Autor: Michael Bouteiller

  • 1983: Blockaden und Menschenketten

    1983: Blockaden und Menschenketten

  • Deutscher Eiertanz – Allemande

     

    Deutscher Eiertanz zur Osterzeit – Allemande

                     Wer das Original hören will: Allemande, J.S.Bach, Pablo Casals)
                                         https://youtu.be/IP3OqErxkY8
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    Lübeck, 2.4.2022

    Hans von Trotha sagte im Podcast des Deutschlandfunks Kultur vom 30.3.2022: „Dieser Satz wird in die Geschichte eingehen, weil er in drei Sekunden die Dimension der Zeitenwende ausdrückt, an der wir seit dem 24. Februar 2022 stehen: „Wir sind heute in einer anderen Welt aufgewacht“ sagte Außenministerin Annalena Baerbock am Morgen des russischen Überfalls auf die Ukraine. Bis zu diesem Tag hatten wir in der Vorstellung gelebt, dass wir nach 1945 oder genauer nach 1989 ein internationales System aufgebaut hätten, das zumindest in Europa vor Kriegen schützt…“(Hans von Trotha, „ Zum ewigen Frieden“,  Immanuel Kant und unsere heutige Realität, Deutschlandfunk Kultur,  30.3.2022)

    Die Welt war indes vor und nach dem 24.Februar dieselbe. Da hat sich nichts geändert. Denn auch nach 1989 gab es Kriege in Europa, den Ersten Tschetschenienkrieg (1994 bis 1996), den Zweiten Tschetschenienkrieg (1999 bis 2009), die Balkankriege in den 1990er Jahren mit über 200.000 Toten, den Kaukasuskrieg 2008, die russische Besetzung der Krim 2014. Ich rede nur von den europäischen Kriegen. Alles vergessen?

    Was für ein erschreckender Irrtum all jener, die tatsächlich dachten, was Hans von Trotha im Deutschlandfunk behauptet. Denn wer nach dem mörderischen Angriffskrieg gegen die Ukraine seine Welt in Trümmern sieht, lebte bis dahin im Traum. Traumdeutung wäre also schnellstens geboten. Träume dieser Art sind nämlich hochgefährlich. Sie widersprechen im Übrigen dem Regierungseid, Schaden vom Volk abzuwenden. Denn wer sie verbreitet, der schadet dem Volk.

    Solcherart Träume sind etwas für Milliardäre, die ortlos sind, und ihr Geld mit der Dummheit verdienen. Sie sind das sprichwörtliche Opium für’s Volk, da sie mit Erfolg von dem ablenken, was seit langem auf der Tagesordnung steht –  ungelöst. Denn jeder und jede weiß inzwischen, dass der europäische Krieg nicht in der Schlacht um die Ukraine gewonnen wird. Im Europäischen Krieg geht es nicht um die Ukraine, sondern um den Lebensstandard. Mit der erfolgreichen Schlacht um den zukünftigen Lebensstandard wird der Europäische Krieg entschieden. Der deutsche Lebensstandard zum Beispiel: Er beruht zur Zeit auf vier Säulen: Erstens auf Karbon als Energieform, zweitens auf weltweiter Ausbeutung der Arbeitskraft als Grundlage der deutschen Ökonomie, drittens auf dem atomaren Schutzschild der NATO mit der Hegemonie der USA und viertens auf der Einigkeit der 27 Staaten in der EU als Mauer gegen die Begehrlichkeit der Dritten Welt.  

