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Lübeck, 2.4.2022

Hans von Trotha sagte im Podcast des Deutschlandfunks Kultur vom 30.3.2022: „Dieser Satz wird in die Geschichte eingehen, weil er in drei Sekunden die Dimension der Zeitenwende ausdrückt, an der wir seit dem 24. Februar 2022 stehen: „Wir sind heute in einer anderen Welt aufgewacht“ sagte Außenministerin Annalena Baerbock am Morgen des russischen Überfalls auf die Ukraine. Bis zu diesem Tag hatten wir in der Vorstellung gelebt, dass wir nach 1945 oder genauer nach 1989 ein internationales System aufgebaut hätten, das zumindest in Europa vor Kriegen schützt…“(Hans von Trotha, „ Zum ewigen Frieden“,  Immanuel Kant und unsere heutige Realität, Deutschlandfunk Kultur,  30.3.2022)

Die Welt war indes vor und nach dem 24.Februar dieselbe. Da hat sich nichts geändert. Denn auch nach 1989 gab es Kriege in Europa, den Ersten Tschetschenienkrieg (1994 bis 1996), den Zweiten Tschetschenienkrieg (1999 bis 2009), die Balkankriege in den 1990er Jahren mit über 200.000 Toten, den Kaukasuskrieg 2008, die russische Besetzung der Krim 2014. Ich rede nur von den europäischen Kriegen. Alles vergessen?

Was für ein erschreckender Irrtum all jener, die tatsächlich dachten, was Hans von Trotha im Deutschlandfunk behauptet. Denn wer nach dem mörderischen Angriffskrieg gegen die Ukraine seine Welt in Trümmern sieht, lebte bis dahin im Traum. Traumdeutung wäre also schnellstens geboten. Träume dieser Art sind nämlich hochgefährlich. Sie widersprechen im Übrigen dem Regierungseid, Schaden vom Volk abzuwenden. Denn wer sie verbreitet, der schadet dem Volk.

Solcherart Träume sind etwas für Milliardäre, die ortlos sind, und ihr Geld mit der Dummheit verdienen. Sie sind das sprichwörtliche Opium für’s Volk, da sie mit Erfolg von dem ablenken, was seit langem auf der Tagesordnung steht –  ungelöst. Denn jeder und jede weiß inzwischen, dass der europäische Krieg nicht in der Schlacht um die Ukraine gewonnen wird. Im Europäischen Krieg geht es nicht um die Ukraine, sondern um den Lebensstandard. Mit der erfolgreichen Schlacht um den zukünftigen Lebensstandard wird der Europäische Krieg entschieden. Der deutsche Lebensstandard zum Beispiel: Er beruht zur Zeit auf vier Säulen: Erstens auf Karbon als Energieform, zweitens auf weltweiter Ausbeutung der Arbeitskraft als Grundlage der deutschen Ökonomie, drittens auf dem atomaren Schutzschild der NATO mit der Hegemonie der USA und viertens auf der Einigkeit der 27 Staaten in der EU als Mauer gegen die Begehrlichkeit der Dritten Welt.  

Dieser Traum vom heutigen deutschen Lebensstandard als der schönsten aller Welten ist am 24.Februar 2022 leider nicht geplatzt.  Denn die herrschende Politik handelt nach wie vor nach dem Motto der Hauptfigur in Morgensterns Gedicht, das auch noch den passenden Titel „Die unmögliche Tatsache“ trägt: „…Und er kommt zu dem Ergebnis: …Nur ein Traum war das Erlebnis. Weil, so schließt er messerscharf, nicht sein  kann, was nicht sein darf.“ Vielleicht sollte unser Wirtschaftsminister und Apothekersohn aus Lübeck bei seinem Vorgänger, dem anderen Lübecker Apothekersohn, Erich Mühsam, in die Schule gehen. Denn der stand bei all seinem beachtlichen revolutionären politischen Handeln immer auf der richtigen Seite. Er verachtete die Spökenkiekerei: ihm wäre folgender Satz und die darin liegende Flucht aus der Realität in die Konstruktion von Wirklichkeit nicht in den Sinn gekommen, die unser Wirtschaftsminister Habeck allen Ernstes als seine vorrangige Welterkenntnis uns 2018 anbietet: „In der Politik ist Sprache das eigentliche Handeln. Ganz buchstäblich. Indem Eide geschworen und Gesetze beschlossen werden, tritt eine neue Wirklichkeit in Kraft. ..“(Robert Habeck, Wer wir sein könnten. Warum unsere Demokratie eine offene und vielfältige Sprache braucht, eBook Kiepenheuer & Witsch 2018, S.16).

Nein, hätte ihm Erich Mühsam entgegengehalten, nicht das Bewusstsein bestimmt das Sein, sondern das Sein bestimmt immer noch das Bewusstsein: Ihr könnt reden, was ihr wollt und politische Texte verfassen, soviel ihr wollt, am Ende bestimmt über Krieg und Frieden die Politische Ökonomie. Es herrscht zur Zeit das Karbon und die damit verbundene Macht und nicht Moral und Recht. Da hilft zur Zeit auch kein Kotau vor den Märchenprinzen aus dem Morgenland. An der Abhängigkeit vom Öl und Gas ändert sich dadurch nichts, nur die Despoten sind andere und ein Stück weiter weg. Marx erkannte diese Flucht der Deutschen vor der Herrschaft des Kapitals in den Himmel des Geistes und der literarischen Texte 1847/48 im Politischen Manifest. Hoffentlich wacht auch das Kabinett Scholz auf und widmet sich den wirklichen Problemen dieser einen Welt. Eine andere gibt es nicht.

Michael Bouteiller
1943, Richter am Verwaltungsgericht Minden, Gründung IBZ Friedenshaus (Internationales Begegnungszentrum) Bielefeld, Aufbau und Leitung Wasserschutzamt Bielefeld, Bürgermeister a.D. Lübeck, Rechtsanwalt