{"id":3670,"date":"2022-01-23T07:37:30","date_gmt":"2022-01-23T06:37:30","guid":{"rendered":"https:\/\/michaelbouteiller.de\/?p=3670"},"modified":"2022-01-23T09:21:55","modified_gmt":"2022-01-23T08:21:55","slug":"kriegsschuldluege-und-weimarer-republik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaelbouteiller.de\/?p=3670","title":{"rendered":"Kriegsschuldl\u00fcge  und Weimarer Republik"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-group is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow\">\n<p><a href=\"https:\/\/www.1000dokumente.de\/index.html?c=dokument_de&amp;dokument=0026_dol&amp;object=facsimile&amp;pimage=1&amp;v=100&amp;nav=&amp;l=de\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-4849 size-large\" src=\"https:\/\/michaelbouteiller.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/E1A0C521-9BA6-421B-99FB-34817019DE3C-696x1024.jpeg\" alt=\"\" width=\"696\" height=\"1024\" srcset=\"https:\/\/michaelbouteiller.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/E1A0C521-9BA6-421B-99FB-34817019DE3C-696x1024.jpeg 696w, https:\/\/michaelbouteiller.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/E1A0C521-9BA6-421B-99FB-34817019DE3C-204x300.jpeg 204w, https:\/\/michaelbouteiller.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/E1A0C521-9BA6-421B-99FB-34817019DE3C-768x1130.jpeg 768w, https:\/\/michaelbouteiller.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/E1A0C521-9BA6-421B-99FB-34817019DE3C-1044x1536.jpeg 1044w, https:\/\/michaelbouteiller.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/E1A0C521-9BA6-421B-99FB-34817019DE3C-1070x1575.jpeg 1070w, https:\/\/michaelbouteiller.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/E1A0C521-9BA6-421B-99FB-34817019DE3C.jpeg 1319w\" sizes=\"auto, (max-width: 696px) 100vw, 696px\" \/><\/a><\/p>\n<p><span style=\"font-size: revert; color: initial;\">Weimarer Republik<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Ehre und Schande<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s2\">In der Weimarer Republik bl\u00fcht die &#8222;Cancel Culture&#8220; im rechten Lager: Die Radikalnationalen \u00e4chten jeden, der den Versailler Vertrag verteidigt, als &#8222;Vaterlandsverr\u00e4ter&#8220;.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s2\">Von <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/autoren\/W\/Frank-_Werner\/index\"><span class=\"s1\">Frank Werner<\/span><\/a><\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s2\">18. April 2021, 12:38 Uhr ZEIT Geschichte Nr.\u00a02\/2021, 23. M\u00e4rz 2021 <\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s2\">Die <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/zeit-geschichte\/2016\/03\/weimarer-republik-demokratie-staerke\">Weimarer Republik<\/a> ist gerade zwei Wochen alt, da landet <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/thema\/kurt-eisner\">Kurt Eisner<\/a> den gr\u00f6\u00dften Enth\u00fcllungscoup ihrer Geschichte. Am 23.\u00a0November 1918 lanciert der bayerische Ministerpr\u00e4sident Ausz\u00fcge aus den Geheimakten der k\u00f6niglichen Gesandtschaft in Berlin an die Presse. <\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s2\">Die deutsche \u00d6ffentlichkeit erf\u00e4hrt, wie die Reichsregierung im Sommer 1914 vor dem Ausbruch des <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/zeit-geschichte\/2014\/01\/erster-weltkrieg-essay\">Ersten Weltkriegs<\/a> mit dem Feuer spielte und den \u00f6sterreichisch-serbischen Konflikt bewusst eskalierte. Eisners Indiskretion entfacht einen Sturm der Entr\u00fcstung. Das Kainsmal des Landesverr\u00e4ters klebt an ihm.