortrag hielt), Beifall gezollt.

1932 nach dem Preußenschlag, d.h. nach der verfassungswidrigen Absetzung der SPD-geführten Regierung unter Otto Braun in Preußen am 20. Juli 1932 durch Reichskanzler Papen (Hermann Göring wird als Ministerpräsident eingesetzt), verschärfte sich der Gewaltkurs. Den Tag nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler hätte Julius Leber ohne persönlichen Leibwächter, der in Notwehr einen in der Nacht angreifenden SA-Mann erstach, nicht überlebt.

Der Vorsitzende der SPD in Lübeck, Julius Leber, war längst zur Zielscheibe aller faschistischen Kräfte im Freistaat geworden. Der Lübecker  Historiker Dr. Wolfgang Muth beschreibt den beispielhaft aufrechten Werdegang Lebers im Gegenüber der völkischen Kräfte gut:  „Im  Juli 1923 wollte der „Schwartauer Hakenkreuzbund “ eine Fahnenweihe feiern. Die Lübecker SPD rief zu einer öffentlichen Gegendemonstration auf, an ihrer Spitze marschierte Leber. Nach gewalttätigen Auseinandersetzungen zogen sich die Völkischen in eine Gaststätte zurück und verbarrikadierten sich. Leber gelang es, Zugang zu dem Lokal zu bekommen, und erreichte die Übergabe der Fahne an ihn gegen die Zusage, dass die Lübecker Sozialdemokraten sich zum Schwartauer Markt zurückziehen würden. 

Im Sommer 1924 beantragte die deutschvölkische Fraktion in der Bürgerschaft, einen Gedenkstein für Albert Leo Schlageter in Lübeck zu errichten. Der junge Mann hatte während der Besetzung des Ruhrgebietes durch Belgien und Frankreich Attentate auf die ausländischen Besatzungstruppen verübt und war deshalb von einem französischen Kriegsgericht zum Tode verurteilt worden.

Leber sprach vehement gegen den Antrag. Schlageter sei durch die nationalistische Propaganda verhetzt worden und habe durch seine Taten der „Hetzpropaganda Poincarés in Frankreich“ ungeheueren Vorschub geleistet. Das Nationalgefühl der Sozialdemokratie sei durch die Achtung anderer Nationen geprägt. Nur gegenseitiges Verständnis könne zu einem langfristigen Weltfrieden beitragen. Damit zog er sich zum ersten Mal den Zorn der Völkischen zu. Erste Drohungen gegen ihn wurden öffentlich ausgesprochen.

1926 kam es in der Bürgerschaft zu einer Debatte über die Einbürgerung von Juden, in der er der Rechten antisemitische Motivationen unterstellte. Die Deutschvölkischen hielten ihm vor, dass er wahrscheinlich selbst Jude oder jüdisch versippt sei. Leber verwahrte sich scharf dagegen und warf seinem Hauptwidersacher vor, er könne ihn dann mit dem gleichen Recht einen Indianer nennen.

Die Auseinandersetzung zwischen ihm und den stärker werdenden Nationalsozialisten verschärften sich immer mehr. Schon 1930 drohte ihm der NS-Bürgerschaftsabgeordnete Hoffmann: „Es kommt einmal die Stunde, wo wir an ihre Tür klopfen werden mit den Worten: „Herr Dr. Leber, es ist so weit!’“ In der Öffentlichkeit wurde von Seiten aufgehetzter Nationalsozialisten verkündet: „Zwei Stunden nach unserem Sieg hängt Leber auf dem Marktplatz.“

Insgesamt entwickelte sich Leber für die Lübecker NSDAP zu ihrem schlimmsten Feind. Noch nach der Machtübertragung im Frühjahr 1933 hieß es in der nationalsozialistischen Propaganda im Zusammenhang mit Berichten über frühe Widerstandstaten oder die Verhaftung von Nazi – Gegnern immer wieder: „Die Saat des Hetzers Leber ist aufgegangen!“  In einem Artikel des Lübecker Generalanzeigers vom 2. Februar 1933 über eine Versammlung der Nationalsozialisten am Vorabend hieß es:

„Der letzte Redner des Abends, Glasmeier, hob hervor, dass, wo Leber spreche, immer Blut fließe. Das sei schon so gewesen, als es noch gar keine Nationalsozialisten in Lübeck gegeben habe. (…) Alle Lübecker Bluttaten müssten den Hetzartikeln  des Amtsblattes (gemeint ist hier der Volksbote) zugeschrieben werden. (…) Nicht die Sozialdemokratie und nicht die KPD seien (…) für die Bluttaten verantwortlich, einzig und allein Dr. Leber.“