    Dieser Traum vom heutigen deutschen Lebensstandard als der schönsten aller Welten ist am 24.Februar 2022 leider nicht geplatzt.  Denn die herrschende Politik handelt nach wie vor nach dem Motto der Hauptfigur in Morgensterns Gedicht, das auch noch den passenden Titel „Die unmögliche Tatsache“ trägt: „…Und er kommt zu dem Ergebnis: …Nur ein Traum war das Erlebnis. Weil, so schließt er messerscharf, nicht sein  kann, was nicht sein darf.“ Vielleicht sollte unser Wirtschaftsminister und Apothekersohn aus Lübeck bei seinem Vorgänger, dem anderen Lübecker Apothekersohn, Erich Mühsam, in die Schule gehen. Denn der stand bei all seinem beachtlichen revolutionären politischen Handeln immer auf der richtigen Seite. Er verachtete die Spökenkiekerei: ihm wäre folgender Satz und die darin liegende Flucht aus der Realität in die Konstruktion von Wirklichkeit nicht in den Sinn gekommen, die unser Wirtschaftsminister Habeck allen Ernstes als seine vorrangige Welterkenntnis uns 2018 anbietet: „In der Politik ist Sprache das eigentliche Handeln. Ganz buchstäblich. Indem Eide geschworen und Gesetze beschlossen werden, tritt eine neue Wirklichkeit in Kraft. ..“(Robert Habeck, Wer wir sein könnten. Warum unsere Demokratie eine offene und vielfältige Sprache braucht, eBook Kiepenheuer & Witsch 2018, S.16).

    Nein, hätte ihm Erich Mühsam entgegengehalten, nicht das Bewusstsein bestimmt das Sein, sondern das Sein bestimmt immer noch das Bewusstsein: Ihr könnt reden, was ihr wollt und politische Texte verfassen, soviel ihr wollt, am Ende bestimmt über Krieg und Frieden die Politische Ökonomie. Es herrscht zur Zeit das Karbon und die damit verbundene Macht und nicht Moral und Recht. Da hilft zur Zeit auch kein Kotau vor den Märchenprinzen aus dem Morgenland. An der Abhängigkeit vom Öl und Gas ändert sich dadurch nichts, nur die Despoten sind andere und ein Stück weiter weg. Marx erkannte diese Flucht der Deutschen vor der Herrschaft des Kapitals in den Himmel des Geistes und der literarischen Texte 1847/48 im Politischen Manifest. Hoffentlich wacht auch das Kabinett Scholz auf und widmet sich den wirklichen Problemen dieser einen Welt. Eine andere gibt es nicht.

  • Es geht nicht nur um die Ukraine. Putin will die USA aus Europa vertreiben.

    Es geht nicht nur um die Ukraine. Putin will die USA aus Europa vertreiben.

    Jan. 24, 2022, 1:00 a.m. ET


    Von Fiona Hill
    Fiona Hill war Geheimdienstmitarbeiterin für Russland und eurasische Angelegenheiten unter den Präsidenten George W. Bush und Barack Obama und war Mitglied des Nationalen Sicherheitsrats unter Präsident Donald Trump.
    Wir wussten, dass dies kommen würde.

    Illustration von Shoshana Schultz/The New York Times; Fotos von Aurelien Meunier, Chip Somodevilla, Mikhail Svetlov, Ira Wyman via Getty Images

    „George, Sie müssen verstehen, dass die Ukraine nicht einmal ein Land ist. Ein Teil ihres Territoriums liegt in Osteuropa und der größere Teil wurde uns überlassen.“ Dies waren die ominösen Worte des russischen Präsidenten Wladimir Putin an Präsident George W. Bush auf einem NATO-Gipfel im April 2008 in Bukarest, Rumänien.

    Putin war wütend: Die NATO hatte gerade angekündigt, dass die Ukraine und Georgien schließlich dem Bündnis beitreten würden. Dies war eine Kompromissformel, um die Bedenken unserer europäischen Verbündeten zu zerstreuen – ein ausdrückliches Versprechen, dem Block beizutreten, aber kein konkreter Zeitplan für die Mitgliedschaft.

    Zu dieser Zeit war ich der nationale Geheimdienstbeauftragte für Russland und Eurasien und gehörte zu einem Team, das Herrn Bush informierte. Wir warnten ihn, dass Putin Schritte zur Annäherung der Ukraine und Georgiens an die NATO als Provokation ansehen würde, die wahrscheinlich eine präventive russische Militäraktion auslösen würde. Aber letztlich wurden unsere Warnungen nicht beachtet.