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s2\">Es ist der Auftakt einer rigorosen Verleumdungskampagne, die jedes auch nur halbwegs neutrale Urteil \u00fcber die deutsche Kriegsschuld und den Versailler Vertrag als Vers\u00fcndigung am Vaterland gei\u00dfelt \u2013 und so das politische Klima der Republik vergiftet. Wer den alliierten Vorwurf der Kriegsschuld nicht mit hellauf emp\u00f6rter Stimme zur\u00fcckweist, beschmutzt aus Sicht der rechten Republikgegner das nationale Nest. Er kann sich nicht darauf berufen, nur seine Meinung gesagt zu haben, denn &#8222;Landesverrat&#8220; ist keine Meinung. Ein solcher Akt verdient keine Widerrede, sondern den \u00f6ffentlichen Pranger \u2013 oder den Tod.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s2\">Ein gutes halbes Jahr nach Eisners Enth\u00fcllung, am 31.\u00a0Juli 1919, verabschiedet die Nationalversammlung die Weimarer Verfassung. Der Grundrechtekatalog ist umfassend, die Meinungsfreiheit garantiert. Aber was n\u00fctzt das, wenn eine Debatte gar nicht gef\u00fchrt, sondern im Keim erstickt werden soll? Wenn es nicht darum geht, das Argument des Gegners zu ersch\u00fcttern, sondern Als die Nationalversammlung kurz zuvor am 23.\u00a0Juni \u00fcber den Versailler Vertrag debattiert, erleben die Parlamentarier, wie Abgeordnete der nationalliberalen Deutschen Volkspartei (DVP) und der rechtskonservativen Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) ihren Widersachern, den Bef\u00fcrwortern der Unterzeichnung, ausdr\u00fccklich vaterl\u00e4ndische Motive zubilligen. Eine noble Geste, Fair Play in Weimar. Ein beinahe surrealer Moment.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s2\">Zwei Wochen darauf, am 9. Juli, wird der Vertrag ratifiziert, mit den Stimmen von <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/thema\/spd\">SPD<\/a>, Unabh\u00e4ngigen Sozialdemokraten und Zentrum \u2013 jenen Parteien, die schon im <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2021\/06\/deutsches-kaiserreich-moderne-nationalsozialismus-debatte-geschichte\">Kaiserreich<\/a> als &#8222;innere Reichsfeinde&#8220; und &#8222;vaterlandslose Gesellen&#8220; galten. In diese Kerbe schlagen nun die Deutschnationalen. Fortan schmettert die DNVP den Sozialdemokraten immer wieder entgegen, die &#8222;Schuldl\u00fcge&#8220; auf sich genommen zu haben, weil ihr Hass auf das Kaiserreich gr\u00f6\u00dfer sei als ihre &#8222;Treue zum Vaterland&#8220;.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s2\">Mit der h\u00e4mmernden Revisionspropaganda gegen Versailles arbeiten die Kaiserlich-Konservativen und die Radikalnationalen an ihrem Comeback. Das Thema ist gut gew\u00e4hlt, denn die Ablehnung des Friedensvertrags ist mehrheitsf\u00e4hig, vor allem der Kriegsschuldvorwurf gilt weithin als Skandal. Nicht nur im Parlament setzt die Opposition die Vertreter der Weimarer Koalition unter Druck. Den Ton gibt eine \u00f6ffentliche Kampagne an, gef\u00f6rdert vom Ausw\u00e4rtigen Amt und orchestriert vom Arbeitsausschuss Deutscher Verb\u00e4nde, einer Propagandazentrale, die auch scheinbar unpolitische Organisationen wie die Caritas oder den St\u00e4dtebund gegen <\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s2\">Eine Welle von Publikationen prangert die &#8222;Kriegsschuldl\u00fcge&#8220; an, w\u00e4hrend Gutachten, die den aggressiven Kurs der deutschen Regierung belegen, unver\u00f6ffentlicht bleiben. An Litfa\u00dfs\u00e4ulen, in Schaufenstern, im Kino, auf Wanderausstellungen und Massenkundgebungen, der Protest ist allgegenw\u00e4rtig \u2013 und die Diktion eindeutig: Nicht von der selbst verschuldeten Niederlage ist die Rede, sondern vom &#8222;Schandfrieden&#8220;, von der &#8222;Schmach&#8220; oder, unter Antisemiten, vom &#8222;Talmud-Diktat&#8220;. Schon einen Monat nach der Abstimmung \u00fcber die Annahme des Vertrags beklagt der Zentrumspolitiker Heinrich Brauns, die Begriffe seien zu Waffen geworden: &#8222;Man hat das Schlagwort vom &#8218;Schmachfrieden&#8216; gepr\u00e4gt; wie es scheint, auch nicht ohne Absicht, damit politische Gesch\u00e4fte zu machen.