{"id":3050,"date":"2021-05-15T13:35:28","date_gmt":"2021-05-15T11:35:28","guid":{"rendered":"http:\/\/michaelbouteiller.de\/archive\/3050"},"modified":"2021-05-18T03:12:27","modified_gmt":"2021-05-18T01:12:27","slug":"faschismus-ohne-gegenwehr-aus-frankreich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaelbouteiller.de\/?p=3050","title":{"rendered":"Faschismus &#8211; ohne Gegenwehr &#8211; aus Frankreich"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>Wie der Faschismus sich hinter einer patriotischen Fassade verbirgt und &#8211; ohne Hinderung durch Zivilgesellschaft, Verfassungsgericht und sonstige staatliche Gegenwehr &#8211; die Pr\u00e4sidentschaft erobert, lernt man in dem Interview.<\/h2>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Marine Le Pen<\/strong><\/p>\n<p><strong>&#8222;Also ja, Politik ist Gewalt&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Rechtsextreme Marine Le Pen wird immer beliebter, 2022 k\u00f6nnte sie zur franz\u00f6sischen Pr\u00e4sidentin gew\u00e4hlt werden. Ein Gespr\u00e4ch mit der einzigen Konkurrentin Emmanuel Macrons<\/p>\n<p>Interview: <strong><u><a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/autoren\/R\/Elisabeth_Raether\">Elisabeth Raether<\/a><\/u><\/strong> und <strong><u><a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/autoren\/J\/Annika_Joeres\">Annika Joeres<\/a><\/u><\/strong><\/p>\n<p>5. Mai 2021, 11:39 Uhr Editiert am 7. Mai 2021, 8:52 Uhr DIE ZEIT Nr.\u00a019\/2021, 6. Mai 2021 90 Kommentare<\/p>\n<p>EXKLUSIV F\u00dcR<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-3049\" src=\"https:\/\/michaelbouteiller.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/image-1.jpg\" width=\"482\" height=\"271\" srcset=\"https:\/\/michaelbouteiller.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/image-1.jpg 482w, https:\/\/michaelbouteiller.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/image-1-300x169.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 482px) 100vw, 482px\" \/><\/p>\n<p><em>Die Parteichefin des Rassemblement National im M\u00e4rz 2021 \u00a9\u00a0Rapha\u00ebl Lafargue\/ ABACAPRESS\/ ddp images<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>INTERVIEW: MARINE LE PE<\/p>\n<p>Die Rechtsextreme Marine Le Pen wird immer beliebter, 2022 k\u00f6nnte sie zur franz\u00f6sischen Pr\u00e4sidentin gew\u00e4hlt werden. Ein Gespr\u00e4ch mit der einzigen Konkurrentin Emmanuel Macrons<\/p>\n<p><em>Marine Le Pen empf\u00e4ngt uns in ihrem Abgeordnetenb\u00fcro in der Pariser Nationalversammlung. Sie tr\u00e4gt Schuhe mit sehr hohen Abs\u00e4tzen, sitzt an einem nicht besonders aufger\u00e4umten Schreibtisch. Hinter ihr ragen drei enorme franz\u00f6sische Flaggen empor, sie wirken viel zu gro\u00df f\u00fcr den Raum, in dem au\u00dferdem zwei Mitarbeiter an ihren Schreibtischen etwas in Computer tippen. Marine Le Pen blickt erwartungsvoll, h\u00f6flich, wenn auch distanziert. Es wird kein Wort zu viel gewechselt, kein Kaffee eingeschenkt. Sie schie\u00dft die Antworten hervor, mit ihrer tiefen, kr\u00e4ftigen Stimme, sie redet schnell, eine Freude am Schlagabtausch ist ihr anzumerken. Zwischendurch \u00e4rgert sie sich doch \u00fcber die beiden deutschen Journalistinnen, dann zieht sie an ihrer E-Zigarette. Die Pressesprecherin mahnt immer wieder zur Eile und beendet das Gespr\u00e4ch zehn Minuten vor der vereinbarten Zeit.