Die Auswärtige Stadt

Der Weg vom Fernhändler zum Bürger der Europäischen Stadt

 

1. Der Warenhandel 

Haithabu im Norddeutschland, Gnesen (Gniezno) in Polen sind zwei Beispiele für schon  im 10.Jahrhundert international bekannte große Warenmärkte.

Bedeutend wurden Sie für unsere Fragestellung, weil sich dort Händler aus allen bekannten Gegenden des gerade entstehenden Europa trafen, alle möglichen Waren handelten und den Abschluss des Marktes im großen Gelage feierten ( Heinz Stoob, Die Hanse. Köln 1995, S.30)

Sie verabredeten sich bei diesen Gelagenheit für das nächste, oft Monate entfernte, Treffen. Man kannte sich nach und nach in der sich langsam herausbildenden Gesellschaft, oder besser noch, in der mehr oder weniger engen Gemeinschaft der Fernhändler.

Anfang des 17.Jahrhunderts zeichnete ein Kupferstecher den Markt der großen und freien Hansestadt Lübeck penibel nach. In den ca. 500 Jahren nach der Stadtgründung, als dieses Bild entstand, war der Markt zum Weltmarkt der damaligen Zeit herangewachsen.

Der Markt war kein leerer großer Platz in der Mitte der Stadt. Jedes Stück des Marktes hatte vielmehr seine  Bedeutung. Es war der beschriebene Standort für einen bestimmten Warenhandel. So war das an wichtigen Handelsplätzen fast überall:  Dabei gehörten  Markt, Rathaus und Kirche zusammen.

Vorgänger in  der römischen  und griechischen Geschichte für diesen Dreiklang aus Rathaus, Markt und Sitz des religiösen Kultus zeichnet Richard Sennett in seinem wunderbaren Buch Fleisch und Stein. Der Körper und die Stadt in der westlichen Zivilisation, Frankfurt 1997, grandios nach.

2. Die Auswärtige Stadt

Man spricht vom Auswärtigen Amt und meint das Außenministerium der Bundesregierung. Ich spreche von der Auswärtigen Stadt und meine die Gründung der Stadt durch Auswärtige. Solche, die von außen kommen, also nicht Zugehörige bestehender Großfamilien oder Clans vor Ort sind, die deshalb immer schon „Geborene“ waren.

LübeckerIn ist der oder diejenige, sagte man mir 1988, dessen Familie seit drei Generationen auf dem Burgtor- Friedhof Ruhe gefunden habe. Das war ich nicht, von Geburt Offenburger, von Bielefeld aus hierher gezogen, um die Stadtverwaltung zu leiten. Ich war also kein Geborener, sondern ein Auswärtiger, ein Fremder.

Um solche „Auswärtigen“ geht es mir, wenn ich von der Geburt der BürgerIn spreche (vgl. Ulrich Meier, Gemeinnutz und Vaterlandsliebe. Kontroversen über die normativen Grundlagen des Bürgerbegriffs im späten Mittelalter, in: Zeitschrift für historische Forschung, Beiheft 30, Berlin 2003, S.53 ff., www.homes.uni-bieleld.de). Denn sie waren an dem Wunschort bindungslos und niemandem untertan.

Der Fernhändler war kein Lehnsmann oder Knecht. Er war auch kein Angehöriger einer Handwerkerzunft. Er war auch kein Arbeiter im sonstigen Sinne, der abhängig beschäftigt gewesen wäre. Weil er „ortlos“ war, als er sich entschloss, sich mit anderen zusammen zu tun, um anderswo – ohne lästige Verpflichtungen – Handel zu treiben, war er vor Ort nicht gebunden. Als Bürger wären Handwerker, Frauen, Knechte, Auswärtige oder Fremde im Mittelalter eh ausgeschieden (vgl. Meier, a.a.aO. S. 62).

Man kannte sich aus im Geschäft mit dem Fernhandel. Man hatte das über fast sieben Jahre gelernt. Man kannte sich aus mit den Messen in Gnesen, Haitabu, Krakau oder, im frühen 13. Jahrhundert dann über die obere Düna erreichbar, den Hauptmarkt von Smolensk.

Man hatte Beziehungen geknüpft, etwa zu dem Tortosaner Achmed al Tartuschi, den sie in Haitabu traf, und der in den Fernhandel mit Sklaven eingestiegen war, der bis ins 11. Jahrhundert äußerst einträglich war (Heinz Stoob, a.a.O. S. 30). Nachdem Haithabu durch die Wenden in der Mitte des 11.Jahrhunderts zerstört worden war, übernahm Schleswig die Ausrichtung der Messen (Philippe Dollinger, Die Hanse, 3.Auflage, Stuttgart 1981, S.20). 

Im Laufe ihrer Lehrzeit hatte der Fernhändler nicht nur die notwendigen Handels- und Finanztechniken gelernt. Er war auch ausreichend geschickt, sich in der damaligen Gemeinsprache rund um die Ostsee auszudrücken, dem Niederdeutsch (vgl. Artikel Niederdeutsch, de.m.wikipedia.de, 10.1.2020).

Dieses allgemeine Kommunikationsmittel wurde erst im 16.Jahrhundert durch das im Wesentlichen auf Luthers Bibelübersetzung zurückzuführende „Hochdeutsche“ abgelöst. Das Luther-Deutsch revolutionierte zwar das Verhältnis der Amtskirche zu ihren Mitgliedern, und löste dort das Latein ab.

