{"id":3880,"date":"2021-11-09T11:13:18","date_gmt":"2021-11-09T10:13:18","guid":{"rendered":"https:\/\/michaelbouteiller.de\/?p=3880"},"modified":"2021-11-10T16:41:00","modified_gmt":"2021-11-10T15:41:00","slug":"zerstoerung-der-wahrheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaelbouteiller.de\/?p=3880","title":{"rendered":"Zerst\u00f6rung der Wahrheit"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<h2>Zerst\u00f6rung der Wahrheit<br \/>INFOKRIEGE Desinformation und Fake News, Verschw\u00f6rungstheorien und Cancel Culture \u2013 warum sich liberale Gesellschaften nicht mehr auf eine gemeinsame Realit\u00e4t einigen k\u00f6nnen.<\/h2>\r\n<pre>Von Jonathan Rauch<\/pre>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&nbsp;<\/p>\r\n<div class=\"RichText RichText--iconLinks lg:w-8\/12 md:w-10\/12 lg:mx-auto md:mx-auto lg:px-24 md:px-24 sm:px-16 break-words word-wrap\">\r\n<p>Der 6. Januar 2021 war der wohl schw\u00e4rzeste Tag f\u00fcr die amerikanische Demokratie seit dem B\u00fcrgerkrieg vor mehr als 150 Jahren. Tausende protestierten vor dem Kapitol in Washington in der Hoffnung, die friedliche Macht\u00fcbergabe von <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/thema\/donald_trump\/\" data-link-flag=\"spon\">Donald Trump<\/a> an <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/thema\/joe_biden\/\" data-link-flag=\"spon\">Joe Biden<\/a> zu verhindern. Christliche Symbole. Galgen. M\u00e4nner in Kampfmontur. Menschen, die Absperrgitter st\u00fcrmten. Sicherheitsbeamte, die mit Fahnenstangen und erbeuteten Schutzschilden geschlagen, mit Reizgas geblendet werden, einer von ihnen bettelte um sein Leben: \u00bbIch habe Kinder!\u00ab Glas zersprang, T\u00fcren \u00f6ffneten sich, drinnen machten die Demonstranten Jagd auf die Sprecherin des Repr\u00e4sentantenhauses und den Vizepr\u00e4sidenten, vielleicht um sie zu entf\u00fchren, vielleicht um sie zu t\u00f6ten. Mitglieder des Kongresses, die gerade das offizielle Ergebnis der Wahlen best\u00e4tigen sollten, mussten vor ihren Verfolgern gerettet werden.<\/p>\r\n<\/div>\r\n<div class=\"lg:w-8\/12 md:w-10\/12 lg:mx-auto md:mx-auto lg:px-24 md:px-24 sm:px-16\" data-advertisement=\"GujAd outstream_div\">\r\n<div id=\"outstream_div\" class=\"gujAd focus-within:outline-focus\" data-advertisement=\"GujAd outstream_div desktop tablet mobile lg md sm\">\u00a0<\/div>\r\n<\/div>\r\n<section class=\"clear-both lg:w-8\/12 md:w-10\/12 sm:w-full mx-auto lg:my-32 md:my-32 sm:my-24 lg:px-24 md:px-24 sm:px-16\">\r\n<div>\r\n<section class=\"bg-sec2-lightest dark:bg-sec2-darker rounded pb-12 lg:px-24 md:px-24 sm:px-16 flow-root pt-8\" data-area=\"contentbox\"><span class=\"block font-extrabold border-separator-b pb-16 my-16 font-brandUI text-xl leading-tight\">Zum Autor<\/span>\r\n<figure class=\"relative lg:my-24 md:my-24 sm:my-16\" data-component=\"Image\" data-zoom-id=\"80113f05-c4a4-4b88-8959-7e29a3fd1678\" data-settings=\"{&quot;id&quot;:&quot;77c36e64-36c4-4371-8c23-9545c41e35b2&quot;, &quot;zoomable&quot;:false,&quot;zoomId&quot;:&quot;80113f05-c4a4-4b88-8959-7e29a3fd1678&quot;}\" data-component-id=\"e83180cb-17ef-42c7-abba-a04d5701741b\"><span class=\"block overflow-hidden max-w-full mx-auto rounded\"><span class=\"block relative bg-transparent\" data-image-el=\"aspect\"><span class=\"absolute top-0 left-0 w-full max-h-screen\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"block lazyload h-full mx-auto loaded\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/77c36e64-36c4-4371-8c23-9545c41e35b2_w568_r1.7536231884057971_fpx48.42_fpy44.93.png\" sizes=\"auto, 568px\" srcset=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/77c36e64-36c4-4371-8c23-9545c41e35b2_w284_r1.7536231884057971_fpx48.42_fpy44.93.png 284w, https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/77c36e64-36c4-4371-8c23-9545c41e35b2_w335_r1.7536231884057971_fpx48.42_fpy44.93.png 335w, https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/77c36e64-36c4-4371-8c23-9545c41e35b2_w568_r1.7536231884057971_fpx48.42_fpy44.93.png 568w\" alt=\"\" width=\"568\" height=\"324\" data-image-el=\"img\" data-ll-status=\"loaded\" \/><\/span><\/span><\/span>\r\n<figcaption class=\"RichTextCaption font-sansUI text-s leading-normal text-shade-dark dark:text-shade-light py-8\"><span class=\"RichTextCredit text-shade-light dark:text-shade-dark\">Foto: Dean Alexander<\/span><\/figcaption>\r\n<\/figure>\r\n<div class=\"RichText RichText--small RichText--sans RichText--iconLinks\">\r\n<p><strong>Jonathan Rauch, <\/strong>Jahrgang 1960 in Phoenix, Arizona, geboren, ist Mitarbeiter der Brookings Institution, einem Thinktank in Washington, der der liberalen Mitte zugeordnet wird. Rauch arbeitet als Journalist und Buchautor. Im Juni ist in den USA Rauchs neues Buch \u00bbThe Constitution of Knowledge. A Defense of Truth\u00ab erschienen. Die deutsche Ausgabe ist beim Hirzel Verlag Stuttgart in Vorbereitung.<\/p>\r\n<\/div>\r\n<\/section>\r\n<\/div>\r\n<\/section>\r\n<div class=\"RichText RichText--iconLinks lg:w-8\/12 md:w-10\/12 lg:mx-auto md:mx-auto lg:px-24 md:px-24 sm:px-16 break-words word-wrap\">\r\n<p>Nat\u00fcrlich erz\u00e4hlt dieser Tag von einer gro\u00dfen politischen Krise \u2013 von einer politischen Partei, den Republikanern, deren Basis zunehmend desillusioniert ist, sich radikalisiert hat und deren F\u00fchrer ihre Anh\u00e4nger weder z\u00fcgeln k\u00f6nnen noch wollen. Aber er erz\u00e4hlt auch von einem Glaubenskrieg. Von Menschen, die sich nicht mehr auf eine gemeinsame Realit\u00e4t einigen k\u00f6nnen und auch nicht darauf, wie sie ihre Differenzen l\u00f6sen. Man k\u00f6nnte es einen epistemischen B\u00fcrgerkrieg nennen.<\/p>\r\n<\/div>\r\n<section class=\"clear-both lg:w-8\/12 md:w-10\/12 sm:w-full mx-auto lg:my-32 md:my-32 sm:my-24 lg:px-24 md:px-24 sm:px-16\">\r\n<div data-issue-context-hidden=\"\">\r\n<section class=\"bg-sec2-lightest dark:bg-sec2-darker rounded pb-12 lg:px-24 md:px-24 sm:px-16 flow-root pt-8\" data-area=\"contentbox\"><span style=\"font-size: inherit;\">Epistemologie ist ein etwas esoterisch klingender Begriff aus der Philosophie, der den Weg aus den Elfenbeint\u00fcrmen der Universit\u00e4ten in den Mainstream gefunden hat. In der Erkenntnistheorie geht es um die Frage, woher wir wissen, was wir wissen. Was ist Wirklichkeit? Was ist Wahrheit? Die Eindringlinge im Kapitol wurden als Aufst\u00e4ndische betrachtet, die die Demokratie zerst\u00f6ren wollten. Sie selbst aber sahen sich als deren Retter, weil sie davon \u00fcberzeugt waren, dass die Wahl gestohlen und ein massiver Betrug begangen worden sei. Mehr als die H\u00e4lfte der Republikaner glaubt immer noch, dass Donald Trump die Wahl gewonnen hat. Und ein gro\u00dfer Teil von ihnen macht sogar die Demokraten verantwortlich f\u00fcr die Unruhen im Kapitol.<\/span><\/section>\r\n<\/div>\r\n<\/section>\r\n<div class=\"RichText RichText--iconLinks lg:w-8\/12 md:w-10\/12 lg:mx-auto md:mx-auto lg:px-24 md:px-24 sm:px-16 break-words word-wrap\">\r\n<p>\u00bbThe Misinformation Age\u00ab, \u00bbTruth Decay\u00ab, \u00bbPost-Truth\u00ab, \u00bbThe Death of Truth\u00ab, so hei\u00dfen B\u00fccher von Wissenschaftlern und Experten, die f\u00fcrchten, dass wir die F\u00e4higkeit verlieren, Wahrheit von Unwahrheit zu unterscheiden, oder gar nicht mehr daran glauben, dass es einen Unterschied gibt. \u00bbWenn wir nicht in der Lage sind, das Wahre vom Falschen zu unterscheiden\u00ab, sagt <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/thema\/barack_obama\/\" data-link-flag=\"spon\">Barack Obama<\/a>, \u00bbdann funktioniert unsere Demokratie grunds\u00e4tzlich nicht.