<\/em><\/p>\n<p><strong>DIE ZEIT:<\/strong> Madame Le Pen, in den Umfragen erreichen Sie im Moment an die 48 Prozent der W\u00e4hlerstimmen. Sie k\u00f6nnten n\u00e4chstes Jahr franz\u00f6sische Pr\u00e4sidentin werden. In Deutschland ist aber kaum die Rede von Ihnen. \u00dcberrascht es Sie, dass Sie immer noch untersch\u00e4tzt werden?<\/p>\n<p><strong>Marine Le Pen:<\/strong> Ja, das ist sehr \u00fcberraschend. Das ist nun meine dritte Pr\u00e4sidentschaftswahl, bei der letzten war ich im zweiten Wahlgang, und bei dieser k\u00f6nnte ich gewinnen. Ich habe den Eindruck, Deutschland nimmt nur diejenigen Politiker wahr, von denen es sich in Europa Vorteile erhofft. Meine Partei war es, die den gro\u00dfen Konflikt zwischen Globalisierern und Patrioten aufgedeckt hat \u2013 das hat die alte Trennlinie zwischen Linken und Rechten ersetzt. Nur die Deutschen haben das noch nicht begriffen.<\/p>\n<p><strong>ZEIT:<\/strong> Vor vier Jahren wollten Sie, dass Frankreich aus der EU aussteigt, von dieser Idee haben Sie sich verabschiedet. Warum?<\/p>\n<p><strong>Le Pen:<\/strong> Die EU hat sich meiner Partei, dem Rassemblement National, angen\u00e4hert. Deutschland ist f\u00fcr eine strenge Sparpolitik in ganz Europa verantwortlich, dieses Dogma wankt nun mit Corona. Deshalb glauben wir, Europa besser von innen ver\u00e4ndern zu k\u00f6nnen als von au\u00dfen. Wir sind optimistisch, dass der Sparkurs beendet ist.<\/p>\n<p><strong>ZEIT:<\/strong> Sie wollen im Euro bleiben, und auch bei einem anderen wichtigen Thema haben Sie Ihre Meinung ge\u00e4ndert: Sie leugnen den Klimawandel nicht mehr, sondern machen ihn zum gro\u00dfen Thema Ihres Wahlkampfs.<\/p>\n<p><strong>Le Pen:<\/strong> Ich habe noch nie den Klimawandel geleugnet.<\/p>\n<p><strong>ZEIT:<\/strong> Sie haben noch 2017 gesagt, Sie w\u00fcssten nicht, ob der Klimawandel menschengemacht ist\u00a0&#8230;<\/p>\n<p><strong>Le Pen:<\/strong> Ich habe lediglich gesagt, wir wissen nicht, wie gro\u00df der Anteil des Menschen am Klimawandel ist. Ich finde, jeder Patriot muss \u00f6kologisch denken. Aus einem einfachen Grund: Ein Nomade kommt in eine Oase, er isst alle Datteln, trinkt das Wasser aus dem Brunnen, und wenn nichts mehr da ist, zieht er weiter. Wir aber sind sesshaft, verwurzelte Patrioten. Unser ultraliberales Wirtschaftsmodell f\u00fchrt uns in den Abgrund. Solange unsere Produkte in zehntausend Kilometer Entfernung produziert und dann hierher transportiert werden, kann sich niemand r\u00fchmen, \u00f6kologisch zu handeln. Die Produkte m\u00fcssen hier hergestellt und verarbeitet werden, nicht in den armen L\u00e4ndern der Welt.<\/p>\n<p><strong>ZEIT:<\/strong> Ihrer Meinung nach ist die \u00d6kologie also kein Thema der Linken?<\/p>\n<p><strong>Le Pen:<\/strong> Nein, absolut nicht. Die Linke hat das Thema gekapert. Historisch ist die Umweltbewegung von den Rechten gegr\u00fcndet worden. Ich sage Ihnen, was wir wollen: Beispielsweise wollen wir die Windr\u00e4der, soweit es geht, stilllegen und die Atomanlagen weiterlaufen lassen. Deutschland steigt aus der Atomkraft aus, aber es f\u00fcgt mit seinen Kohlekraftwerken dem Planeten erheblichen Schaden zu. Je nach Windrichtung bekommen wir hier eure verpestete Luft ab. Nur Atomkraft ist \u00f6kologisch.