&#8220;<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s2\">Die Gegner der Republik wollen mit ihrer Agitation wieder salonf\u00e4hig werden \u2013 und die Demokraten als Verantwortliche f\u00fcr die Katastrophe kompromittieren. Prominente Republikaner werden als &#8222;Novemberverbrecher&#8220; oder &#8222;Erf\u00fcllungspolitiker&#8220; diffamiert. Ein Plakatentwurf von 1919 fordert: &#8222;Man nagle sie zu ihrer Schand mit ihrer Unterschriften-Hand an eine \u00f6ffentliche Wand!&#8220; \u2013 zu sehen sind Au\u00dfenminister Hermann M\u00fcller (SPD) und Kabinettskollege Johannes Bell (Zentrum), die den Versailler Vertrag unterzeichnet haben. Auch Reichspr\u00e4sident <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/thema\/friedrich-ebert\">Friedrich Ebert<\/a> muss sich des Verratsvorwurfs erwehren; Finanzminister Matthias Erzberger, der im November 1918 den Waffenstillstand besiegelt hat, wird vom Deutschnationalen Karl Helfferich in einer Serie von Zeitungsartikeln als &#8222;Reichsverderber&#8220; an den Schandpfahl gestellt.<\/span><\/p>\n<p class=\"p3\"><span class=\"s3\">Die Demokraten sind keine echten M\u00e4nner, sondern &#8222;Dr\u00fcckeberger&#8220;<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s2\">Hassrede und Gewalt liegen in der <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/thema\/weimarer-republik\">Weimarer Republik<\/a> eng beieinander. Helfferichs Parole &#8222;Fort mit Erzberger&#8220; nehmen Rechtsterroristen beim Wort und ermorden den Zentrumspolitiker im August 1921. Auch <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2019\/07\/antisemitismus-kurt-eisner-freistaat-bayern-rechtsextremismus-attentat\">Kurt Eisner f\u00e4llt 1919 einem Attentat zum Opfer<\/a>, ebenso wie 1922 <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2012\/26\/Walther-Rathenau\">Au\u00dfenminister Walther Rathenau<\/a>.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s2\">Erzberger hatte der rechten Legende vom &#8222;Dolchsto\u00df&#8220; entschieden widersprochen. Im Juli 1919 hielt er den Kaisertreuen entgegen, dass die Weimarer Koalition die Schuld der anderen b\u00fc\u00dfe, der &#8222;allm\u00e4chtigen Milit\u00e4rs&#8220;, die den Frieden 1917 in ihren Siegtr\u00e4umen verschenkt h\u00e4tten. Doch es wird immer schwieriger f\u00fcr die Republikaner, die Realit\u00e4t gegen die anschwellende Emp\u00f6rungspropaganda zu verteidigen.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s2\">Die Rechtsnationalen attackieren auf einem Feld, auf dem die Demokraten nur schwer widersprechen k\u00f6nnen, ohne ihr Ansehen als Patrioten zu gef\u00e4hrden. Im Kampf um die &#8222;Ehre&#8220; der Nation gibt es \u2013 \u00e4hnlich wie im Sommer 1914 \u2013 kaum zwei Meinungen; die Grenzen des Sagbaren sind eng gezogen. Selbst ein Kritiker des wilhelminischen Militarismus wie der Historiker Hans Delbr\u00fcck prangert \u00f6ffentlich an, die Sieger h\u00e4tten Deutschland nicht nur territorial &#8222;verst\u00fcmmelt&#8220;, sondern durch den Kriegsschuldvorwurf versucht, &#8222;unsere nationale Ehre zu sch\u00e4nden und uns in Kreisen der Kulturv\u00f6lker als ein Verbrechervolk zu kennzeichnen&#8220;.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s2\">Wer in Regierungsverantwortung steht und Realpolitik betreiben muss, hat in diesem Reizklima kaum Chancen, ein abw\u00e4gendes Urteil zu f\u00e4llen. &#8222;Es war f\u00fcr die demokratischen Parteien, allen voran die SPD, schwer, wenn nicht unm\u00f6glich, eine differenzierte Bewertung des Versailler Vertrags zu entwickeln&#8220;, konstatiert der Historiker Eckart Conze. Ging es um &#8222;Ehre&#8220; und &#8222;Schande&#8220;, blieb wenig Raum f\u00fcr n\u00fcchterne Zwischent\u00f6ne, geschweige denn f\u00fcr konstruktive Politik.