\u00ab<\/p>\r\n<\/div>\r\n<div class=\"RichText RichText--iconLinks lg:w-8\/12 md:w-10\/12 lg:mx-auto md:mx-auto lg:px-24 md:px-24 sm:px-16 break-words word-wrap\">\r\n<p>Auch Obama spricht von einer epistemischen Krise, in der Amerika steckt. Aber Europa sollte sich nicht so sicher f\u00fchlen. Auch dort verbreiten soziale Medien Emp\u00f6rung, streuen Staaten Desinformationen, sind extremistische Parteien auf dem Vormarsch, gedeihen Verschw\u00f6rungstheorien, w\u00e4chst die Unzufriedenheit mit etablierten Politikern und Eliten. Und war die Munitionierung der Brexit-Kampagne mit Fehlinformationen nicht schon ein Vorbote f\u00fcr Trumps erstaunlichen Sieg? Oder die versuchte Erst\u00fcrmung des Reichstags in Berlin durch Coronaleugner und Extremisten im August vor einem Jahr nicht eine Vorahnung dessen, was am 6. Januar in Washington geschehen sollte? W\u00e4hrend der Pandemie hat sich in Deutschland eine alternative Realit\u00e4t aus Verschw\u00f6rungstheorien, rechten Fixierungen und Impfgegner-Ideologie herausgebildet. Und weiter \u00f6stlich sind es Demagogen und Despoten wie <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/thema\/viktor_orban\/\" data-link-flag=\"spon\">Viktor Orb\u00e1n<\/a>, Recep Tayyip Erdo\u011fan und <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/thema\/wladimir_putin\/\" data-link-flag=\"spon\">Wladimir Putin<\/a>, die ihre eigenen Versionen der Wahrheit entwerfen.<\/p>\r\n<\/div>\r\n<div class=\"RichText RichText--iconLinks lg:w-8\/12 md:w-10\/12 lg:mx-auto md:mx-auto lg:px-24 md:px-24 sm:px-16 break-words word-wrap\">\r\n<p>Menschen k\u00f6nnen sich grunds\u00e4tzlich nur auf wenige Dinge einigen, aber bis vor Kurzem schien es in den USA und in Europa einen Konsens dar\u00fcber zu geben, wie Meinungsverschiedenheiten beigelegt werden k\u00f6nnen: durch einer auf Regeln basierenden gesellschaftlichen Debatte mit dem Ziel, sich gegenseitig zu \u00fcberzeugen. Ich nenne diesen Prozess und seine Regeln und Institutionen <em>The Constitution of Knowledge<\/em>, es ist eine Art ungeschriebenes Grundgesetz des Wissens.<\/p>\r\n<p>Alle Gesellschaften verf\u00fcgen \u00fcber soziale Systeme, um zumindest f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit so etwas wie Wahrheit zu produzieren; einst verlie\u00df man sich dabei vor allem auf Autorit\u00e4ten wie Prinzen, Priester und Politb\u00fcros. Das Grundgesetz des Wissens, wie die US-Verfassung und andere liberale politische Regime, brach mit all dem. Herrscher wurden durch Regeln ersetzt und Autorit\u00e4ten durch Forscher und Experten, Abweichler nicht als Ketzer bek\u00e4mpft, sondern eine Kultur der Fehlersuche und Kritik etabliert.<\/p>\r\n<\/div>\r\n<div class=\"RichText RichText--iconLinks lg:w-8\/12 md:w-10\/12 lg:mx-auto md:mx-auto lg:px-24 md:px-24 sm:px-16 break-words word-wrap\">\r\n<p>Als Generator von Wissen, Freiheit und Frieden ist dieses System die gro\u00dfartigste soziale Technologie, die der Mensch je erfunden hat. Allerdings ist es ein System, das darauf beruht, anst\u00f6\u00dfige \u00c4u\u00dferungen nicht nur zu tolerieren, sondern sogar zu sch\u00fctzen, m\u00f6gen sie noch so irref\u00fchrend, aufr\u00fchrerisch, blasphemisch oder bigott sein. Es ist ein v\u00f6llig kontraintuitives Prinzip, geradezu paradox, weil doch jeder menschliche Impuls sich dagegen wehrt, jede Generation neue Gr\u00fcnde findet, sich ihm zu widersetzen.<\/p>\r\n<\/div>\r\n<section class=\"clear-both lg:w-8\/12 md:w-10\/12 sm:w-full mx-auto lg:my-32 md:my-32 sm:my-24 lg:px-24 md:px-24 sm:px-16\">\r\n<div class=\"lg:my-40 md:my-40\">\r\n<div class=\"border-separator-t\">\r\n<div class=\"border-separator-b py-24 sm:px-16\">\r\n<div class=\"lg:w-10\/12 md:w-10\/12 lg:mx-auto md:mx-auto\">\r\n<div class=\"text-primary-base dark:text-dm-primary-base font-serifdisplayUI text-2xl break-words word-wrap italic lg:text-3xl md:text-3xl\">Verschw\u00f6rung \u2013 wir glauben das, was uns passend und \u00fcberzeugend erscheint, und suchen dann nach Beweisen und Argumenten, um unsere Haltung zu verteidigen.<\/div>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<\/section>\r\n<div class=\"RichText RichText--iconLinks lg:w-8\/12 md:w-10\/12 lg:mx-auto md:mx-auto lg:px-24 md:px-24 sm:px-16 break-words word-wrap\">\r\n<p>Solch ein System erh\u00e4lt sich nicht von selbst. Es ist abh\u00e4ngig von der Integrit\u00e4t der Eliten und der Unterst\u00fctzung durch die \u00d6ffentlichkeit. Beides ist in Amerika bedroht wie seit den 1850er-Jahren nicht mehr, als eine Desinformationskampagne der Sezessionsbef\u00fcrworter im S\u00fcden Paranoia und Kriegsfieber sch\u00fcrte. In Amerika und in vielen anderen L\u00e4ndern sehen wir heute, wie die Instrumente der modernen Informationskriegsf\u00fchrung verfeinert und eingesetzt werden, um zu spalten, zu desorientieren und zu demoralisieren. Und wir alle sind die Zielgruppe.<\/p>\r\n<\/div>\r\n<div class=\"RichText RichText--iconLinks lg:w-8\/12 md:w-10\/12 lg:mx-auto md:mx-auto lg:px-24 md:px-24 sm:px-16 break-words word-wrap\">\r\n<p>Die Bedrohung kommt aus zwei Richtungen. Aus einer Troll-Kultur, die virale Desinformationen und alternative Realit\u00e4ten verbreitet. Und aus der Cancel Culture, die zwanghaft Konformit\u00e4t herstellen und Andersdenkende ausgrenzen will. Die eine ist \u00fcberwiegend rechts und populistisch, die andere \u00fcberwiegend links und elit\u00e4r. Die eine setzt auf Chaos und Verwirrung, die andere auf Anpassung und sozialen Druck. Aber ihre Absichten \u00e4hneln sich, und seltsamerweise agieren sie oft, als w\u00e4ren sie de facto Verb\u00fcndete in ihrem Bestreben, die Regeln unserer Erkenntnisproduktion ins Wanken zu bringen.<\/p>\r\n<p>Beide, Troll-Kultur und Cancel Culture, setzen auf die Techniken moderner Informationskriege. Beide Kulturen sind expansiv und verstehen es, unsere menschlichen Schw\u00e4chen auszunutzen. Beide haben wichtige institutionelle Positionen erobert, das Wei\u00dfe Haus genauso wie wesentliche Teile der akademischen Welt. Und beide leben vom Tempo und von der Schlagkraft digitaler Technologien.<\/p>\r\n<p><strong>Seit Platon wissen die Philosophen, dass die Sinne t\u00e4uschen<\/strong> und der Glaube irren kann. Aber sie gingen lange davon aus, dass der Mensch dennoch von Natur aus die Wahrheit sucht und dass die Vernunft, dieses einzigartige Geschenk Gottes an unsere Spezies, uns leite. Die Sache aber ist komplizierter.<\/p>\r\n<p>Unsere Wahrnehmung leidet unter allen m\u00f6glichen Verzerrungen. Wir sind voreingenommen, weil unsere Gehirne darauf ausgerichtet sind, bestimmte Vermutungen und Vorhersagen zu treffen, um Zeit und Energie zu sparen. In der Savanne, um t\u00f6dlichen Gefahren zu entkommen. In kleinen Stammesgruppen, wo man sich auf die Informationen und den Schutz anderer verlassen muss. Und auch in einer modernen Gesellschaft, wo kaum jemand die Zeit hat, sich ein komplettes Bild \u00fcber einen Politiker zu machen oder \u00fcber Menschen, denen wir begegnen. In einer komplexen Welt aber, in der wir differenzierte Entscheidungen f\u00e4llen m\u00fcssen, k\u00f6nnen uns unsere Voreingenommenheiten nicht nur in die Irre f\u00fchren, sondern lassen uns nicht mal auf die Idee kommen, dass wir falsch liegen k\u00f6nnten.