<\/p>\n<p><strong>ZEIT:<\/strong> Ihnen sind doch aber g\u00fcnstige Strompreise wichtig, und Atomkraft ist inzwischen wesentlich teurer als erneuerbare Energien.<\/p>\n<p><strong>Le Pen:<\/strong> Entschuldigung, Frankreich hatte immer die niedrigsten Strompreise dank der Atomkraft.<\/p>\n<p><strong>ZEIT:<\/strong> Das war vor Jahrzehnten, inzwischen ist der Strompreis im europ\u00e4ischen Mittel und wird allen Prognosen nach extrem ansteigen, weil die alten Meiler f\u00fcr Milliarden Euro renoviert werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>Le Pen:<\/strong> Das stimmt nicht. Wir kaufen zu einem \u00fcberteuerten Preis Windenergie ein, deswegen ist der Strompreis so hoch. Aus unserer Sicht ist Windenergie \u00fcberhaupt nicht umweltfreundlich. Wir wissen bis heute nicht, wie wir die alten Windkraftanlagen entsorgen sollen.<\/p>\n<p><strong>ZEIT:<\/strong> Das gr\u00f6\u00dfte Entsorgungsproblem hat die Atomenergie \u2013 weder Deutschland noch Frankreich haben ein Endlager f\u00fcr ihre radioaktiven Abf\u00e4lle gefunden.<\/p>\n<p><strong>Le Pen:<\/strong> Ja, okay. Unser Ziel ist es, einen geschlossenen Kreislauf zu schaffen, und unsere Wissenschaftler forschen nat\u00fcrlich zu diesem Endlager.<\/p>\n<p><strong>ZEIT:<\/strong> Werden Sie den Pariser Klimavertrag von 2015 respektieren?<\/p>\n<p><strong>Le Pen:<\/strong> Ich bin nicht einverstanden damit, was in dem Vertrag steht, beispielsweise m\u00f6chte ich keine Windenergie.<\/p>\n<p><strong>ZEIT:<\/strong> Der Vertrag schreibt keine Energieform vor, sondern lediglich das Ziel, die Erderw\u00e4rmung deutlich unter zwei Grad zu halten.<\/p>\n<p><strong>Le Pen:<\/strong> Europa kann nicht einerseits die Klimaziele hochhalten und andererseits den Freihandel f\u00f6rdern. Der ist die Ursache daf\u00fcr, dass gigantische Frachtschiffe um die Welt fahren und dabei wahnsinnige CO\u2082-Emissionen produzieren. Ich verlange mehr Koh\u00e4renz. Unser Wirtschaftsmodell ist in seinem Wesen un\u00f6kologisch.<\/p>\n<p><strong>ZEIT:<\/strong> Sie wollen also aus dem Pariser Klimaabkommen aussteigen?<\/p>\n<p><strong>Le Pen:<\/strong> Ich will vor allem aus der Scheinheiligkeit aussteigen und warnen, dass wir mit dem Freihandel die Umwelt kaputt machen. Ich will nicht austreten, aber davor warnen, dass die schmutzigsten L\u00e4nder der Erde den Vertrag nicht respektieren. China beispielsweise. Europa dagegen ist der Mustersch\u00fcler der gesamten Welt.<\/p>\n<p><strong>ZEIT:<\/strong> Pro Kopf sind die europ\u00e4ischen Staaten f\u00fcr deutlich mehr Treibhausgase verantwortlich als asiatische oder afrikanische L\u00e4nder.<\/p>\n<p><strong>Le Pen:<\/strong> Ich bin dagegen, dass wir den Europ\u00e4ern st\u00e4ndig ein schlechtes Gewissen machen, w\u00e4hrend viele L\u00e4nder der Erde sich \u00fcberhaupt nicht um das Klima bem\u00fchen.<\/p>\n<p><strong>ZEIT:<\/strong> Ein gro\u00dfer Teil von Frankreichs CO\u2082-Emissionen wird von der Landwirtschaft, insbesondere der Tierhaltung, verursacht. Haben Sie pers\u00f6nlich Ihren Fleischkonsum verringert?<\/p>\n<p><strong>Le Pen:<\/strong> Absolut nicht. Ich bin gegen diese bestrafende \u00d6kologie.<\/p>\n<p><strong>ZEIT:<\/strong> Es k\u00f6nnte ja Ihre pers\u00f6nliche Entscheidung sein.