    Innerhalb von vier Monaten, im August 2008, marschierte Russland in Georgien ein. Die Ukraine hat die russische Botschaft laut und deutlich verstanden. In den folgenden Jahren machte sie einen Rückzieher in Bezug auf die NATO-Mitgliedschaft. Doch 2014 wollte die Ukraine ein Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union unterzeichnen, weil sie glaubte, dass dies ein sicherer Weg in den Westen sein könnte. Moskau schlug erneut zu und beschuldigte die Ukraine, eine Hintertür zur NATO zu suchen, die ukrainische Halbinsel Krim zu annektieren und einen Stellvertreterkrieg in der südöstlichen ukrainischen Region Donbas zu beginnen. Die gedämpften Reaktionen des Westens auf die Invasionen von 2008 und 2014 haben Putin ermutigt.

    Diesmal geht es Putin um mehr als nur darum, die „offene Tür“ der NATO zur Ukraine zu schließen und mehr Territorium zu erobern – er will die Vereinigten Staaten aus Europa vertreiben. Wie er es ausdrücken könnte: „Auf Wiedersehen Amerika. Lasst euch beim Rausgehen nicht die Tür einschlagen.“

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    Der russische Präsident Wladimir Putin.Kredit…Poolfoto von Evgeny Odinokov
    In den zwei Jahrzehnten, in denen ich Putin beobachtet und seine Handlungen analysiert habe, habe ich festgestellt, dass seine Handlungen zielgerichtet sind, und dass er diesen Moment gewählt hat, um den Fehdehandschuh in der Ukraine und in Europa hinunterzuwerfen. Er hat eine persönliche Vorliebe für Geschichte und Jahrestage. Im Dezember 2021 jährt sich zum 30. Mal die Auflösung der Sowjetunion, als Russland seine Vormachtstellung in Europa verlor. Putin möchte den Vereinigten Staaten die gleiche bittere Medizin verabreichen, die Russland in den 1990er Jahren schlucken musste. Er ist der Ansicht, dass sich die Vereinigten Staaten derzeit in der gleichen Lage befinden wie Russland nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion: im eigenen Land stark geschwächt und im Ausland auf dem Rückzug. Er ist auch der Meinung, dass die NATO nichts anderes als eine Erweiterung der Vereinigten Staaten ist. Russische Beamte und Kommentatoren sprechen anderen NATO-Mitgliedern routinemäßig jegliche Handlungsfähigkeit oder unabhängige strategische Überlegungen ab. Wenn es also um das Bündnis geht, richten sich alle Schritte Moskaus gegen Washington.

    In den 1990er Jahren zwangen die Vereinigten Staaten und die NATO Russland dazu, die Reste des sowjetischen Militärs von ihren Stützpunkten in Osteuropa, Deutschland und den baltischen Staaten abzuziehen. Putin möchte, dass die Vereinigten Staaten in ähnlicher Weise leiden. Aus russischer Sicht sind die innenpolitischen Probleme der USA nach vier Jahren der katastrophalen Präsidentschaft von Donald Trump sowie die von ihm geschaffenen Gräben mit den Verbündeten der USA und der überstürzte Rückzug der USA aus Afghanistan ein Zeichen der Schwäche. Wenn Russland genug Druck ausübt, hofft Putin, ein neues Sicherheitsabkommen mit der NATO und Europa schließen zu können, um einen Konflikt mit offenem Ausgang zu vermeiden, und dann wird Amerika an der Reihe sein, sich zu verabschieden und seine Truppen und Raketen mitzunehmen.