<\/p>\r\n<p>Wir glauben das, was uns passend und \u00fcberzeugend erscheint, und suchen dann nach Beweisen und Argumenten, um unsere Haltung zu verteidigen. Es ist, als w\u00fcrde man drei schwarze Katzen sehen und daraus den Schluss ziehen, dass alle Katzen schwarz sind, ohne sich die M\u00fche zu machen, nach Katzen zu schauen, die vielleicht nicht schwarz sind. Wir sollten aber nach Informationen und Meinungen suchen, die uns in Frage stellen. Leider ist dies oft das Letzte, das wir tun. Eigene Fehler zu finden und zu korrigieren, ist schwierig und unangenehm.<\/p>\r\n<p>Definiert sich eine Gruppe \u00fcber eine gemeinsame \u00dcberzeugung, kann diese die Rolle einer Religion bekommen. Eine Meinung abzulehnen, die von Gleichgesinnten geteilt wird, ist schwierig. Die Gruppe \u00fcbernimmt das Denken f\u00fcr uns. Um es anders auszudr\u00fccken: Wir denken mit unseren St\u00e4mmen. Menschen seien, so hat das der New Yorker Sozialpsychologe Jonathan Haidt formuliert, in Diskussionen \u00fcber moralisch aufgeladene Themen \u00bbvielmehr um den Schein und ihre Reputation bedacht, als darum, was sie wirklich meinen\u00ab. Sokrates d\u00fcrfte es wichtiger gewesen sein, recht zu haben als beliebt zu sein, aber die meisten von uns wollen lieber ihren guten Ruf bei den Stammesbr\u00fcdern und -schwestern bewahren. Eine durchaus vern\u00fcnftige Entscheidung. Sokrates wurde von seinen Mitb\u00fcrgern hingerichtet.<\/p>\r\n<p>Gruppen, Gemeinschaften, sogar ganze Nationen k\u00f6nnen Personenkulte entwickeln und Ideologien verfallen, die sich auf Kollisionskurs mit der Realit\u00e4t befinden. Es sind Systeme, die sich nicht korrigieren k\u00f6nnen, ohne sich selbst zu zerst\u00f6ren. Man denke an Nazi-Deutschland oder die Sowjetunion.<\/p>\r\n<p>H\u00e4tte ein Frosch eine falsche Theorie dar\u00fcber, wie er Fliegen f\u00e4ngt, k\u00f6nnte er sie nur korrigieren, indem er stirbt. Und es k\u00f6nnten Generationen vergehen, bevor die Spezies Frosch ihren Irrtum behebt. Menschen lernen besser als Fr\u00f6sche, und dennoch haben wir eine lange Zeit unserer Geschichte unsere Ideen und Vorstellungen nicht infrage gestellt, sondern sie als gottgewollt hingenommen. Anstatt unsere falschen \u00dcberzeugungen zum Teufel zu schicken, erkl\u00e4rten wir sie f\u00fcr heilig. Das Auffinden und Beheben von Fehlern dauerte oft Generationen und erforderte viel Blutvergie\u00dfen, viele Fehler wurden nie behoben.<\/p>\r\n<p><strong>\u00bbLasst Theorien sterben, nicht Menschen\u00ab<\/strong>, das ist ein Kerngedanke des Philosophen <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/thema\/karl_popper\/\" data-link-flag=\"spon\">Karl Popper<\/a>. Kein Wissenschaftler muss mit seinem Leben oder seiner Freiheit f\u00fcr einen Fehler bezahlen. Was ihm erm\u00f6glicht, jeden Tag aufs Neue Fehler zu machen, denn Fehler sind das Rohmaterial f\u00fcr die Wissensproduktion. Neue Theorien sind wie Mutationen: Die meisten scheitern, aber einige wenige werden erfolgreich sein und die Evolution vorantreiben. Sind die Fehler erst einmal ausgeschaltet, bleibt am Ende Erkenntnis.<\/p>\r\n<p>Von Poppers Idee der Wissenschaft als fehlersuchendes System ist es nicht weit zu heutigen Netzwerktheorien: Objektives Wissen in einer ungewissen Welt fu\u00dft nicht auf den Erkenntnissen eines Individuums, so genial es auch sein mag, sondern auf einem sozialen Netzwerk.<\/p>\r\n<p>Wir leben heute in einer fortschrittlichen und doch einigerma\u00dfen friedlichen Welt, weil wir in der Lage sind, unsere Voreingenommenheiten und Stammespr\u00e4ferenzen zu \u00fcberlisten. Wir sind nicht dazu verdammt, alles zu glauben, was man uns erz\u00e4hlt. Die Evolution hat uns darauf getrimmt, gro\u00dfe Mengen an Informationen zu sortieren und abzulehnen, was falsch und sch\u00e4dlich ist. Ob, wann und wie oft wir gut und richtig denken, h\u00e4ngt davon ab, wie wir unser soziales Umfeld, unsere Gesellschaften gestalten.<\/p>\r\n<p>Dieses System einer liberalen Welt ist nicht perfekt, nicht einmal ann\u00e4hernd. Aber es hat in den Jahrhunderten seiner Geschichte in atemberaubendem Tempo Wissen erzeugt, gesammelt und verbreitet. Heute wird an jedem beliebigen Tag diesem Wissenskanon mehr hinzugef\u00fcgt als in den 200.000 Jahren der Menschheitsgeschichte vor Galilei. Dass die meisten der weltweit bahnbrechenden Innovationen dort entwickelt werden, wo die Gedanken frei sind, d\u00fcrfte kein Zufall sein.<\/p>\r\n<\/div>\r\n<section class=\"clear-both lg:w-8\/12 md:w-10\/12 sm:w-full mx-auto lg:my-32 md:my-32 sm:my-24 lg:px-24 md:px-24 sm:px-16\">\r\n<div class=\"lg:my-40 md:my-40\">\r\n<div class=\"border-separator-t\">\r\n<div class=\"border-separator-b py-24 sm:px-16\">\r\n<div class=\"lg:w-10\/12 md:w-10\/12 lg:mx-auto md:mx-auto\">\r\n<div class=\"text-primary-base dark:text-dm-primary-base font-serifdisplayUI text-2xl break-words word-wrap italic lg:text-3xl md:text-3xl\">Verschw\u00f6rungstheorien \u2013 verlieren wir die F\u00e4higkeit, Wahrheit von Unwahrheit zu unterscheiden? Glauben wir vielleicht gar nicht mehr, dass es einen Unterschied gibt?<\/div>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<\/section>\r\n<div class=\"RichText RichText--iconLinks lg:w-8\/12 md:w-10\/12 lg:mx-auto md:mx-auto lg:px-24 md:px-24 sm:px-16 break-words word-wrap\">\r\n<p>Das Grundgesetz des Wissens hat zwei entscheidende Regeln. Die erste laut, dass niemand das letzte Wort hat. Eine Erkenntnis ist immer nur vorl\u00e4ufig und hat nur so lange Bestand, wie sie einer \u00dcberpr\u00fcfung standh\u00e4lt. Niemand, keine Autorit\u00e4t, kein Aktivist, kann eine Debatte endg\u00fcltig entscheiden oder unterbinden oder deren Ergebnis vorherbestimmen. Wer das versucht, entfernt sich aus der Wissensproduktion.<\/p>\r\n<p>Die zweite Regel fordert den Verzicht auf pers\u00f6nliche Autorit\u00e4t. Jede Aussage muss f\u00fcr jeden \u00fcberpr\u00fcfbar sein. Niemand, der eine These aufstellt, erh\u00e4lt einen Freifahrtschein, egal wer er ist oder zu welcher Gruppe er geh\u00f6rt.<\/p>\r\n<p>Beide Regeln schlie\u00dfen viele der rhetorischen Man\u00f6ver aus, die wir t\u00e4glich in Debatten erleben. Dass eine Diskussion zu gef\u00e4hrlich oder zu blasphemisch sei, zu unterdr\u00fcckend oder zu traumatisierend, verst\u00f6\u00dft fast immer gegen die Regel: kein letztes Wort. Aussagen, die mit \u00bbals Jude\u00ab oder \u00bbals Schwuler\u00ab oder \u00bbals Informationsminister\u00ab oder \u00bbals Papst\u00ab oder \u00bbals Chef des Obersten Sowjets\u00ab beginnen, k\u00f6nnen sinnvoll sein, um Kontext zu schaffen oder Referenzen zu liefern, als Argument aber versto\u00dfen sie gegen die Regel: keine individuelle Autorit\u00e4t.<\/p>\r\n<p>Ich stelle mir die institutionellen Knotenpunkte als Filter- und Pumpstationen vor, durch die Theorien und Ideen flie\u00dfen. Jede Station sammelt und bewertet die Thesen, vergleicht sie mit dem gespeicherten Wissen, sucht nach Fehlern und verteilt die \u00fcberlebenden Thesen an andere Stationen, die dasselbe tun. Wichtig ist, dass diese Stationen ein Netzwerk bilden, keine Hierarchie. Kein einzelner Gatekeeper kann entscheiden, welche Hypothesen in das System gelangen. Schlecht belegte Thesen schaffen diesen Weg nicht. Sie haben kein langes Leben. Das Zusammenspiel von Pumpen und Filtern lenkt Informationen in Richtung Wahrheit.<\/p>\r\n<p>Stellen Sie sich nun vor, das System w\u00fcrde in umgekehrter Richtung arbeiten, weil sich ein b\u00f6sartiger D\u00e4mon eines Nachts in das Kontrollzentrum gehackt h\u00e4tte, worauf die Pumpen und Filter, anstatt Fehler herauszufiltern, sie einfach weitergeben. Die Verbreitung falscher und irref\u00fchrender Behauptungen w\u00fcrden nicht verlangsamt, sondern beschleunigt. Pers\u00f6nliche Angriffe nicht aussortiert, sondern ermutigt. Fachwissen durch Dilettantismus ersetzt. Thesen nicht verifiziert, sondern geteilt. Blo\u00dfstellung wichtiger als Kommunikation erachtet. Quellen nicht genannt, sondern verschleiert. Dieses System w\u00fcrde weder Erkenntnis noch Wahrheit produzieren. Es w\u00e4re keine Informationstechnologie, sondern eine Desinformationstechnologie.