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s2\">Eine Debatte, wie man die Reparationslasten so ertr\u00e4glich wie m\u00f6glich gestalten k\u00f6nnte, wollen die Rechtsnationalen auch gar nicht f\u00fchren. Ihr Ziel ist, den Demokraten die Diskussionsw\u00fcrdigkeit abzusprechen \u2013 sie so zu verunglimpfen, dass man sich gar nicht die M\u00fche machen muss, ihre Argumente anzuh\u00f6ren, weil sie wahlweise &#8222;Landesverr\u00e4ter&#8220; oder, ein nicht weniger beliebter Vorwurf, &#8222;Weibsbilder&#8220; sind.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s2\">Die Historikerin Martina Kessel hat gezeigt, wie vor allem die Nationalsozialisten die Sprache der Geschlechter beherrschen, um die Republik als &#8222;Schwatzbude&#8220; und die Demokraten als &#8222;weibische Dr\u00fcckeberger&#8220; zu desavouieren. &#8222;Die Schw\u00e4tzer haben zu schweigen; die M\u00e4nner allein zu bestimmen. Politische Deserteure und hysterische Weiber beiderlei Geschlechts m\u00fcssen ausgeschifft werden&#8220;, p\u00f6belt der sp\u00e4tere SA-Chef Ernst R\u00f6hm. Nach Jahrzehnten der Verherrlichung einer soldatischen M\u00e4nnlichkeit und dem j\u00e4hen Absturz aus dieser Traumwelt f\u00e4llt eine solche Ehrabschneiderei auf fruchtbaren Boden: Wem der Ruf des Unsoldatischen und Unm\u00e4nnlichen anhaftet, der steht schnell im Verdacht, den &#8222;Dolchsto\u00df&#8220; in den R\u00fccken des Heeres pers\u00f6nlich gef\u00fchrt zu haben.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s2\">Auf der Suche nach S\u00fcndenb\u00f6cken f\u00fcr die Niederlage schm\u00e4hen die Antidemokraten &#8222;Frau Republik&#8220; als wankelm\u00fctig \u2013 und die parlamentarische Debatte als kraftlos und unm\u00e4nnlich. Vergeblich fordert der DVP-Vorsitzende Gustav Stresemann, den Versuch des Interessenausgleichs seiner Partei nicht als &#8222;Politik des schw\u00e4chlichen Kompromisses&#8220; zu verdammen. Denn wie schwach und l\u00e4cherlich wirken sie, die Spitzen der Republik, wie sie da in kurzen Badehosen im knietiefen Wasser stehen? Ein der Presse zugespieltes Foto zeigt Ebert und Reichswehrminister Gustav Noske beim anscheinend vergn\u00fcglichen Bad in der Ostsee, drei Wochen nach Unterzeichnung des Versailler Vertrages. Die <\/span><span class=\"s4\">Deutsche Tageszeitung<\/span><span class=\"s2\"> l\u00e4stert \u00fcber die zur Schau gestellte &#8222;Mannessch\u00f6nheit&#8220;, eine Postkarte kontrastiert die halb nackten Demokraten mit Kaiser Wilhelm\u00a0II. und Hindenburg in Paradeuniform. Der <\/span><span class=\"s4\">Hannoversche Kurier <\/span><span class=\"s2\">sieht im ganz und gar unbewaffneten Reichswehrminister gar das Sinnbild f\u00fcr die in Versailles gedem\u00fctigte Nation.<\/span><\/p>\n<p class=\"p3\"><span class=\"s3\">Der Anpassungsdruck, in den rechten Ehrenchor einzustimmen<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s2\">Immer wieder Versailles. Im Laufe der Jahre verschafft die Polemik gegen den &#8222;Schandfrieden&#8220; und die &#8222;Schuldl\u00fcge&#8220; den Rechten moralische Lufthoheit \u00fcber die Republik. Der Sozialdemokrat <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/thema\/eduard-bernstein\">Eduard Bernstein<\/a> beklagt 1924 gegen\u00fcber seinem Parteigenossen Karl Kautsky, die eigenen Leute seien der Unschuldspropaganda &#8222;beinahe waffenlos ausgeliefert&#8220; \u2013 es sei ein Leichtes, so &#8222;den Massen plausibel zu machen, da\u00df das Kaisertum zu Unrecht gest\u00fcrzt worden und die &#8218;Judenrepublik&#8216; und ihre Erf\u00fcllungspolitik an allem \u00dcbel schuld seien, unter dem Deutschland leide&#8220;. <\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s2\">Bernstein hat auf dem SPD-Parteitag 1919 selbst erfahren m\u00fcssen, welche Reaktionen es ausl\u00f6st, wenn die Kriegsschuld nicht in Bausch und Bogen geleugnet wird. Er hatte an die Genossen appelliert, sich von alten Ehrbegriffen zu befreien und die Frage nach &#8222;Schuld und Verantwortung&#8220; kritisch zu stellen. Parteif\u00fchrung und Delegierte h\u00e4tten ihn &#8222;f\u00f6rmlich niedergemacht&#8220;, schreibt der Historiker Heinrich August Winkler.