    Die Ukraine ist sowohl das Ziel Russlands als auch ein Druckmittel gegen die Vereinigten Staaten. In den letzten Monaten hat Putin die Regierung Biden in endlose taktische Spiele verwickelt, die die Vereinigten Staaten in die Defensive drängen. Russland verlegt Truppen an die ukrainischen Grenzen, führt Kriegsspiele durch und verschärft die heftigen Kommentare. In jüngsten offiziellen Dokumenten forderte es unumstößliche Garantien, dass die Ukraine (und andere ehemalige Republiken der UdSSR) niemals Mitglied der NATO werden, dass die NATO ihre nach 1997 eingenommenen Positionen aufgibt und dass Amerika seine eigenen Streitkräfte und Waffen, einschließlich seiner Atomraketen, abzieht. Russische Vertreter versichern, dass Moskau in Europa „keinen Frieden um jeden Preis“ braucht. Einige russische Politiker schlagen sogar die Möglichkeit eines Präventivschlags gegen NATO-Ziele vor, um sicherzustellen, dass wir wissen, dass sie es ernst meinen und dass wir den Forderungen Moskaus nachkommen sollten.

    Wochenlang haben sich amerikanische Beamte zusammengerauft, um die offiziellen Dokumente mit den russischen Forderungen und den widersprüchlichen Kommentaren zu verstehen, haben darüber nachgedacht, wie man Putin in der Ukraine abschrecken könnte, und haben sich bemüht, seinen Zeitplan zu überdenken.

    Die ganze Zeit über haben Putin und seine Stellvertreter ihre Erklärungen verschärft. Beamte des Kremls haben nicht nur die Legitimität der amerikanischen Position in Europa in Frage gestellt, sondern auch Amerikas Stützpunkte in Japan und seine Rolle im asiatisch-pazifischen Raum in Frage gestellt. Sie haben auch angedeutet, dass sie Hyperschallraketen an Amerikas Hintertür in Kuba und Venezuela liefern könnten, um das wiederzubeleben, was die Russen die Karibikkrise der 1960er Jahre nennen.

    Putin ist ein Meister der Zwangsanreize. Er inszeniert eine Krise so, dass er sie gewinnen kann, egal was die anderen tun. Drohungen und Versprechen sind im Wesentlichen ein und dasselbe. Putin kann erneut in die Ukraine einmarschieren, oder er kann die Dinge so belassen, wie sie sind, und einfach das von Russland kontrollierte Gebiet auf der Krim und im Donbas konsolidieren. Er kann in Japan Unruhe stiften und Hyperschallraketen nach Kuba und Venezuela schicken, oder auch nicht, wenn die Dinge in Europa nach seinem Willen laufen.

    Putin spielt ein längeres, strategisches Spiel und weiß, wie er sich im taktischen Gedränge durchsetzen kann. Er hat die Vereinigten Staaten genau da, wo er sie haben will. Sein Auftreten und seine Drohungen haben die Tagesordnung in den europäischen Sicherheitsdebatten bestimmt und unsere volle Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Im Gegensatz zu Präsident Biden muss sich Putin keine Gedanken über Zwischenwahlen oder den Widerstand seiner eigenen Partei oder der Opposition machen. Putin hat keine Angst vor schlechter Presse oder schlechten Umfragewerten. Er gehört keiner politischen Partei an und hat die russische Opposition zerschlagen. Der Kreml hat die lokale, unabhängige Presse weitgehend zum Schweigen gebracht. Putin steht 2024 zur Wiederwahl an, aber sein einziger ernstzunehmender Gegner, Alexej Nawalny, sitzt in einer Strafkolonie außerhalb von Moskau.

    Herr Putin kann also handeln, wie er will und wann er will. Sofern er nicht krank ist, werden sich die Vereinigten Staaten noch jahrelang mit ihm auseinandersetzen müssen. Im Moment deutet alles darauf hin, dass Putin die USA in ein endloses taktisches Spiel verwickeln, weitere Teile der Ukraine an sich reißen und alle Reibungen und Brüche in der NATO und der Europäischen Union ausnutzen wird. Um aus der derzeitigen Krise herauszukommen, muss man agieren, nicht reagieren. Die Vereinigten Staaten müssen die diplomatische Antwort gestalten und Russland zu den Bedingungen des Westens und nicht nur zu denen Moskaus verpflichten.