<\/p>\r\n<p>Niemand hat so etwas kommen sehen. Wir \u2013 auch ich \u2013 hatten erwartet, dass die digitale Technologie den Markt der Ideen erweitern und vertiefen w\u00fcrde. Mehr Theorien, mehr Pr\u00fcfer, mehr Wissen. Wie h\u00e4tte das nicht ein Sprung nach vorn sein k\u00f6nnen?<\/p>\r\n<p>Leider haben wir vergessen, dass unser Bezug zur Realit\u00e4t von Regeln und Institutionen abh\u00e4ngt. Wir haben vergessen, dass die \u00dcberwindung unserer kognitiven und stammesbedingten Voreingenommenheiten davon abh\u00e4ngt, dass wir diese Regeln und Institutionen beherzigen und sie nicht zu \u00bbPlattformen\u00ab verflachen. Mit anderen Worten: Wir haben vergessen, dass sich Informationstechnologie sehr von Wissenstechnologie unterscheidet. Informationen k\u00f6nnen einfach \u00fcbermittelt werden, aber Wissen ist das Produkt einer komplexen sozialen Interaktion, Wissen muss erarbeitet werden. Um in einer digitalen Welt Informationen in Wissen umzuwandeln, m\u00fcssen einige wichtige konzeptionelle Entscheidungen getroffen werden. Leider haben die digitalen Medien die falschen getroffen.<\/p>\r\n<p>Das gesamte System wurde dahin gehend optimiert, ein reaktionsfreudiges Publikum f\u00fcr die Informationen zu schaffen, die man den Menschen vorsetzen will, wobei die Richtigkeit der Informationen (wenn \u00fcberhaupt) nur am Rande eine Rolle spielt. Die Metriken, Algorithmen und Optimierungswerkzeuge sind sensibel, was die Beliebtheit ihrer Inhalte betrifft, aber die Wahrheit ist ihnen egal. Sie sind ausschlie\u00dflich und unerbittlich auf Klicks und Seitenzugriffe ausgerichtet.<\/p>\r\n<p>Eine Informationstechnologie, die genauso oft falsche wie richtige Ergebnisse liefert und nicht zwischen beiden entscheiden kann, funktioniert nicht. Aber brauchen wir nicht genau das: Informationssysteme, die uns vor Irrt\u00fcmern und Voreingenommenheiten sch\u00fctzen? Sind die Institutionen und Standards der modernen Wissenschaft und des Journalismus nicht genau daf\u00fcr geschaffen worden? Das Gesch\u00e4ftsmodell der digitalen Medien garantiert einen Wettlauf um die Aufmerksamkeit. Aber es hat dar\u00fcber hinaus Eigenschaften entwickelt, die nicht nur blind f\u00fcr Fehlinformationen sind, sondern sie sogar verst\u00e4rken.<\/p>\r\n<p><strong>Als Erstes wurden unsere Gehirne gehackt.<\/strong> 2009 f\u00fchrte <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/thema\/twitter\/\" data-link-flag=\"spon\">Twitter<\/a> seine \u00bbRetweet\u00ab- und <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/thema\/facebook\/\" data-link-flag=\"spon\">Facebook<\/a> seine \u00bbGef\u00e4llt mir\u00ab-Funktion ein, die Twitter dann kopierte; sie wurden bald Standardfunktionen im Netz. Die Kombination mit der \u00bbTeilen\u00ab-Funktion erm\u00f6glicht es den Usern, beliebige Inhalte sofort und unreflektiert in ihrem gesamten sozialen Netzwerk zu verbreiten. \u00bbWir h\u00e4tten auch einem Vierj\u00e4hrigen eine geladene Waffe in die Hand geben k\u00f6nnen\u00ab, sagt Chris Wetherell, der die Retweet-Funktion bei Twitter entwickelt hat. \u00bbUnd ich glaube, wir haben das tats\u00e4chlich gemacht.\u00ab<\/p>\r\n<p>Dank dieser Dynamik kann ich mit wenig oder gar keinem pers\u00f6nlichen Aufwand oder Risiko mitmachen und mich in der Anonymit\u00e4t verstecken, wenn sich eine Gruppe von Menschen emp\u00f6rt. Das Opfer und ich, wir kennen uns vielleicht gar nicht. Ich mache mir nicht einmal Gedanken dar\u00fcber, dass es seinen Job verlieren k\u00f6nnte oder \u00fcber die \u00c4chtung, die es erlebt, weil Empathie und Verantwortungsbewusstsein ersetzt sind durch Emp\u00f6rung und Anonymit\u00e4t.<\/p>\r\n<p>W\u00e4hrend es darunter leidet, besch\u00e4mt oder verleumdet zu werden, werde ich glauben, dass das Opfer es verdient. Meine Wut ist keine gew\u00f6hnliche Wut, keine Emotion von Angesicht zu Angesicht, die vielleicht eine Interaktion erm\u00f6glicht und zur Vers\u00f6hnung oder zu neuen Erkenntnissen f\u00fchren kann. Wir, die In-Group, glauben, dass das Objekt unserer Emp\u00f6rung eine Bedrohung oder ein Verr\u00e4ter ist. Selbst wenn das Opfer es gut gemeint hat, h\u00e4tte es es besser wissen m\u00fcssen, und in jedem Fall dient seine Besch\u00e4mung als Warnung f\u00fcr andere.<\/p>\r\n<p>So werden wir von Clickbait-Medien, Aktivisten und staatlichen Troll-Farmen mit Emp\u00f6rung gef\u00fcttert, unterst\u00fctzt von Software, die jeden Klick beobachtet. Ein solches System kann uns davon abhalten, uns mit Menschen auszutauschen, die die Realit\u00e4t anders sehen. Was sagen die anderen? Was sind unsere Unterschiede? Noch seltsamer ist, dass wir von einer Software beeinflusst werden, die uns nicht erkl\u00e4rt, was sie uns zeigt. Sie lernt, was wir anklicken und was andere Menschen anklicken, die uns \u00e4hnlich sind, erstellt einen virtuellen Avatar von uns und f\u00fcttert uns mit allem, was unser Avatar will. Niemand kann nachvollziehen, warum wir sehen, was wir sehen. Niemand wei\u00df, was die anderen sehen. Sogar die Maschinen wissen nicht, was ihre Algorithmen tun.<\/p>\r\n<p>Digitale Medien sind nicht so konzipiert, dass sie uns zwingen, unsere Differenzen zu erkennen und uns zu einigen. Sie wollen keine gemeinsame Realit\u00e4t erzeugen. Anstatt den Fluss von Informationen zu verlangsamen, weil diese \u00fcberpr\u00fcft und getestet werden, belohnen die digitalen Medien Unmittelbarkeit und Impulsivit\u00e4t, Emotionen statt Sachlichkeit. Anstatt pers\u00f6nliche Angriffe zu \u00e4chten, werden sie gef\u00f6rdert.<\/p>\r\n<p>Ich bin 61 Jahre alt. In meiner Kindheit gab es in den USA drei Fernsehsender, zwei Nachrichtenmagazine und ein oder zwei gro\u00dfe Zeitungen in jeder Stadt. Egal ob man nun den alten Zeiten hinterhertrauert oder froh ist, dass die \u00c4ra der gro\u00dfen alten Medien vorbei ist: Es gibt einen Grund daf\u00fcr, dass es so wenige Gatekeeper waren und dass sie so erfolgreich agierten. Information mag frei sein, aber Wissen ist teuer. Ein gro\u00dfer investigativer Report oder eine akademische Studie erfordert die Arbeit von Fachleuten und viel Geld.<\/p>\r\n<p>Bis etwa 2016 war es f\u00fcr die F\u00fchrungskr\u00e4fte und Techniker der digitalen Welt eher nebens\u00e4chlich, ob die Informationen, denen sie eine Plattform geben, wahr sind oder nicht, wenn sie \u00fcberhaupt dar\u00fcber nachdachten. Menschen vorzuschreiben, was sie zu posten haben? Lasst 1000 Blumen bl\u00fchen! Es ist nicht unsere Aufgabe, die Onlinewelt zu kontrollieren! Aber das Jahr 2016, Trumps Sieg, die Beeinflussung der US-Wahlen durch rechte Netzwerke und destruktive, ausl\u00e4ndische Akteure, hat vieles ver\u00e4ndert.<\/p>\r\n<p>Warum? Facebook beispielsweise ist nicht nur eine Plattform. Es ist auch eine <em>community<\/em>, und Gemeinschaften implodieren, wenn Soziopathen Amok laufen. Facebook ist dar\u00fcber hinaus ein Unternehmen, und ein Unternehmen wird unrentabel, wenn es f\u00fcr seine Kunden oder die Gesellschaft toxisch wird. Wenn Nutzer das Netz mit Material \u00fcberschwemmen, das andere Nutzer verschreckt und verunsichert, Werbekunden vergrault, die Marke vergiftet und systematisch unwahr ist, wird es eine Auswahl treffen m\u00fcssen, was und wie prominent etwas verbreitet wird. In einigen F\u00e4llen wird es Inhalte oder Benutzer ganz ausschlie\u00dfen. Kurz gesagt, es muss ein \u00c4quivalent finden f\u00fcr die Killer-App-Technologie der alten Medien: redaktionelle Bearbeitung.