<\/p>\n<p><strong>Le Pen:<\/strong> Nein, ich unterst\u00fctze die franz\u00f6sischen Landwirte, die sehr gutes Fleisch produzieren. Und trotzdem sind wir so illoyal, dass wir sie der weltweiten Konkurrenz aussetzen. Das ist die Scheinheiligkeit der Europ\u00e4ischen Union: Sie macht strenge Regeln f\u00fcr unsere Bauern, aber erlaubt den billigen Import schlechter Produkte. Daf\u00fcr schlie\u00dft sie Freihandelsabkommen. Unter diesen Umst\u00e4nden m\u00fcssen wir sagen: Wir importieren nur Produkte, die nach unseren hiesigen Standards produziert werden.<\/p>\n<p><strong>ZEIT:<\/strong> Warum haben Sie in Ihrer Zeit als EU-Abgeordnete gegen jedes Klimagesetz gestimmt \u2013 etwa gegen strengere CO\u2082-Grenzwerte f\u00fcr SUVs?<\/p>\n<p><strong>Le Pen:<\/strong> Dieses Gesetz war wie eine Guillotine f\u00fcr unsere Autohersteller. Wir k\u00f6nnen nicht von einem Tag auf den anderen sagen: Ihr d\u00fcrft nicht mehr dieses oder jenes Auto produzieren. Die Industrie muss planen k\u00f6nnen. Das ging alles zu schnell, und ich will nicht, dass die Fabrikanten ihre Leute entlassen m\u00fcssen und die Menschen verarmen. Dann haben wir niedrigere CO\u2082-Werte, aber die Leute sind arbeitslos, und ihre Kinder leiden. Ich schaue auf das Wohlergehen des Volkes.<\/p>\n<p><strong>ZEIT:<\/strong> Sie haben gesagt, dass Sie im Falle Ihres Wahlsieges ein Referendum zur Einwanderung abhalten werden. Eines Ihrer Themen ist die doppelte Staatsb\u00fcrgerschaft\u00a0&#8230;<\/p>\n<p><strong>Le Pen:<\/strong> Das wird nicht zu den Fragen geh\u00f6ren. Es wird andere Fragen geben. Zum Erwerb der franz\u00f6sischen Staatsb\u00fcrgerschaft. Zu Abschiebungen derer, die hier arbeitslos sind. Wenn die Leute hier keinen Job finden, m\u00fcssen sie zur\u00fcck in ihre Heimat.<\/p>\n<p><strong>ZEIT:<\/strong> Um bei der doppelten Staatsb\u00fcrgerschaft zu bleiben: In Ihrem Wahlkampf 2017 sagten Sie, dass franz\u00f6sische Juden ihre israelische Staatsb\u00fcrgerschaft zur\u00fcckgeben m\u00fcssten beziehungsweise sich zwischen Frankreich und Israel entscheiden m\u00fcssten.<\/p>\n<p><strong>Le Pen:<\/strong> Ich habe gesagt, dass es mir so scheint, als sei die doppelte Staatsb\u00fcrgerschaft nur noch f\u00fcr Europ\u00e4er aufrechtzuerhalten.<\/p>\n<p><strong>ZEIT:<\/strong> Unsere Frage ist, ob Sie daran festhalten, dass im Falle Ihres Wahlsieges franz\u00f6sische Juden ihre israelische Staatsb\u00fcrgerschaft aufgeben m\u00fcssten.<\/p>\n<p><strong>Le Pen:<\/strong> Also, nat\u00fcrlich ist die Frage mit Israel heikel. Denn die Israelis sind extrem verbunden mit einem Land, das sie unter Tr\u00e4nen und Blut gewonnen haben. Das ist die Realit\u00e4t. Es k\u00f6nnte also alles erst mal nur eine Debatte sein. Ich bin da nicht stur. Ich bin mir bewusst, dass die Frage, ob die Leute ihre doppelte Staatsb\u00fcrgerschaft aufgeben, zu ein paar Schwierigkeiten f\u00fchren k\u00f6nnte. Da habe ich noch keine abschlie\u00dfende Entscheidung getroffen. Aber wissen Sie, wir haben nur mit bestimmten Leuten Probleme, die die doppelte Staatsb\u00fcrgerschaft haben\u00a0&#8230; Ich spreche nicht von den USA, von Russland, auch nicht von Israel, sondern dem Maghreb, woher viele Einwanderer kommen.