    Sicherlich hat Russland einige berechtigte Sicherheitsbedenken, und die europäischen Sicherheitsvereinbarungen könnten nach 30 Jahren sicherlich ein neues Denken und eine Überarbeitung vertragen. Es gibt für Washington und Moskau viel zu besprechen, sowohl im Bereich der konventionellen und nuklearen Streitkräfte als auch im Cyberbereich und an anderen Fronten. Aber eine weitere russische Invasion in der Ukraine und die Zerstückelung und Neutralisierung der Ukraine kann weder ein Thema für die amerikanisch-russischen Verhandlungen noch ein Einzelposten in der europäischen Sicherheit sein. Letztlich müssen die Vereinigten Staaten Herrn Putin zeigen, dass er mit globalem Widerstand zu rechnen hat und dass seine Aggression die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen Russlands weit über Europa hinaus gefährden wird.

    Entgegen der Behauptung Putins im Jahr 2008, die Ukraine sei „kein richtiges Land“, ist die Ukraine seit 1991 ein vollwertiges Mitglied der Vereinten Nationen. Ein weiterer russischer Angriff würde das gesamte System der Vereinten Nationen in Frage stellen und die Vereinbarungen gefährden, die seit dem Zweiten Weltkrieg die Souveränität der Mitgliedstaaten garantieren – ähnlich wie die irakische Invasion in Kuwait im Jahr 1990, nur in einem noch größeren Ausmaß. Die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten sowie die Ukraine selbst sollten dieses Problem vor die Vereinten Nationen bringen und es sowohl der Generalversammlung als auch dem Sicherheitsrat vorlegen. Selbst wenn Russland eine Resolution blockiert, verdient die Zukunft der Ukraine eine globale Antwort. Die Vereinigten Staaten sollten auch in anderen regionalen Institutionen Bedenken äußern. Warum versucht Russland, seine Streitigkeiten in Europa nach Asien und in die westliche Hemisphäre zu tragen? Was hat die Ukraine mit Japan oder mit Kuba und Venezuela zu tun?

    Herr Biden hat versprochen, dass Russland „einen hohen Preis zahlen wird“, wenn russische Truppen die Grenzen der Ukraine überschreiten. Wenn Putin in die Ukraine einmarschiert, ohne dass der Westen und der Rest der internationalen Gemeinschaft – abgesehen von finanziellen Sanktionen – Strafmaßnahmen ergreift, dann hat er einen Präzedenzfall für künftige Maßnahmen anderer Länder geschaffen. Putin hat bereits zusätzliche Finanzsanktionen der USA in sein Kalkül einbezogen. Er geht jedoch davon aus, dass einige NATO-Verbündete zögern werden, sich diesen Sanktionen anzuschließen, und dass andere Länder wegschauen werden. Die Zensur durch die Vereinten Nationen, die weit verbreitete und lautstarke internationale Opposition und Länder außerhalb Europas, die Maßnahmen ergreifen, um ihre Beziehungen zu Russland abzubauen, könnten ihn zum Nachdenken bringen. Es sollte Amerikas langfristiges Ziel sein, eine gemeinsame Front mit seinen europäischen Verbündeten zu schmieden und eine breitere Unterstützung zu gewinnen. Andernfalls könnte diese Geschichte tatsächlich den Anfang vom Ende der amerikanischen
    Militärpräsenz in Europa markieren.

    Fiona Hill ist Senior Fellow an der Brookings Institution. Sie war National Intelligence Officer für Russland und Eurasien und Senior Director für Europa und Russland beim National Security Council. Sie ist Mitautorin von „Mr. Putin: Operative in the Kremlin“ und Autorin von „There Is Nothing for You Here: Finding Opportunity in the 21st Century“.