<\/p>\r\n<\/div>\r\n<section class=\"clear-both lg:w-8\/12 md:w-10\/12 sm:w-full mx-auto lg:my-32 md:my-32 sm:my-24 lg:px-24 md:px-24 sm:px-16\">\r\n<div class=\"lg:my-40 md:my-40\">\r\n<div class=\"border-separator-t\">\r\n<div class=\"border-separator-b py-24 sm:px-16\">\r\n<div class=\"lg:w-10\/12 md:w-10\/12 lg:mx-auto md:mx-auto\">\r\n<div class=\"text-primary-base dark:text-dm-primary-base font-serifdisplayUI text-2xl break-words word-wrap italic lg:text-3xl md:text-3xl\">Die Angriffe zielten auf den gesamten Infor\u00admationsraum. Steve Bannon nennt das: \u00bbFlood the zone with shit.\u00ab<\/div>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<\/section>\r\n<div class=\"RichText RichText--iconLinks lg:w-8\/12 md:w-10\/12 lg:mx-auto md:mx-auto lg:px-24 md:px-24 sm:px-16 break-words word-wrap\">\r\n<p>L\u00e4ngst schon haben die gro\u00dfen sozialen Netzwerke damit begonnen, sich ein institutionelles Gewand zuzulegen. Sie entwickeln Normen und Anreize, um ihre Nutzer dazu zu bringen, ihr Verhalten zu \u00e4ndern. Was mit ein paar Teams von Fact-Checkern begann, die eine Handvoll Stichproben durchf\u00fchrten, hat sich zu einem globalen Netzwerk entwickelt, das mit Facebook, <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/thema\/google\/\" data-link-flag=\"spon\">Google<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/thema\/youtube\/\" data-link-flag=\"spon\">YouTube<\/a> zusammenarbeitet.<\/p>\r\n<p>Was funktioniert und was nicht, wird sich zeigen. Es gibt Experten, die bestreiten, dass Fact-Checking einen Unterschied macht. Aber wichtiger ist es, dass fr\u00fchere kommerzielle Entscheidungen und ideologische Vorurteile \u00fcberdacht werden. Immerhin ist jetzt klar, dass die vermeintliche Neutralit\u00e4t der Plattformen schon immer das war, was es ist: ein Vorwand.<\/p>\r\n<p><strong>Ein Soziopath ist jemand, der soziale Normen nicht akzeptiert. <\/strong>Regelverst\u00f6\u00dfe und eine gewisse Schamlosigkeit k\u00f6nnen durchaus sinnvoll sein, weil Innovationen in Wirtschaft, Politik oder Kunst davon leben, dass Grenzen ignoriert werden. Aber zu viele Verst\u00f6\u00dfe f\u00fchren zum Untergang einer friedlichen Gesellschaftsordnung &#8211; insbesondere einer liberalen, die davon abh\u00e4ngt, dass alle Menschen prinzipiell die gleichen Regeln befolgen.<\/p>\r\n<p>Ehrgeizige Soziopathen haben liberale Ordnungen immer wieder zu Fall gebracht, aber die modernen liberalen Demokratien des Westens schienen lange stabil zu sein. Seit Beginn des 21. Jahrhunderts jedoch haben digitale Technologie und soziale Medien eine unendliche Zahl anonymer Schw\u00e4rme hervorgebracht, und von dem Moment an, als diese sich mit staatlichen Akteuren verbanden, zun\u00e4chst mit Putin, Orb\u00e1n, Erdo\u011fan und dann mit dem Pr\u00e4sidenten der Vereinigten Staaten, gewann eine undurchschaubare und be\u00e4ngstigende Form der digitalen Desinformation an Bedeutung.<\/p>\r\n<p>Unter Propaganda versteht man die Beeinflussung der \u00f6ffentlichen Meinung ohne R\u00fccksicht auf die Wahrheit, oft (aber nicht immer) durch staatliche Akteure, die Desinformation als psychologische und informatorische Kriegsf\u00fchrung. Das Ziel: zu demoralisieren, entmutigen, isolieren oder einzusch\u00fcchtern. Moderne Trolle sehen das \u00e4hnlich. Als die Russen ihren Informationsangriff auf die US-Wahlen 2016 starteten, glaubten sie nicht, damit Donald Trump ins Amt zu verhelfen, aber sie hofften, die Vereinigten Staaten zu polarisieren und weniger regierbar zu machen. Was ihnen gelungen ist.<\/p>\r\n<\/div>\r\n<section class=\"clear-both w-full mx-auto lg:my-48 md:my-32 sm:my-24\">\r\n<figure class=\"justify-start lg:mb-8 md:mb-8\" data-component=\"Image\" data-zoom-id=\"79b3d94c-8392-4df0-821d-29a9e40e3871\" data-settings=\"{&quot;id&quot;:&quot;4941461b-b42c-474f-a428-e43f1969922b&quot;, &quot;zoomable&quot;:false,&quot;zoomId&quot;:&quot;79b3d94c-8392-4df0-821d-29a9e40e3871&quot;}\" data-component-id=\"8d125f6c-7044-4446-9ffb-886f4409ff30\">\r\n<div class=\"bg-white dark:bg-dm-shade-darkest\">\r\n<div class=\"relative\"><span class=\"block overflow-hidden max-w-full mx-auto rounded w-full\"><span class=\"block relative bg-transparent\" data-image-el=\"aspect\"><span class=\"absolute top-0 left-0 w-full max-h-screen\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"block lazyload h-full mx-auto loaded\" title=\"Pr\u00e4sidenten Putin, Trump 2017\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/4941461b-b42c-474f-a428-e43f1969922b_w996_r1.3404825737265416_fpx44.76_fpy50.jpg\" sizes=\"auto, 996px\" srcset=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/4941461b-b42c-474f-a428-e43f1969922b_w520_r1.3404825737265416_fpx44.76_fpy50.jpg 520w, https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/4941461b-b42c-474f-a428-e43f1969922b_w996_r1.3404825737265416_fpx44.76_fpy50.jpg 996w\" alt=\"Pr\u00e4sidenten Putin, Trump 2017\" width=\"996\" height=\"743\" data-image-el=\"img\" data-ll-status=\"loaded\" \/><\/span><\/span><\/span><\/div>\r\n<\/div>\r\n<\/figure>\r\n<p>Pr\u00e4sidenten Putin, Trump 2017<\/p>\r\n<span class=\"RichTextCredit text-shade-light dark:text-shade-dark ml-4\">Foto: Sputnik \/ REUTERS<\/span><\/section>\r\n<div class=\"RichText RichText--iconLinks lg:w-8\/12 md:w-10\/12 lg:mx-auto md:mx-auto lg:px-24 md:px-24 sm:px-16 break-words word-wrap\">\r\n<p>Die Angriffe zielen nicht auf einzelne Personen oder Themen, sondern auf den gesamten Informationsraum. Steve Bannon, der ehemalige Chef von Breitbart News und sp\u00e4tere Chefstratege Trumps, hat einmal gesagt: \u00bbDie wahre Opposition sind die Medien. Und der Weg, mit ihnen umzugehen, ist: flood the zone with shit.\u00ab Die Zone mit Schei\u00dfe fluten.<\/p>\r\n<\/div>\r\n<section class=\"clear-both lg:w-8\/12 md:w-10\/12 sm:w-full mx-auto lg:my-32 md:my-32 sm:my-24 lg:px-24 md:px-24 sm:px-16\">\r\n<div class=\"lg:my-40 md:my-40\">\r\n<div class=\"border-separator-t\">\r\n<div class=\"border-separator-b py-24 sm:px-16\">\r\n<div class=\"lg:w-10\/12 md:w-10\/12 lg:mx-auto md:mx-auto\">\r\n<div class=\"text-primary-base dark:text-dm-primary-base font-serifdisplayUI text-2xl break-words word-wrap italic lg:text-3xl md:text-3xl\">Die besten Trolle \u2013 Wladimir Putin d\u00fcrfte neidisch sein auf Donald Trump, der herausgefunden hat, wie man Desinformationsstrategien im russischen Stil auf die amerikanische Politik \u00fcbertr\u00e4gt.<\/div>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<\/section>\r\n<div class=\"RichText RichText--iconLinks lg:w-8\/12 md:w-10\/12 lg:mx-auto md:mx-auto lg:px-24 md:px-24 sm:px-16 break-words word-wrap\">\r\n<p>Es gibt keine pr\u00e4zisere Beschreibung daf\u00fcr, worum es bei modernen Informationskriegen geht. Gemeinschaften sind auf Vertrauensnetzwerke angewiesen, um herauszufiltern, was wahr ist und was nicht. Die Menschen m\u00fcssen wissen, mit wem sie sprechen, ob diese Person glaubw\u00fcrdig ist, welche Institutionen Glaubw\u00fcrdigkeit vermitteln und so weiter. Vertrauen und Glaubw\u00fcrdigkeit werden beeintr\u00e4chtigt, wenn die Zone \u00fcberflutet wird.