9. Der Staatsstreich als Normalfall 

Der ADV unter Heinrich Claß erwies sich von Anfang an als Vorfeldorganisation zur Herstellung des „wahren Deutschlands“ im Sinne Lagardes. Im Kaiserreich sollten die Kriegsziele des ADV 1914 mittels eines erfolgreichen Krieges, und, 1917, als die Regierung Bethmann-Hollweg nicht mehr Gewähr für einen Siegfrieden bot, über eine Militärregierung unter Ludendorff, Hugenberg, Neumann und anderen Gewährsleuten von Claß herbeigeführt werden. 

In der „Novemberrepublik“, wie die rechtsextremen Parteien und Medien die Weimarer Republik herabsetzend nannten, sollte dann immer wieder mit allen Mitteln, unter Einschluss militärischer Gewalt, insbesondere der Freikorps (Brigade Erhardt), der Sturz der liberalen Demokratie zugunsten einer völkischen Diktatur herbeigeputscht werden. Aus heutiger Sicht lesen sich die Überlegungen von Claß und seinen Gleichgesinnten zur völkischen Diktatur sämtlich als Versuche, sich zu einem Staatsstreich innerhalb des Kaiserreiches als Regierung in Feldgrau bzw. später dann gegen die Weimarer Republik zu verabreden. Wenn man will, kann man diese Bestrebungen des ADV strafrechtlich beurteilen.

Auch der  Versuch der Verabredung einer gewaltsamen Veränderung der Verfassung, wie hier, war nach  §§ 81,83 und 43 des Strafgesetzbuches für das Deutsche Reich als Verbrechen mit Zuchthaus bewehrt. Erst recht das Unternehmen als solches. Das Ansinnen von Claß war also durchaus kein Kinderspiel, sondern es wäre – bei Offenlegung aller Umstände – als Hochverrat zu qualifizieren gewesen. Diesen strafrechtlichen Strang wollen wir indes nicht weiter verfolgen. Wir verfolgen vielmehr den mit der Claßschen Ideologie erzeugten Dreiklang von Pessimismus, Hass und Gewalt.

Der über mindestens zwei Generationen laufende Doppelbinderprozess aus gegenseitigem Hass und Gewalt ließen den Staatsstreich und das politische Attentat, d.h. die Anwendung bewaffneter Gewalt, zum Normalfall gesellschaftlicher Konfliktlösung werden. Am Lübecker Beispiel des im Juni 1926 gescheiterten Claß-Hugenberg-Neumann-Putsches gegen die Regierung von Reichskanzler Hans Luther ist im einzelnen ablesbar, wie die rechtsradikalen Kräfte erstarkten und wie die Gegenwehr der Liberalen am Ende erstarb. Wenn man sich fragt, warum damals so und nicht anders gehandelt wurde, und was man heute tun könnte, um die Konflikte auf andere Weise als durch den  Doppelbinderprozess von gegenseitigem Hass und Gewalt zu lösen, sollte man das damalige Geschehen vor Ort im Lübecker Volksboten und in dem wohl von Hugenberg über sein Anzeigenmonopol und redaktionelle Eingriffe gesteuerten Lübecker Generalanzeiger sowie in den Grünen Blättern nachvollziehen.

Denn bei sämtlichen Aktionen der gescheiterten vier Staatsstreiche und der Versuche zu ihrer  Verabredung vom Kaiserreich bis in die Weimarer Republik war der Lübecker Johann Andreas Martin Neumann mittelbar oder unmittelbar beteiligt. Die Tragödie spielte sich deshalb auch immer zugleich auf der Lübecker Bühne ab. Man kann davon ausgehen, dass Neumann seine engsten Lübecker politischen Freunde stets über die Umsetzung der Diktaturziele des ADV auf dem Laufenden hielt. Als enger Freund und Vertrauter des Vorsitzenden Heinrich Claß war er Mitwisser von dessen hochverräterischen Plänen und Aktionen.