<\/p>\n<p><strong>ZEIT:<\/strong> Sie wollen schon seit Ihrem ersten Wahlkampf 2012 das Tragen des Schleiers verbieten, als sichtbares Zeichen einer Religion. Deshalb haben Sie immer wieder gesagt, die franz\u00f6sischen Juden m\u00fcssten ebenfalls ein \u00bbkleines Opfer\u00ab bringen \u2013 ihnen w\u00fcrden Sie das Tragen der Kippa verbieten.<\/p>\n<p><strong>Le Pen:<\/strong> Ja, ich habe zu unseren j\u00fcdischen Mitb\u00fcrgern gesagt, sie k\u00f6nnen die Kippa ja eh nicht mehr tragen, weil sie st\u00e4ndig angegriffen werden.<\/p>\n<p><strong>ZEIT:<\/strong> Verbieten ist noch mal etwas anderes.<\/p>\n<p><strong>Le Pen:<\/strong> Na ja, aber es geht nicht prim\u00e4r darum, die Kippa zu verbieten, sondern religi\u00f6se Symbole nicht auf der Stra\u00dfe zu tragen.<\/p>\n<p><strong>ZEIT:<\/strong> Gerade auf dem Weg hierher zur Nationalversammlung sind uns zwei M\u00e4nner mit Kippa begegnet. Dieses Bild g\u00e4be es nicht mehr unter Ihrer Pr\u00e4sidentschaft?<\/p>\n<p><strong>Le Pen:<\/strong> Ja, ich habe die Juden um dieses Opfer gebeten. Denn wir m\u00fcssen gegen das Kopftuch etwas tun, es gibt davon inzwischen hier so viele. Und in Frankreich kann man keine Gesetze gegen eine bestimmte Religion erlassen. Ich wei\u00df, dass das ein Opfer f\u00fcr manche Juden ist, kein kleines, ein gro\u00dfes Opfer, um das ich bitte.<\/p>\n<p><strong>ZEIT:<\/strong> Und wenn die Juden das Opfer nicht bringen wollen?<\/p>\n<p><strong>Le Pen:<\/strong> Wenn wir ein Gesetz verabschieden und die Leute Nein sagen, brechen sie das Gesetz, ganz einfach.<\/p>\n<p><strong>ZEIT:<\/strong> Es gibt eine Szene, die sich vor ungef\u00e4hr eineinhalb Jahren abspielte: Eine Mutter begleitete die Grundschulklasse ihres Sohnes auf einem Ausflug in das Parlament der Region Bourgogne-Franche-Comt\u00e9. Ein Politiker Ihrer Partei forderte vor den Augen der Sch\u00fcler die Parlamentspr\u00e4sidentin auf, die Mutter anzuweisen, ihren Schleier sofort abzulegen. Julien Odoul zeigte auf die junge Frau und behauptete f\u00e4lschlicherweise, es sei gegen das Gesetz, das Parlamentsgeb\u00e4ude mit Kopftuch zu betreten. Er h\u00f6rte minutenlang nicht auf, bis der Sohn der Mutter in Tr\u00e4nen ausbrach und sie ihn in den Arm nahm. M\u00fcssen die franz\u00f6sischen Muslime sich auf diese Behandlung einstellen, wenn Sie Pr\u00e4sidentin sind?<\/p>\n<p><strong>Le Pen:<\/strong> Ich habe ihm gesagt, dass es falsch war, das so zu machen. Er h\u00e4tte die Pr\u00e4sidentin bitten sollen, die Sitzung zu unterbrechen, um die Frau pers\u00f6nlich aufzufordern, den Schleier abzunehmen. Ich bin daf\u00fcr, dass man die Regeln einh\u00e4lt, aber ich finde es nicht gut, einzelne Personen zu dem\u00fctigen. Das w\u00fcrde ich selbst nie machen.<\/p>\n<p><strong>ZEIT:<\/strong> Aber es ist nicht verboten, im Parlamentsgeb\u00e4ude das Kopftuch zu tragen.<\/p>\n<p><strong>Le Pen:<\/strong> Doch. Sogar f\u00fcr Besucher.<\/p>\n<p><strong>ZEIT:<\/strong> Nein, im Regionalparlament ist es nicht verboten, und der Abgeordnete wurde von Ihnen anschlie\u00dfend zum Spitzenkandidaten bei den Regionalwahlen im Juni gemacht.