<\/p>\r\n<p>Als russische Agenten 2018 Sergej Skripal und seine Tochter in Gro\u00dfbritannien vergiftet hatten, gaben russische Medien Gro\u00dfbritannien die Schuld. Oder der Ukraine. Oder beiden. Oder es war ein Unfall. Oder Selbstmord. Oder ein Rachemord durch Verwandte. Oder alles zusammen. Es hie\u00df auch, Russland habe den verwendeten Nervenkampfstoff nicht hergestellt. Oder es sei ein ganz anderer Nervenkampfstoff verwendet worden. Der \u00bbwiderspr\u00fcchliche Charakter der Behauptungen ist kein Fehler der <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/thema\/kreml\/\" data-link-flag=\"spon\">Kreml<\/a>-Propaganda, sondern Absicht\u00ab, schrieb der \u00bbEconomist\u00ab. \u00bbDer Zweck der Desinformationskampagne besteht darin, westliche Geheimdienste in einer Kakofonie wilder Behauptungen zu ertr\u00e4nken, anstatt eine koh\u00e4rente Gegenerz\u00e4hlung anzubieten.\u00ab Ein Schl\u00fcssel zum Erfolg jeder Desinformationskampagne ist es, dass die Medien und politischen \u00d6kosysteme der angegriffenen Gesellschaft selbst die Fehlinformationen aufgreifen und verst\u00e4rken.<\/p>\r\n<p>Der britische Journalist Peter Pomerantsev hat in den Nullerjahren in Moskau gearbeitet und miterlebt, wie sich russische Propaganda ver\u00e4nderte. \u00bbIm Kommunismus\u00ab, sagt er, \u00bbwollte man die Menschen davon \u00fcberzeugen, dass eine gro\u00dfartige sozialistische Zukunft vor ihnen liege. Die neue Propaganda konzentriert sich darauf, Verwirrung zu stiften und Verschw\u00f6rungstheorien zu verbreiten.\u00ab Der Kreml nutzte seine Kontrolle \u00fcber die Medien nicht dazu, die Bev\u00f6lkerung zur Unterst\u00fctzung der Regierung zu motivieren, sondern sie zu demotivieren. \u00bbWenn man von Verschw\u00f6rungstheorien umgeben ist, hat man das Gef\u00fchl, nichts \u00e4ndern zu k\u00f6nnen; es gibt nichts, woran man sich orientieren kann\u00ab, sagte er. \u00bbDas Meta-Narrativ: Es gibt keine Alternative zu Putin.\u00ab<\/p>\r\n<p>Und noch etwas hat sich ge\u00e4ndert. Traditionelle Zensur geht davon aus, dass Informationen knapp sind und ihre Verbreitung beim Publikum blockiert oder eingeschr\u00e4nkt werden kann. Im digitalen Zeitalter, schreibt der amerikanische Rechtswissenschaftler Tim Wu, sind Informationen (gute und schlechte) im \u00dcberfluss vorhanden; Aufmerksamkeit ist das, was knapp ist. Warum also nicht Aufmerksamkeit statt Informationen blockieren? Flutet man die Zone mit Ablenkungen und M\u00fcll, ersch\u00f6pft man die Aufmerksamkeit des Publikums und \u00fcberw\u00e4ltigt es.<\/p>\r\n<p><strong>Was geschieht, wenn man sich nicht sicher sein kann,<\/strong> ob man manipuliert oder betrogen wird? Man geht davon aus, immer betrogen zu werden. Oder man verkriecht sich mit seinen Onlinefreunden in eine eigene private Version von Realit\u00e4t. Oder verf\u00e4llt einem demagogischen Politiker, dem man jedes Wort glaubt.<\/p>\r\n<p>Schon 2013, lange bevor Donald Trump seine politische Karriere begann, wurde er in einem Tweet als \u00bbmost superior troll\u00ab bezeichnet, als bester aller Trolle. \u00bbEin gro\u00dfartiges Kompliment\u00ab, war sein Kommentar. Trump, sein Stratege Bannon und ihre Gefolgsleute wussten, was sie taten, und sie waren gut.<\/p>\r\n<p>Trump, so haben es die vielen Faktenpr\u00fcfer herausgefunden, verbreitete Unwahrheiten und Verdrehungen in ungeahntem Ausma\u00df. Im Januar 2020 notierten Faktenchecker der \u00bbWashington Post\u00ab 22 Falschaussagen pro Tag. Wie die russischen Desinformationen waren auch Trumps Unwahrheiten nicht nur falsch, sondern l\u00e4cherlich falsch. Niemand sollte von irgendetwas \u00fcberzeugt werden, es war eine Demonstration, dass die normalen Regeln au\u00dfer Kraft gesetzt sind und der Anf\u00fchrer die oberste Autorit\u00e4t ist.<\/p>\r\n<p>Kaum im Amt behauptete er, die Menschenmenge bei seiner Amtseinf\u00fchrung sei gr\u00f6\u00dfer gewesen als die bei der Amtseinf\u00fchrung Obamas &#8211; obwohl Fotografien das Gegenteil bewiesen. An einem Tag sagte er, das Verfahren zur Amtsenthebung schade dem Aktienmarkt, am n\u00e4chsten Tag prahlte er damit, dass der Markt neue H\u00f6chstst\u00e4nde erreiche. Als er w\u00e4hrend einer live \u00fcbertragenen Kabinettssitzung das amerikanische Strafrechtssystem als Witz und Lachnummer bezeichnet hatte, dementierte das Wei\u00dfe Haus ein paar Stunden sp\u00e4ter, dass Trump dies gesagt habe.<\/p>\r\n<p>Trump und seine Unterst\u00fctzer verwandelten den Informationsraum in einen Zirkus. Sie sch\u00fcrten Paranoia, indem sie Verschw\u00f6rungstheorien wiederholten und verst\u00e4rkten. Sie ignorierten alle sachlichen Einw\u00e4nde, wiesen alle Anschuldigungen zur\u00fcck und bezeichneten alle realit\u00e4tsbasierten Medien als \u00bbFake News\u00ab. Unwillkommene wissenschaftliche Studien erkl\u00e4rten sie zu \u00bbpolitischen Hetzjagden\u00ab. Sie setzten Emp\u00f6rung als Waffe ein, manipulierten die \u00f6ffentliche Agenda und bestimmten so die nationalen Debatten. Indem sie einen Strudel von Verzerrungen und Ablenkungen erzeugten, konnten sie von ihrer Korrumpierbarkeit und Inkompetenz ablenken. Kein Student der Informationswissenschaften w\u00fcrde bestreiten, dass Trump in der Tat der \u00bbbeste aller Trolle\u00ab ist.<\/p>\r\n<p>Mit seinen manipulativen F\u00e4higkeiten, die er jahrzehntelang im Umgang mit Journalisten, durch den Einsatz von \u2013 wie er es nannte \u2013 \u00bbwahren \u00dcbertreibungen\u00ab und seinen Auftritten im Reality-TV verfeinert hatte, d\u00fcrfte er einer der geschicktesten Desinformationsstrategen seit den Drei\u00dfigerjahren sein. Trumps Meisterschaft zeigte sich endg\u00fcltig, als er sein Publikum davon \u00fcberzeugte, dass er die Pr\u00e4sidentschaftswahlen gewonnen habe oder dass zumindest das Ergebnis fraglich sei.<\/p>\r\n<p>Seine Propagandamaschine entfesselte eine Desinformationskampagne, wie sie in den Vereinigten Staaten nie zuvor versucht oder auch nur erdacht worden war. \u00dcber soziale Medien, rechte Mainstream-Medien und auf der B\u00fchne des Wei\u00dfen Hauses sowie mit der Hilfe Hunderter republikanischer Politiker verbreiteten Trump und seine Verb\u00fcndeten erfundene oder widerspr\u00fcchliche Geschichten \u00fcber vermeintliche Verschw\u00f6rungen und angebliche Rechtsbr\u00fcche. Sie reichten eine Flut von Klagen ein, um die Wahl zu annullieren &#8211; wohl wissend, dass sie vor Gericht zwar verlieren, aber erfolgreich Zweifel s\u00e4en w\u00fcrden.<\/p>\r\n<p>Und sie hatten Erfolg. Putin d\u00fcrfte neidisch sein auf Trump, der herausgefunden hat, wie man Desinformationsstrategien im russischen Stil auf die amerikanische Politik \u00fcbertr\u00e4gt, was keine leichte Aufgabe ist. Andere Populisten und Demagogen werden neue Wege finden, die epistemischen Waffen zu verfeinern, mit denen Trump Pionierarbeit geleistet hat.<\/p>\r\n<p>Das alles hat einen perfekten Sturm des Chaos heraufbeschworen. Die Frage ist, wie sich die liberale, realit\u00e4tsbasierte Gesellschaft wehrt. Was auch davon abh\u00e4ngt, wie wir einer anderen Herausforderung begegnen: nicht dem Chaos der Rechten und Populisten, sondern dem, was eher von links kommt und elit\u00e4r erscheint und auf Konformit\u00e4t und sozialen Zwang setzt.<\/p>\r\n<p><strong>Am 14. Februar 1989 cancelte Ajatollah Khomeini den Schriftsteller <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/thema\/salman_rushdie\/\" data-link-flag=\"spon\">Salman Rushdie<\/a>.