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s2\">Stimmen der Vernunft wie Bernstein werden in den sp\u00e4ten Jahren der Republik immer seltener und leiser. Vor allem die b\u00fcrgerlichen Parteien glauben, R\u00fccksicht auf die nationale Empfindlichkeit nehmen zu m\u00fcssen. Vom Vorhaben, einen Staatsgerichtshof zur Verfolgung der Kriegsschuldigen einzurichten, waren Zentrum und DDP schon im Fr\u00fchjahr 1919 abger\u00fcckt, um &#8222;weitere Reizungen im Innern&#8220; zu vermeiden, wie es im Protokoll der Nationalversammlung hei\u00dft. Bei den Sozialdemokraten m\u00fchte sich vor allem Au\u00dfenminister Hermann M\u00fcller, seine Kritiker zu beschwichtigen: Wenige Tage nachdem er den Vertrag unterzeichnet hatte, pestete er in der Ratifizierungsdebatte gegen die &#8222;vertraggewordene Vergewaltigung&#8220; \u2013 ganz im Stil seiner Verleumder.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s2\">Zehn Jahre darauf, am 28. Juni 1929, ist M\u00fcller Reichskanzler und die \u00c4chtung der &#8222;Kriegsschuldl\u00fcge&#8220; l\u00e4ngst ein Ritual. Zum zehnten Jahrestag der Vertragsunterzeichnung scheut der Sozialdemokrat sogar den Schulterschluss mit Reichspr\u00e4sident Hindenburg nicht \u2013 die beiden rufen gemeinsam zur Trauerkundgebung auf.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s2\">In der Skandalisierung von Versailles treffen sich Rechts und Links, selbst die KPD agitiert gegen die &#8222;Versklavung der Werkt\u00e4tigen&#8220; und verspricht f\u00fcr den Fall der Macht\u00fcbernahme, den &#8222;r\u00e4uberischen Friedensvertrag&#8220; zu &#8222;zerrei\u00dfen&#8220;. Die Front der Ablehnung ist breit, die Tonlage laut und ehrpusselig emotional \u2013 realpolitische Einw\u00e4nde bleiben den Demokraten da meist im Halse stecken. Selten sind in den sp\u00e4ten Jahren noch kritische T\u00f6ne zu vernehmen. Zu den Standhaften, die sich dem Mainstream widersetzen, geh\u00f6rt Carl von Ossietzky, der im Juli 1929 in der <\/span><span class=\"s4\">Weltb\u00fchne<\/span><span class=\"s2\"> f\u00fcr eine &#8222;leidenschaftslos vern\u00fcnftige Betrachtung&#8220; des Friedensvertrags wirbt und gegen die Revisionspropaganda stachelt: &#8222;Das Gerassel mit den Ketten von Versailles klingt immer blechener.&#8220; \u00d6ffentlichen Beifall darf Ossietzky daf\u00fcr allerdings nicht mehr erwarten. Die Demokraten bleiben in Deckung und versuchen, keine Angriffsfl\u00e4che zu bieten.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s2\">Meinungsfreiheit ist in Weimar ein hohes Gut, verbrieft in der Verfassung, gelebt in einer weltanschaulich diversen Demokratie. Aber echte Freiheit ben\u00f6tigt ein Mindestma\u00df an Toleranz, um die Debatte vor Diffamierungskampagnen zu sch\u00fctzen. Echter Streit beruht auf einem Konsens \u00fcber Regeln und Grenzen. In einem radikalen Entweder-oder-Klima k\u00f6nnen sich Meinungen hingegen nur schwer entfalten. Als &#8222;unm\u00f6glich&#8220; markierte Standpunkte fallen aus der Debatte. Die Gegner der Republik beherrschten diese Strategie der Ausgrenzung durch Etikettierung meisterhaft. Ihre aggressive Ressentimentkultur gegen Versailles und das Weimarer &#8222;System&#8220; wurde so m\u00e4chtig, dass sie die Demokraten in die Defensive dr\u00e4ngte und in der symbolisch so wichtigen <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2014\/32\/erster-weltkrieg-christopher-clark\">Frage der Kriegsschuld<\/a> nahezu mundtot machte.