Zugleich zerstörte es indes die Gemeinsprache des nordeuropäischen Fernhandels, das Niederdeutsch. Bis dahin verständigte man sich unter Laien niederdeutsch, das auch die Rechtssprache dominierte. Der gemeinsame Sprachraum zerfiel indes im Laufe der Zeit nach der Reformation.

Die (genossenschaftsähnliche) Organisation der Fernkaufleute war  aber seit dem 8.Jahrhundert für den sich entwickelnden Warenverkehr so bedeutsam geworden, dass kirchliche und weltliche Gebietsherren nicht umhin konnten, Ihnen Privilegien einzuräumen. Schutzrechte auf ihren


Handelswegen, Schiffbarkeitsgerechtsame, Sonderrechte in Bezug auf die Niederlassung in der Stadt, insbesondere das Recht der Selbstregierung in ihren neu gegründeten Siedlungen und später eine eigene Gerichtsbarkeit.

Diese ist  über die vier Kontore und eine Rangfolge der Gerichtsbarkeiten in und durch die Städteorganisation festgelegt worden. Sie blieb bis zur staatlichen Gerichtsbarkeit in den Händen des Rates der Stadt oder der Bürgermeister, eine Ordnung die teilweise erst nach 1806 abgelöst wurde. 

Ein gutes Beispiel dafür ist das frühe Handels- und Stadtrecht des frühen 12.Jahrhunderts der Stadtrepublik Nowgorod. Einem der Hauptorte der späteren Städtehanse. Die Freiheiten für die Fernkaufleute dieser Handelsstadt in Russland, die sie ihren jeweiligen Landesherren abtrotze, waren beispielhaft im ost- und westeuropäischen Raum (Dollinger S.44; de.m. wikipedia.org, 11.1.2020).


Das Recht auf Selbstverwaltung und die Handelsprivilegien dieser größer werdenden Gruppe von Fernkaufleuten mussten stets neu erkämpft und verteidigt werden. 

3. Vom autoritären zum demokratischen Charakter

Der Typus des „Autoritären Charakters“ geht hauptsächlich auf die 1950 von Theodor W. Adorno und anderen veroffentlichte Studie The Authoritarien Personality zurück.

Auf der Grundlage großangelegter empirischer Studien arbeitete diese Gruppe an der University of California, Berkeley, über die psychologischen Grundlagen von Vorurteilen, insbesondere solchen antisemitischer Art (www.de.m.wikipedia.org, 11.1.2020). Der Idealtypus dieser Charakterstudie, ist dem Idealbild einer Demokratischen Persönichkeit entgegengesetzt (vgl.dazu über die Grundlagen der Kritischen Theorie und das dahinter liegende Gesellschaftsmodell: Max Horkheimer ( Dauer 2 Minuten) : https://www.youtube.com/watch?v=5lmLMFJXuSk&feature=share)

Die dem Faschismus komplementäre Figur der Autoritären Persönlichkeit spiegelt sich auch in dem immer noch aktuellen Vortrag „Aspekte des neuen Rechtsradikalismus“, den Adorno am 6.April 1967 auf Einladung des Verbands Sozialistischer Studenten Österreichs an der Wiener Universität gehalten hat.

Wehalb ich diese Studie der Frankfurter Schule in der Emigrationszeit um 1940 mit der sich gerade im 8.Jahrhundert entwickelnden Persönlichkeit des reichsunmittelbaren Fernhändlers zusammenbringe, hat zwei Gründe. Erstens: die Entwicklung des Charakters einer unabhängigen BürgerIn setzt eine sehr lange, hier rund 500jährige Entwicklung der Zivilgesellschaft voraus (vgl. dazu Norbert Elias (1897-1990), Über den Prozess der Zivilisation, Frankfurt a.M. 1976) Beispielsweise von ca. 800, der karolingischen Zeit, und damit verbunden dem Aufkommen der großen Messen u.a.in Haitabu, Gnesen, Krakau und Smolensk, bis ins Hochmittelalter, hier ca. 1367, die Zeit der größten Blüte der Hanse.

Zweitens wähle ich diesen Zeitraum und die geopolitische Lage des heutigen Westeuropas, weil die gesellschaftlichen Formatierungen über diesen langen Zeitraum anhand der Geschehnisse auch in der gut erforschten und recht übersichtlichen Hansestadt Lübeck belegbar werden.

Bernhard Gurk macht zu Recht darauf aufmerksam, dass sich bei den Fernhändlern im Laufe der Berufstätigkeit ein Berufsbewusstsein herausbildete, das im Kern dem klösterlichen Modell ähnelte, allerdings ohne die innerkirchliche hierarchische Struktur.

Sie übertrugen die mönchische Askese und Disziplin auf die Art und Weise ihrer Berufstätigkeit und Lebenswelt. Hinzu kommt, dass etwa die Lebensform der deutschen Fernhändler etwa im Bergenser Kontor durchaus mit mönchischer Lebensweise (einer reinen Männergesellschaft) vergleichbar war. Während der siebenjährigen Lehrzeit des angehenden Fernhändlers im fremden Norwegen, blieb eine derartige Klausur nicht aus. Und sie hatte die Verinnerlichung der moralischen Prinzipien zur Folge. 

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(Die Hanse und Westfalen, ein deutscher Beitrag zu Europa, Einleitung, in, Hansische Stadtgeschichten des Westfälischen Hansebundes, ISBN 3-00-002151-5, S.41).

Die Weitererzählung wird folgen. Es braucht dazu allerdings noch längere Zeit und umfangreiche Recherche. Fortsetzung folgt…