Mit Alfred Hugenberg, diesem Organisator der analogen medialen Kommunikation und völkischen Propaganda im Kaiserreich und in der Weimarer Republik, teilte er die führende Mitgliedschaft im Thinktank ADV.  Als Verwaltungsratsvorsitzender des Scherl-Verlages war Neumann zudem mit Hugenberg wirtschaftlich verbunden. Hugenbergs Arm reichte nach Lübeck. Mit Possehl, dem wirtschaftlich mächtigsten Lübecker, verband ihn, bis dieser 1919 verstarb, die gleiche politische Zielsetzung. Beide sahen ihre Auffassungen im Lübecker ADV und dem Wehrverein gut aufgehoben. Ein Zeichen für ihre Verbundenheit war auch beider Förderung des Kaufs der radikal völkischen Deutschen Zeitung 1916 mit je 50.000 Mark. 

So hatte sich Neumann vor Ort und in Berlin (als Vertreter des Freistaats) aufs Beste vernetzt. Er hatte über die heimischen Zeitungen Lübecker Generalanzeiger (Hugenberg) und Lübeckische Blätter (Chefredakteur: der rechtsradikale Brockhaus), mit Kultur (Gemeinnützige), Kapital (Possehl und Industrie und Handelskammer), Politik (Senat und Bürgerschaft), Kirche und Justiz (ADV) in Lübeck ganz in der Stille und der Provinz ein wirklich erstaunliches Herrschaftsgebilde geschaffen. Wäre ihm nur die verhasste Arbeiterbewegung, die für ihn offenbar dunkle Seite des gespaltenen Lübeck, nicht in die Quere gekommen.

Wäre ihm nicht ein Arbeiterführer der Sonderklasse, ein ortsfremder und dazu noch äußerst begabter Redner und mit Berlin ebenfalls gut vernetzter Agitator, wäre ihm nicht Julius Leber in Lübeck gegenüber gestanden. Mit etwas mehr Fortune und ohne Leber hätte Neumann sein Ziel einer völkischen Diktatur anstelle Adolf Hitlers in Berlin durchaus noch erreichen können.

9.1. 1917 Claß Anstiftung zum Militärputsch im Kaiserreich

Eines der vordringlichen Ziele des ADV war – wie dargelegt – die Rettung Deutschlands durch eine Diktatur. So traf sich der Verbandsvorsitzende Dr. Claß bei seinen unermüdlichen  Bemühungen, diesen Plan durchzusetzen, am 5.10.1917 ein erstes Mal mit dem Ersten Generalquartiermeister Ludendorff, dem Stellvertreter Hindenburgs in der Obersten Heeresleitung (OHL). Er führte aus, dass der Krieg jetzt nur noch mit einer Militärdiktatur zu gewinnen sei. In der OHL müsse eine Stelle geschaffen werden, die verdeckt das politische Geschehen verfolge und später den Kern eines „Kabinetts in Feldgrau“ bilden könne. Er, Claß, sei in der Lage, innerhalb von 24 Stunden dafür Namen zu nennen.

Er nannte Geheimrat Hugenberg für Gesamtpolitik und Wirtschaftsfragen, Senator Neumann aus Lübeck für innenpolitische Belange, Landgerichtsdirektor Lohmann (Hamburg) für die Überwachung der Rechtspflege und bot – bei Bedarf – weitere Persönlichkeiten seines Vertrauens. Ludendorff sagte zu, die vorgetragenen Überlegungen zu bedenken. Es blieb  indes bei dem Versuch der Vorbereitung eines Staatsstreichs.

9.2. 1920 Kapp-Lüttwitz-Putsch

Wolfgang Kapp (1858-1922) war Verwaltungsbeamter, zuletzt Generallandschaftsdirektor in Königsberg. Am 13.März 1920 führte er zusammen mit General Walter von Lüttwitz und der Marinebrigade Erhardt einen 100 Stunden dauernden Putsch gegen die Reichsregierung durch. Der Putsch endete am 17. März 1920. Die Brigade Erhardt ging als Organisation Consul in den Untergrund und verübte später die Morde an Erzberger und  Rathenau. Der Putsch wurde unterstützt von General Ludendorff. Claß kannte die Umsturzpläne seit November 1919.

Ein Erfolg des Staatsstreichs traute er jedoch Kapp nicht zu. Der umtriebige Justizrat mit seinen hervorragenden Umgangsformen bemühte sich ganz offensichtlich unentwegt und überall in der Republik Kräfte aufzutun, anzustacheln und nötigenfalls, wie später bei Adolf Hitler, mit Geld diejenigen zu beeinflussen, die sein rechtsradikales völkisches Diktaturziel teilten und dafür standen, dieses auch zu vollbringen.