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s2\">Auf ihrem Leipziger Parteitag 1931 schwenkt die SPD endg\u00fcltig auf den Rechtskurs ein, unter gro\u00dfem Beifall macht die Parteif\u00fchrung die &#8222;Kriegsschuldl\u00fcge&#8220; f\u00fcr die Last der Reparationen verantwortlich. Mahnende Stimmen, die vor einer \u00dcbernahme der rechten Rhetorik warnen, werden kaum noch geh\u00f6rt. Der Sozialdemokrat Rudolf Hilferding, unter Stresemann und M\u00fcller Finanzminister, attestiert den f\u00fchrenden Genossen im Februar 1932, der &#8222;nationalistischen Psychose&#8220; endg\u00fcltig anheimgefallen zu sein.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s2\">Wie gro\u00df der Anpassungsdruck ist, in den rechten Ehrenchor einzustimmen, daf\u00fcr gibt ausgerechnet Otto Wels in seiner mutigen Rede gegen das Erm\u00e4chtigungsgesetz der Nationalsozialisten ein letztes Beispiel. Am 23.\u00a0M\u00e4rz 1933 stemmt der Sozialdemokrat sich im Reichstag gegen die Diktatur, zitiert Hitler aber ausdr\u00fccklich zustimmend, als es um Versailles und den &#8222;Wahnwitz der Reparationen&#8220; geht. Wels f\u00fchlt sich selbst in dieser Stunde noch gen\u00f6tigt, daran zu erinnern, dass er 1919 &#8222;als erster Deutscher vor einem internationalen Forum [&#8230;] der Unwahrheit von der Schuld Deutschlands am Ausbruch des Weltkrieges entgegengetreten&#8220; sei.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s2\">Am Ende beh\u00e4lt sein Parteigenosse Eduard Bernstein recht. Der Versuch der Demokraten, sich die Anti-Versailles-Propaganda zu eigen zu machen, ist ein Lehrst\u00fcck daf\u00fcr, dass sich Rechtspopulisten nicht mit ihren eigenen Waffen schlagen lassen. Bernstein hat eine solch opportunistische Politik schon 1924 &#8222;selbstm\u00f6rderisch&#8220; genannt.<\/span><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.1000dokumente.de\/index.html?c=dokument_de&amp;dokument=0026_dol&amp;object=facsimile&amp;pimage=1&amp;v=100&amp;nav=&amp;l=de\">Protokoll der Sitzung des Untersuchungsausschusses 1919<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weimarer Republik Ehre und Schande In der Weimarer Republik bl\u00fcht die &#8222;Cancel Culture&#8220; im rechten Lager: Die Radikalnationalen \u00e4chten jeden, der den Versailler Vertrag verteidigt, als &#8222;Vaterlandsverr\u00e4ter&#8220;. Von Frank Werner 18. April 2021, 12:38 Uhr ZEIT Geschichte Nr.\u00a02\/2021, 23. M\u00e4rz 2021 Die Weimarer Republik ist gerade zwei Wochen alt, da landet Kurt Eisner den gr\u00f6\u00dften [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":4849,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-3670","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/michaelbouteiller.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3670","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/michaelbouteiller.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/michaelbouteiller.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/michaelbouteiller.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/michaelbouteiller.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3670"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/michaelbouteiller.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3670\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4850,"href":"https:\/\/michaelbouteiller.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3670\/revisions\/4850"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/michaelbouteiller.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/4849"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/michaelbouteiller.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3670"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/michaelbouteiller.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3670"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/michaelbouteiller.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3670"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}