<\/p>\n<p><strong>Le Pen:<\/strong> Was wollen Sie, soll ich ihn an den Galgen h\u00e4ngen? Sie reden die ganze Zeit nur \u00fcber Anekdoten und irgendwelche polemischen Debatten, die es mal gab. Wenn Sie meine Partei darstellen wollen, als k\u00f6nnten wir nur Emp\u00f6rung hervorrufen, bitte sch\u00f6n. 85\u00a0Prozent der Franzosen teilen unsere Vorstellungen zum Thema Einwanderung. Und Sie finden irgendein kleines Element in unseren Vorschl\u00e4gen, \u00fcber das sich ein paar Leute aufregen. Das ist alles, was Sie tun, die ganze Zeit! Also, h\u00e4tte Odoul es anders machen sollen? Ja. Sicher. Das habe ich ihm auch gesagt. Eine Mehrheit der Franzosen ist dagegen, dass der Schleier auf der Stra\u00dfe getragen wird. Wenn man den Franzosen zuh\u00f6rt, dann stellt man fest: Sie wollen keine Einwanderung. Das ist die Entscheidung des franz\u00f6sischen Volkes.<\/p>\n<p><strong>ZEIT:<\/strong> Angenommen, die Mehrheit der Franzosen ist tats\u00e4chlich daf\u00fcr, dass das Tragen des Kopftuchs und der Kippa verboten wird\u00a0\u2013 es g\u00e4be immer noch die Gerichte, die darauf achten, dass die franz\u00f6sische Verfassung eingehalten wird. Und die Verfassung garantiert zur Not auch gegen den Willen der Mehrheit die Freiheit zur Aus\u00fcbung der Religion. Wie wollen Sie das au\u00dfer Kraft setzen?<\/p>\n<p><strong>Le Pen:<\/strong> Es gibt ja bei uns schon das Kopftuchverbot an Schulen, also kann das Gesetz auf den gesamten \u00f6ffentlichen Raum ausgeweitet werden.<\/p>\n<p><strong>ZEIT:<\/strong> Mit welcher Begr\u00fcndung, die vor Gericht standhielte?<\/p>\n<p><strong>Le Pen:<\/strong> Das Kopftuch ist eine St\u00f6rung der \u00f6ffentlichen Ordnung. Es ist Ausdruck des Islamismus, den wir ausradieren m\u00fcssen. So wie wir den Nationalsozialismus ausradiert haben, so wie wir den Rassismus ausradiert haben. Niemand hat das Recht, den Islamismus zu unterst\u00fctzen, zu finanzieren, ihn zu relativieren.<\/p>\n<p><strong>ZEIT:<\/strong> Die Experten, die man dazu h\u00f6rt, sagen, es sei juristisch unm\u00f6glich, Kopftuch und Kippa zu verbieten.<\/p>\n<p><strong>Le Pen:<\/strong> Das sind dieselben Experten, die gesagt haben, es ist unm\u00f6glich, in Frankreich die Gurtpflicht im Auto einzuf\u00fchren. Und Sie sehen: Jetzt legen wir den alle an.<\/p>\n<p><strong>ZEIT:<\/strong> Sie sagen, Einwanderung ist das gr\u00f6\u00dfte Problem, das Frankreich hat. Wenn man sich einmal n\u00fcchtern die Zahlen ansieht, k\u00f6nnte man auch auf eine andere Idee kommen: Luftverschmutzung verursacht in Frankreich 50.000 Todesf\u00e4lle im Jahr. Mehr als 100.000 Franzosen sind an Covid-19 gestorben. Seit 2017 hat der Terrorismus 25\u00a0Todesopfer gefordert. Jede einzelne Tat ist grausam, trotzdem kann man Sie fragen, ob Sie die falschen Priorit\u00e4ten setzen.<\/p>\n<p><strong>Le Pen:<\/strong> Zun\u00e4chst einmal, nicht alle Einwanderer sind Terroristen, da werden Sie mir zustimmen, nicht wahr? Aber der Gro\u00dfteil der Terroristen kommt aus dem Ausland. Die Einwanderung ist der N\u00e4hrboden f\u00fcr Parallelgesellschaften, Parallelgesellschaften sind der N\u00e4hrboden f\u00fcr den Islamismus, und der Islamismus ist der N\u00e4hrboden f\u00fcr den Terror. Sie werden den Terror nicht besiegen, wenn Sie die Einwanderung nicht regeln. Wenn Sie nicht wissen, wer kommt, wo sie wohnen, was sie wollen, was sie denken.