  • Zerstörung der Wahrheit

     

     

     

     

     

    Zerstörung der Wahrheit
    INFOKRIEGE Desinformation und Fake News, Verschwörungstheorien und Cancel Culture – warum sich liberale Gesellschaften nicht mehr auf eine gemeinsame Realität einigen können.

    Von Jonathan Rauch

     

    Zum Autor
    Foto: Dean Alexander
    Epistemologie ist ein etwas esoterisch klingender Begriff aus der Philosophie, der den Weg aus den Elfenbeintürmen der Universitäten in den Mainstream gefunden hat. In der Erkenntnistheorie geht es um die Frage, woher wir wissen, was wir wissen. Was ist Wirklichkeit? Was ist Wahrheit? Die Eindringlinge im Kapitol wurden als Aufständische betrachtet, die die Demokratie zerstören wollten. Sie selbst aber sahen sich als deren Retter, weil sie davon überzeugt waren, dass die Wahl gestohlen und ein massiver Betrug begangen worden sei. Mehr als die Hälfte der Republikaner glaubt immer noch, dass Donald Trump die Wahl gewonnen hat. Und ein großer Teil von ihnen macht sogar die Demokraten verantwortlich für die Unruhen im Kapitol.
    Verschwörung – wir glauben das, was uns passend und überzeugend erscheint, und suchen dann nach Beweisen und Argumenten, um unsere Haltung zu verteidigen.
    Verschwörungstheorien – verlieren wir die Fähigkeit, Wahrheit von Unwahrheit zu unterscheiden? Glauben wir vielleicht gar nicht mehr, dass es einen Unterschied gibt?
    Die Angriffe zielten auf den gesamten Infor­mationsraum. Steve Bannon nennt das: »Flood the zone with shit.«
    Präsidenten Putin, Trump 2017

    Präsidenten Putin, Trump 2017

    Foto: Sputnik / REUTERS
    Die besten Trolle – Wladimir Putin dürfte neidisch sein auf Donald Trump, der herausgefunden hat, wie man Desinformationsstrategien im russischen Stil auf die amerikanische Politik überträgt.
    Terrorangriff auf das World Trade Center am 11. September 2001

    Terrorangriff auf das World Trade Center am 11. September 2001

    Foto: Spencer Platt / Getty Images
  • USA Wahl am 5.11.2024: Droht eine faschistische Wende in den USA – Trump reloaded ?

    USA Wahl am 5.11.2024: Droht eine faschistische Wende in den USA – Trump reloaded ?

     

    Göttliche Schöpfung

    USA Wahl am 5.11.2024: Droht eine faschistische Wende in den USA – Trump reloaded ?

     

    Der Spiegel vom 6.11.2021 fasst nochmals das Bekannte zur Lagebeurteilung der Politik in den USA zusammen: Ein Durchmarsch der Republikaner am Wahltag ist im November 2024 nicht unwahrscheinlich. Denn der militärisch-industrielle-Komplex, vor dem schon 16 Jahre nach Kriegsende, 1961, Präsident Eisenhower warnte, mobilisiert als Kern einer sich verschärfenden weltweiten Krise des Carbonkomplexes für den Wahlerfolg der Republikaner. Dabei sind die Wahlkampfgelder nach der Entscheidung des Supreme-Court von 2010 der Höhe nach unbegrenzt.

    Deren radikaksten Abhänger:innen, die rd. 60 Mio. Evangelikalen, blicken angstvoll auf den möglichen Verlust ihres 6.000 Jahre alten Weltbildes!

    Begleitet wird dieser Durchmarsch der Republikaner:innen über die Versuche, mit allen Mitteln die Eingewanderten von der Wahl abzuschrecken über Veränderung der Wahlgesetze und die systematische Veränderung der Wahlbezirke in den republikanischen Bundesstaaten zugunsten der Weißen. Die Spaltung der Demokraten (in ihre Flügel von Neoliberalen bist zur Linken) ist – wie wir das seit 1918 von Weimar her kennen – eine zweite Ursache des möglichen Erfolges der Faschisten.