<\/strong> Der war, als er 1988 \u00bbDie satanischen Verse\u00ab ver\u00f6ffentlichte, ein angesehener Schriftsteller, aber keine Ber\u00fchmtheit. Khomeini rief die Muslime in aller Welt auf, Rushdie und alle, die an dem Buch beteiligt waren, zu ermorden. Der japanische \u00dcbersetzer wurde ermordet, viele weitere wurden bedroht. Aus Sorge um ihre Sicherheit begannen Schriftsteller, Verleger, Buchh\u00e4ndler, Dozenten und Studenten darauf zu achten, was sie sagten. Das Ph\u00e4nomen der Selbstzensur ist uralt, aber Khomeini zeigte, dass es mithilfe der Massenmedien weltweit aktiviert werden und \u00fcber Nacht jeden erreichen kann.<\/p>\r\n<p>Der englische Philosoph John Stuart Mill hat im 19. Jahrhundert erkl\u00e4rt, warum eine Vielfalt der Meinungen unabdingbar ist. Erstens: Egal wie sicher wir uns f\u00fchlen, wir k\u00f6nnen uns auch irren. Zweitens: Es ist vor allem in Fragen der Moral und Politik fast nie so, dass eine Meinung absolut richtig und die andere absolut falsch ist. Und drittens: Selbst wenn sich eine Ansicht durchgesetzt hat, muss man sie auch immer wieder an widersprechenden Ansichten messen. \u00bbWenn man sie nicht vollst\u00e4ndig, regelm\u00e4\u00dfg und furchtlos diskutiert, wird sie ein totes Dogma und keine lebendige Wahrheit.\u00ab Weil der menschliche Geist nicht perfekt sein k\u00f6nne, brauche die Wahrheit eine Vielfalt von Meinungen.<\/p>\r\n<p>Psychologie und Soziologie best\u00e4tigen, was die Erkenntnistheorie vorhersagt: Wenn eine Gemeinschaft der intellektuellen Konformit\u00e4t zum Opfer f\u00e4llt, steigt sie in eine Art epistemisches Kaninchenloch. Die Soziologin <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/thema\/elisabeth_noelle_neumann\/\" data-link-flag=\"spon\">Elisabeth Noelle-Neumann<\/a> hat daf\u00fcr den Begriff \u00bbSchweigespirale\u00ab gepr\u00e4gt. Ihrer Ansicht nach f\u00fcrchten Menschen die soziale Isolation. Wir stimmen unsere \u00dcberzeugungen und sogar unsere Wahrnehmungen mit denen der Menschen um uns herum ab, oft ohne uns dessen bewusst zu sein.<\/p>\r\n<p>Autokraten k\u00f6nnen staatliche Medien nutzen, um die Menschen glauben zu machen, dass der F\u00fchrer breite Unterst\u00fctzung genie\u00dft und kaum jemand anderer Meinung ist. Onlinepropagandisten k\u00f6nnen algorithmische Verst\u00e4rkung und gef\u00e4lschte Identit\u00e4ten nutzen, um eine kleine Gruppe wie die Impfgegner als gro\u00dfe, respektable Denkschule erscheinen zu lassen. Diejenigen, die sich in der Minderheit w\u00e4hnen, werden annehmen, dass ihre Ansichten an Boden verlieren. Je mehr sie sich isoliert f\u00fchlen, desto weniger sind sie geneigt, ihre Meinung zu \u00e4u\u00dfern, und desto mehr Druck versp\u00fcren sie, sich anzupassen. \u00bbJe mehr Individuen diese Tendenzen wahrnehmen und ihre Ansichten entsprechend anpassen, desto mehr scheint die eine Fraktion zu dominieren und die andere auf dem absteigenden Ast zu sein\u00ab, schreibt Noelle-Neumann. \u00bbSo setzt die Tendenz der einen, sich zu \u00e4u\u00dfern, und die der anderen, zu schweigen, einen spiralf\u00f6rmigen Prozess in Gang, der die eine Meinung zunehmend als die vorherrschende etabliert.\u00ab<\/p>\r\n<p>In ihrem Buch \u00bbThe Misinformation Age\u00ab beschreiben die Autoren Cailin O&#8217;Connor und James Owen Weatherall die perverse Dynamik, die daraus entstehen kann. Stellen Sie sich vor, dass sich eine wissenschaftliche Gemeinschaft in zwei feindliche Lager spaltet. Beide Gruppen verlieren das Vertrauen ineinander und h\u00f6ren auf, miteinander zu kommunizieren. Sie besuchen unterschiedliche Konferenzen, ver\u00f6ffentlichen in unterschiedlichen Journalen, lehren an unterschiedlichen Schulen. Anstatt den Konsens beider Lager zu suchen, trauen sie nur noch den Ergebnissen ihres eigenen Lagers. Keine Beweise, keine Belege der anderen Seite werden sie \u00fcberzeugen. Am Ende reden die Wissenschaftler nur noch mit sich selbst.<\/p>\r\n<p>Wie das zu verhindern ist? Durch intellektuelle Diversit\u00e4t. Suchen Sie nach einer Vielfalt von Standpunkten. Meinungen, die Ihnen Unbehagen bereiten. Denker, die Sie verunsichern, Ihnen seltsam und unorthodox erscheinen. Wenn alle um Sie herum mit Ihnen \u00fcbereinstimmen (oder \u00fcbereinzustimmen scheinen), machen Sie etwas falsch. Meinungsvielfalt meint tats\u00e4chlich Meinungsvielfalt; andere Arten von Vielfalt sind zwar wichtig, aber kein Ersatz. Ein demografisch gemischter Raum voller Menschen mit identischen Ansichten ist immer noch eine Blase.<\/p>\r\n<p>Ich schlage nicht vor, dass jeder Jude sich mit einem Neonazi unterh\u00e4lt; dass Historiker \u00fcberdenken, ob der Holocaust stattgefunden hat; oder dass die Psychiatrie noch mal pr\u00fcft, ob Homosexuelle nicht vielleicht doch geisteskrank sind. Vielfalt der Standpunkte bedeutet nicht, dass alles erlaubt ist. Plausibilit\u00e4t, Glaubw\u00fcrdigkeit, \u00dcbereinstimmung mit bekannten Fakten: All diese Kriterien sind wichtig. Aber Einsch\u00fcchterung oder sozialer Druck zur Unterdr\u00fcckung intellektueller Vielfalt verst\u00f6\u00dft gegen die Verfassung des Wissens, ganz gleich, wie die Rechtfertigungen auch lauten. Wenn wir also mit einer unangenehmen oder sogar absto\u00dfenden Theorie konfrontiert werden, sollten wir die Frage stellen: \u00bbWas kann ich daraus lernen?\u00ab und nicht: \u00bbWie kann ich das loswerden?\u00ab<\/p>\r\n<\/div>\r\n<section class=\"clear-both lg:w-10\/12 mx-auto lg:my-32 md:my-32 sm:my-24 lg:px-24\">\r\n<figure class=\"justify-start justify-start\" data-component=\"Image\" data-zoom-id=\"df9bd5cc-502d-46d5-87cc-5b50559c058e\" data-settings=\"{&quot;id&quot;:&quot;4602c84b-ed38-4c05-9bf9-0df67d360427&quot;, &quot;zoomable&quot;:false,&quot;zoomId&quot;:&quot;df9bd5cc-502d-46d5-87cc-5b50559c058e&quot;}\" data-component-id=\"a2f2c106-5ce0-4261-a7ef-3a5e8cec863f\">\r\n<div class=\"bg-white dark:bg-dm-shade-darkest\">\r\n<div class=\"relative\"><span class=\"block overflow-hidden max-w-full mx-auto rounded\"><span class=\"block relative bg-transparent\" data-image-el=\"aspect\"><span class=\"absolute top-0 left-0 w-full max-h-screen\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"block lazyload h-full mx-auto loaded\" title=\"Terrorangriff auf das World Trade Center am 11.\u2009September 2001\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/4602c84b-ed38-4c05-9bf9-0df67d360427_w920_r1.022_fpx55.78_fpy53.jpg\" sizes=\"auto, 920px\" srcset=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/4602c84b-ed38-4c05-9bf9-0df67d360427_w520_r1.022_fpx55.78_fpy53.jpg 520w, https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/4602c84b-ed38-4c05-9bf9-0df67d360427_w782_r1.022_fpx55.78_fpy53.jpg 782w, https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/4602c84b-ed38-4c05-9bf9-0df67d360427_w920_r1.022_fpx55.78_fpy53.jpg 920w\" alt=\"Terrorangriff auf das World Trade Center am 11.\u2009September 2001\" width=\"920\" height=\"900\" data-image-el=\"img\" data-ll-status=\"loaded\" \/><\/span><\/span><\/span><\/div>\r\n<\/div>\r\n<\/figure>\r\n<p>Terrorangriff auf das World Trade Center am 11.\u2009September 2001<\/p>\r\n<span class=\"RichTextCredit text-shade-light dark:text-shade-dark ml-4\">Foto: Spencer Platt\u00a0\/ Getty Images<\/span><\/section>\r\n<div class=\"RichText RichText--iconLinks RichText--lastPmb0 RichText--lastInline lg:w-8\/12 md:w-10\/12 lg:mx-auto md:mx-auto lg:px-24 md:px-24 sm:px-16 break-words word-wrap\">\r\n<p>In einer zunehmend therapeutisch orientierten Gesellschaft hat sich die Vorstellung herausgebildet, dass Worte und Ideen emotionale Folgen haben, weil sie verletzend seien. Demnach seien k\u00f6rperliche und emotionale Verletzungen nur zwei Varianten derselben Sache, daher sei jede Rede oder Idee, die jemanden kr\u00e4nkt oder verst\u00f6rt, ein \u00bbAngriff\u00ab. Und sollte das Opfer einer Minderheit angeh\u00f6ren, w\u00e4re der Angriff ein Hassverbrechen. Wenn wir das Recht haben, auf \u00f6ffentlichen Stra\u00dfen vor physischer Gewalt gesch\u00fctzt zu sein, dann m\u00fcssten wir auch das Recht haben, im \u00f6ffentlichen Diskurs vor emotionaler Gewalt gesch\u00fctzt zu sein. Es reiche also nicht aus, eine Reaktion zu zeigen, wenn sich jemand beleidigt oder ver\u00e4rgert f\u00fchlt; wir sollten das Umfeld proaktiv von unsicheren Ideen s\u00e4ubern, damit wir ihnen nicht unerwartet oder, schlimmer noch, unvermeidlich begegnen.