9.3.  1923 Hitler-Ludendorff-Putsch

Ludendorff, der bereits auf dem Höhepunkt des Ersten Weltkriegs – damals in der OHL – an Stelle Hindenburgs die politische Führung übernommen hatte – und 1917 zusammen mit Claß Diktaturpläne erwog, ergriff drei Jahre nach dem Kapp-Putsch, am 8. November 1923 erneut, diesmal mit dem vielversprechenden Adolf Hitler, die Gelegenheit zum Staatsstreich gegen die verhasste Republik. Der nationalsozialistische Anführer Adolf Hitler scheiterte allerdings einen Tag später, am 9. November 1923. Der Putsch wurde niedergeschlagen.

9.4.  1926 Claß-Hugenberg-Neumann-Putsch

Wiederum drei Jahre später, nach den drei vergeblichen vorangegangenen Vorbereitungshandlungen und Putschversuchen 1917, 1920 und 1923, versuchte es der ADV, diesmal mit eigenen Kräften 1926. Sämtliche vorangegangene Versuche lesen sich wie die unterschiedlichen Varianten der von dem völkischen Thinktank ADV unter seinem Vorsitzenden Claß im Hintergrund mit geplanten und geforderten Anleitung zur Diktatur. Hinter Kapp und Ludendorff stand tatsächlich immer wieder die von Claß vorgedachte, in seinen nationalen Netzwerken verbreitete und auch von Hugenberg propagierte nationale Revolution mit dem Ziel einer völkischen Diktatur. De Putschversuch ist aufgedeckt und von Julius Leber im Lübecker Volksboten öffentlich angeprangert worden.

10. Rücktritt von Bürgermeister Neumann

Adolf Hitler, so schreibt Gerd Fesser, habe Claß bei einem Treffen 1920 in Berlin die Hände geküsst. Hitler habe dabei bemerkt, „als sein „treuer Schüler“ habe er (Hitler) mit „innerer Erregung“ die Deutsche Geschichte von Einhart (Pseudonym für Heinrich Claß) gelesen und bei der Lektüre des Kaiserbuchs (Autor Heinrich Claß) die Überzeugung gewonnen, darin sei alles enthalten, was für das deutsche Volk wichtig und notwendig sei.“ Die unermüdlichen sich über neun Jahre von 1917 bis 1926 hinziehenden nationalistischen Putschversuche des ADV und ihres Vorsitzenden bestätigen mehr als alles andere dieses Urteil. Am Ende sahen sich Claß und Hugenberg am Ziel ihrer Wünsche. Sie traten 1933 als Hospitanten in die Reichstagsfraktion der NSDAP ein. Hugenberg (DNVP) wurde vom 30.1.1933 bis 29.6.1933  Wirtschaftsminister im Kabinett Hitler. 

Auf der Strecke blieb indes der Lübecker Bürgermeister Dr. Neumann. Seine Getreuen hatten im Ergebnis, nachdem der erneute Putschversuch durch die sozialdemokratische preußische Staatsregierung aufgeflogen war, gegen die politische Kraft des Repräsentanten der Arbeiterbewegung vor Ort in Lübeck, Julius Leber, keine Chance. Neumanns Nachfolger wurde zu allem Unglück auch noch ein von Neumann und den anderen nationalistischen Kräften in Lübeck abgelehnter Sozialdemokrat, Paul Löwigt.

Und das, um es auf die Spitze zu treiben, am Morgen des Beginns der großen 700 – Jahrfeier, die unter Ausschluss der SPD von Bürgermeister Neumann in der Zeit vom Donnerstag, dem 3. Juni bis Sonntag, dem 6. Juni 1926, zelebriert werden sollte. Der erste SPD Bürgermeister des Freistaats Lübeck, Paul Löwigt, würde nun den über Deutschland hinausreichenden Glanz der Reichsfreiheitsfeier der alten und Hansestadt einheimsen können. Eine unerwartete Schande, die Neumann letztlich nicht überlebte. Er starb nur zwei Jahre später, am 8. April 1928.

Von Mitte Mai bis Mitte Juni 1926 wurde die politische Öffentlichkeit des Freistaates mit der Offenlegung von Plänen für einen veritablen Staatsstreich in Atem gehalten. Am 12. Mai 1926 titelt der Lübecker  Volksbote auf der ersten Seite: „Ein ungeheures Verbrechen aufgedeckt!  Rechtsputsch geplant – Bürgermeister Dr. Neumann-Lübeck zum Diktator ausersehen.“.