<\/p>\n<p><strong>ZEIT:<\/strong> Der Gro\u00dfteil der Einwanderer kommt durch den Familiennachzug nach Frankreich. Da wissen Sie genau, wer kommt, die Leute machen Gentests, erbringen Einkommens- und Sprachnachweise.<\/p>\n<p><strong>Le Pen:<\/strong> Das stimmt. Aber den Familiennachzug wollen wir stark eingrenzen, weil wir generell die Einwanderungszahlen drastisch absenken wollen. Wenn es uns in zehn Jahren besser geht, dann k\u00f6nnen auch mehr Einwanderer kommen. Ich bin da nicht ideologisch. Ich bin pragmatisch.<\/p>\n<p><strong>ZEIT:<\/strong> Sie sind die erfolgreichste Politikerin Frankreichs. Sehen Sie sich als Feministin?<\/p>\n<p><strong>Le Pen:<\/strong> Meine Partei ist nicht die Karikatur, die Sie immer zeichnen. Der Rassemblement National wurde in ein schlechtes Licht ger\u00fcckt, es wurde gegen meine Partei polemisiert. Dabei sind wir eine Partei der Mitte. Und die Frauen spielen eine sehr wichtige Rolle. Ich glaube daran, dass M\u00e4nner und Frauen komplement\u00e4r sind. Ich bin eine Frau, ich bin aber kein Opfer. Frauen haben eine andere Art, die Dinge anzugehen, eine spezielle Sensibilit\u00e4t vielleicht. Aber eine Minderheit sind wir nicht.<\/p>\n<p><strong>ZEIT:<\/strong> Sehen Sie Ihren Vater noch h\u00e4ufig?<\/p>\n<p><strong>Le Pen:<\/strong> Er ist mein Vater. Trotz der Unterschiede, trotz der Konflikte, die wir manchmal \u00f6ffentlich ausgetragen haben, er ist mein Vater. Er ist jetzt 93. Nat\u00fcrlich sehe ich ihn, so oft ich kann.<\/p>\n<p><strong>ZEIT:<\/strong> Sie haben bis 2015 in einer Villa in einem Pariser Vorort mit ihm zusammengelebt, wo Sie auch einen Teil Ihrer Kindheit und Jugend verbracht haben.<\/p>\n<p><strong>Le Pen:<\/strong> Ja. Seine Hunde, aus dem Tierheim hatte er die, haben eine meiner Katzen get\u00f6tet. Eigentlich waren es liebe Hunde. Aber die Katze hat sich erschrocken und ist losgerannt. Da brach der Jagdtrieb durch, und sie sind hinterher. Ich bin dann ausgezogen. Mein Vater meinte, deshalb ziehst du aus, wegen einer Katze, komm schon. Aber ich habe gesagt, ich habe noch vier andere Katzen, auf die muss ich aufpassen.<\/p>\n<p><strong>ZEIT:<\/strong> Als Kind wurden Sie Zeugin eines Bombenattentats auf Ihren Vater, der die Zentrale seiner Partei, des Front National, gleich neben der Stadtwohnung Ihrer Familie eingerichtet hatte. Nehmen Sie es Ihrem Vater \u00fcbel, dass er Sie so in die Politik hineingezogen hat? Sie selbst haben Ihre drei Kinder, die jetzt Anfang 20 sind, stets aus der \u00d6ffentlichkeit ferngehalten.<\/p>\n<p><strong>Le Pen:<\/strong> Ich habe meine Kinder besch\u00fctzt, das ist meine rote Linie. Jean-Marie Le Pen hat sich anders entschieden, er hat uns \u00f6ffentlich pr\u00e4sentiert, was nat\u00fcrlich Folgen f\u00fcr unseren Alltag, unser Leben hatte. Aber es war eine andere Zeit. Es war die Zeit von Ronald Reagan, die Zeit von Val\u00e9ry Giscard d\u2019Estaing, es geh\u00f6rte dazu, seine Familie zu zeigen. Heute ist das anders. Ich besch\u00fctze das Privatleben meiner Kinder wie eine W\u00f6lfin, sie sollen frei von ihrer Familiengeschichte Entscheidungen treffen k\u00f6nnen. Ich bin extrem stolz darauf, dass ich sie besch\u00fctzen konnte.<\/p>\n<p><strong>ZEIT:<\/strong> Denken Sie nicht manchmal: Ich lasse das Ganze hinter mir, ich mache etwas anderes?