<\/p>\r\n<p>Tats\u00e4chlich k\u00f6nnen Ideen und Worte subjektiv verletzend sein. Wir sollten selbstverst\u00e4ndlich zivilisiert miteinander umgehen, unsere Meinungsverschiedenheiten entpersonalisieren, aufmerksam zuh\u00f6ren, unsere Behauptungen belegen und unsere intellektuellen Kontroversen im Rahmen vermittelnder Institutionen austragen. Und nat\u00fcrlich sind echte Drohungen und gezielte pers\u00f6nliche Beleidigungen verboten. Der normale Anstand gebietet auch, andere vor unn\u00f6tigen Dem\u00fctigungen zu bewahren.<\/p>\r\n<p><strong>Wir m\u00fcssen uns dennoch ein dickes Fell zulegen. <\/strong>Kritik tut weh, sie kann dem\u00fctigen. Aber Sprache allein besitzt nicht die magischen Kr\u00e4fte, uns tats\u00e4chlich zu verletzen. Es ist unsere Entscheidung, wie wir die S\u00e4tze eines anderen verstehen und interpretieren. Eine Pistolenkugel l\u00e4sst keinen Raum f\u00fcr Interpretationen.<\/p>\r\n<p>Wenn mich jemand eine \u00bbverdammte Schwuchtel\u00ab nennt, w\u00fcrde ich sagen, dass da jemand Hilfe braucht, aber nicht, dass ich wirklich eine verdammte Schwuchtel bin. Was nicht geht, ist die Gleichsetzung von Kritik, Beleidigung oder emotionaler Kr\u00e4nkung mit physischer Gewalt oder der Schutz vor emotional verletzenden \u00c4u\u00dferungen als Recht. Wenn subjektiv verletzende \u00c4u\u00dferungen Gewalt sind, dann ist Kritik Gewalt und Wissenschaft eine Menschenrechtsverletzung.<\/p>\r\n<p>Dabei ist das vermeintliche Ziel der Cancel Culture, sei es eine Person wie Rushdie oder ein Werk wie \u00bbDie satanischen Verse\u00ab, nicht das eigentliche Ziel der Kampagne, sondern eher ein passendes Motiv f\u00fcr die Inszenierung von Gruppensolidarit\u00e4t. Canceln ist vor allem ein performativer Akt, eine Show, die man f\u00fcr seine soziale Gruppe auff\u00fchrt.<\/p>\r\n<p>Wo die Trollkultur verwirren und zerst\u00f6ren will, will Cancel Culture abschrecken und einsch\u00fcchtern. Sie zielt darauf ab, ein soziales oder mediales Umfeld zu organisieren und zu manipulieren, um Gegner zu demoralisieren, von den digitalen Plattformen zu vertreiben, sie zu isolieren oder einzusch\u00fcchtern. In der Praxis aber sind die Grenzen zwischen Kritik an einer Person und ihrer Ablehnung unscharf und subjektiv, vieles d\u00fcrfte diskussionsw\u00fcrdig sein. Wer allzu schnell \u00bbCancel Culture!\u00ab ruft, macht sich zum Teil des Problems und beginnt einen Wettstreit der Schuldzuweisungen.<\/p>\r\n<p>Die Techno-Utopisten der Informationsrevolution gingen davon aus, dass Wissen spontan aus den Interaktionen in einem Netzwerk Gleichberechtigter entstehen w\u00fcrde &#8211; mit erwartbar entt\u00e4uschenden Ergebnissen. Ohne Institutionen, in denen Experten, Redakteure und Wissenschaftler Diskussionen organisieren, Thesen vergleichen, Kompetenzen bewerten und Rechenschaft ablegen \u2013 von wissenschaftlichen Zeitschriften bis hin zu Wikipedia-Seiten \u2013, gibt es keinen Marktplatz der Ideen, sondern nur Sekten, die sich bekriegen, und Einzelpersonen, die herumlaufen und L\u00e4rm machen.<\/p>\r\n<p>Was also geschehen m\u00fcsste? Beispielsweise, dass die akademische Welt weltanschauliche Diversit\u00e4t genauso ernst nimmt wie alle anderen Arten von Diversit\u00e4t. Dass Unternehmen sich den Cancel-Forderungen von Aktivisten entgegenstellen. Dass die gro\u00dfen Tech-Konzerne sich der Herkulesaufgabe annehmen, einen Ozean von Inhalten zu moderieren \u2013 was sie \u00fcberraschenderweise sogar tun.<\/p>\r\n<p>Und die etablierten Medien? Stehen unter wachsendem Druck von Aktivisten in den eigenen Reihen, die Berichterstattung auf Fragen der sozialen Gerechtigkeit hin (wie sie in der Regel von der politischen Linken definiert werden) auszurichten und gegenteilige Ansichten zu verunglimpfen oder zumindest zu missbilligen. Konservative und auch gem\u00e4\u00dfigt liberale Journalisten berichten davon, dass sie sich selbst zensieren, um \u00c4rger mit Kollegen zu vermeiden. \u00bbEine Redaktion\u00ab, sagt Tom Rosenstiel, bis vor Kurzem gesch\u00e4ftsf\u00fchrender Direktor des American Press Institute, \u00bbin der es keinen Streit \u00fcber Geschichten gibt, ist eine dysfunktionale Redaktion.\u00ab<\/p>\r\n<p>Umfragen in den USA und Europa belegen, dass die Redaktionen wichtiger Qualit\u00e4tsmedien nach links tendieren. \u00bbWir m\u00fcssen ideologisch diverse Nachrichtenredaktionen zusammenstellen, oder das Produkt wird unter einer Voreingenommenheit leiden, die die Journalisten, die sie produzieren, nicht einmal erkennen\u00ab, sagt Rosenstiel.<\/p>\r\n<p><strong>Am Ende aber kommt es auf den Einzelnen an,<\/strong> sich dem Canceln und anderen Formen des modernen Propagandakrieges entgegenzustellen. Als vor ein paar Jahren hypersensible Studenten amerikanischer Elite-Universit\u00e4ten von Mikro-Agressionen sprachen, wenn sie sich beispielsweise durch alberne Halloween-Kost\u00fcmierungen verletzt f\u00fchlten, pr\u00e4gten konservative Polemiker den Begriff der Snowflakes.<\/p>\r\n<p>Aber diejenigen, die an diesen auf Regeln basierenden Prozess der gesellschaftlichen Debatte glauben, an ein System, das ich das Grundgesetz des Wissens nenne, k\u00f6nnen es sich nicht erlauben, selbst Schneeflocken zu sein oder sich in epistemischen Kaninchenl\u00f6chern zu verstecken. Wir sollten nicht den Mund halten.<\/p>\r\n<p>Wir Schwule kennen uns gut damit aus, wie das ist, wenn man gecancelt wird. Die Idee des Konformit\u00e4tszwangs wurde gegen uns entwickelt und perfektioniert. Wir wurden wegen unseres Nonkonformismus denunziert, weil wir eine \u00bbGefahr\u00ab waren \u2013 f\u00fcr das Land, f\u00fcr die Kinder und f\u00fcr uns selbst. Wir wurden denunziert, weil wir lieben, wen wir lieben, und denken, was wir denken. Wir wurden zu Auss\u00e4tzigen erkl\u00e4rt. Wir wurden eingesch\u00fcchtert, damit wir schweigen und uns verstecken. Diejenigen, die sich f\u00fcr uns einsetzten, wurden ebenfalls ausgegrenzt (\u00bbBist du auch eine Schwuchtel?\u00ab). Oh ja, wir kennen uns aus mit Canceln. Aber wir haben nicht das vergangene halbe Jahrhundert und l\u00e4nger gegen all das gek\u00e4mpft, um nun andere zu Parias zu erkl\u00e4ren.<\/p>\r\n<p>Die Gesellschaft, f\u00fcr die wir gek\u00e4mpft haben, ist ein Ort der Toleranz und der Vielfalt, ein Ort, an dem alle Menschen, nicht nur Homosexuelle, ihr wahres Selbst zum Ausdruck bringen und so leben k\u00f6nnen, wie es ihr Gewissen vorschreibt, im Einklang mit den Rechten, die jeder Mensch hat, und unter Gesetzen, die alle gleich behandeln.<\/p>\r\n<\/div>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; Zerst\u00f6rung der WahrheitINFOKRIEGE Desinformation und Fake News, Verschw\u00f6rungstheorien und Cancel Culture \u2013 warum sich liberale Gesellschaften nicht mehr auf eine gemeinsame Realit\u00e4t einigen k\u00f6nnen. Von Jonathan Rauch &nbsp; Der 6. Januar 2021 war der wohl schw\u00e4rzeste Tag f\u00fcr die amerikanische Demokratie seit dem B\u00fcrgerkrieg vor mehr als 150 Jahren. 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