<\/p>\n<p><strong>Le Pen:<\/strong> Ich k\u00f6nnte tausend andere Dinge tun. Ich z\u00fcchte Katzen. Acht Junge habe ich gerade. Aber Heinrich IV. hat gesagt: Die Liebe, die ich f\u00fcr Frankreich empfinde, l\u00e4sst mir alles leicht erscheinen. Ja, warum opfert man seine Ruhe, seine Gelassenheit, seine Anonymit\u00e4t? Weil man das Land liebt.<\/p>\n<p><strong>ZEIT:<\/strong> Politik ist Gewalt, haben Sie mal gesagt.<\/p>\n<p><strong>Le Pen:<\/strong> Mein politisches Leben hat begonnen mit einer 20-Kilo-Bombe gleich neben meinem Bett. Also ja, Politik ist Gewalt.<\/p>\n<p>Die Fragen stellten <strong>Annika Joeres<\/strong> und <strong>Elisabeth Raether<\/strong><\/p>\n<p>Foto: Marcel Mochet\/AFP\/Getty Images<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p><strong>Die n\u00e4chste Pr\u00e4sidentin?<\/strong><\/p>\n<p>Marine Le Pen geh\u00f6rt inzwischen zu den popul\u00e4rsten Politikerinnen Frankreichs. Nach aktuellen Umfragen liegt sie nur noch knapp hinter Emmanuel Macron. Der amtierende Pr\u00e4sident hat viele Anh\u00e4nger verloren. Die \u00fcber Jahrzehnte regierenden Sozialisten und Republikaner erreichen in den Umfragen jeweils nur um die zehn Prozent. Marine Le Pen, 52, ist studierte Juristin und arbeitete eine Zeit lang als Anw\u00e4ltin. Sie \u00fcbernahm 2011 den Vorsitz des rechtsextremen Front National von ihrem Vater Jean-Marie Le Pen und benannte die Partei vor vier Jahren in Rassemblement National um. Ihren Vater schloss sie 2015 aus der Partei aus, nachdem er in Interviews den Holocaust als \u00bbDetail der Geschichte\u00ab relativiert hatte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Wie der Faschismus sich hinter einer patriotischen Fassade verbirgt und &#8211; ohne Hinderung durch Zivilgesellschaft, Verfassungsgericht und sonstige staatliche Gegenwehr &#8211; die Pr\u00e4sidentschaft erobert, lernt man in dem Interview. &nbsp; &nbsp; Marine Le Pen &#8222;Also ja, Politik ist Gewalt&#8220; &nbsp; Die Rechtsextreme Marine Le Pen wird immer beliebter, 2022 k\u00f6nnte sie zur franz\u00f6sischen Pr\u00e4sidentin [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-3050","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/michaelbouteiller.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3050","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/michaelbouteiller.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/michaelbouteiller.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/michaelbouteiller.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/michaelbouteiller.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3050"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/michaelbouteiller.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3050\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3096,"href":"https:\/\/michaelbouteiller.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3050\/revisions\/3096"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/michaelbouteiller.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3050"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/michaelbouteiller.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3050"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/michaelbouteiller.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3050"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}