    Bei diesen Aussichten, die schon lange bekannt sind – wenn auch nicht in dieser sich jetzt abzeichnenden Schärfe – überrascht das Fehlen jeden Ansatzes einer außenpolitischen Konzeption in der mit den USA verbundenen deutschen Politik. Zumal das Beziehungsgeflecht zu den USA Grundlage unserer Staats- und Gesellschaftspolitik ist. Es wäre hohe Zeit, sich neben dem Haupt-  und Dauerthema unserer Zeit, die nachhaltige Klinagerechtigkeit, genau dieser Frage zu widmen. Ergebnis könnte eine europäischen Politikkonzeption sein, die sich von den Imperativen einer möglicherweise faschistisch werdenden USA löst.

    Ein Gegengewicht zum Imperium USA, das mit allen Mitteln, auch solchen der Modern Monetary Theorie (MMT), der Stabilisierung der labilen EU widmet. Die staatlichen Finanzmittel sind zwar nicht unerschöpflich, aber jedenfalls nicht mehr durch die merkelsche Schwäbische Hausfrauenlogik begrenzt. Dazu hat im übrigen am Beispiel der total verrottenden Infrastruktur der USA Paul Krugman das meiste gesagt. Ich meine das Billionenprojekt, das Biden gerade noch diese Woche hat verabschieden können.

    Es fehlt sowohl im deutschen Triell als auch in der EU Führung an entsprechenden Äußerungen und dem dazu gehörenden Mut, das Thema anzupacken. Hoffen wir, dass eine derartige Diskussion nach der Regierungsbildung – ohne Merkel – in Berlin neu aufgelegt wird.

  • Beschlussvorschlag zur Klimatragödie

    Beschlussvorschlag zur Klimatragödie

     

     

    Bevor wir uns jetzt in Details verlieren: 

    Gefordert ist: Die  Umorganisation unseres Landes hin auf ein Ziel: Nachhaltige Klimagerechtigkeit. 

    Wer organisiert?  Das ist eine Aufgabe, die UN, EU, Bund,Länder, Gemeinden schultern müssen. 

    Dafür bedarf es

    1. eines Grundsatzbeschlusses. 

    2.Der Umsetzung auf den genannten staatlichen Ebenen

    3.Der Finanzmittel: 

    Die USA wollen alleine für die Bewältigung von Pandemie und Wirtschaftsreorganisation 7,5 Billionen $ in die Hand nehmen. Wer sich für die Finanzierung interessiert, lese Paul Krugman (Artikel übersetzt), Paul Krugman: How Big Spending Got Its Groove Back. 

    4.Der Grundsatzbeschluss und die Projektorganisation sollten als Beschlussvorschlag auf allen genannten Ebenen, also  etwa im BTag usw. eingebracht werden.

    Wär doch eine verdienstvolle Arbeit? Ich bin überzeugt, dass es eine Fülle von Mitarbeiter:innen (in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik) gibt, die für eine derartige Projektorganisation fachlich hervorragend ausgebildet sind.

    Auf geht‘s!

    Zum Inhalt eines derartigen Vorschlages : Claudia Kemfert

    Zur Finanzierung: Paul Krugmann

    Meeresklima Antje Boetius

  • Das konservative Amerika: Die Taliban der reichen Welt

     

     

     

     

    Der Abstieg der konservativen Amerikaner in Wahnsinn, Gewalt und Faschismus

    Umair Haque 18.2.2021

    Hier ist eine kleine Frage. War der 6. Januar Amerikas Tiefpunkt?

    Um Ihnen bei der Beantwortung zu helfen, finden Sie hier eine auffällige, ernüchternde und beunruhigende Tatsache. Seit dem Putschversuch am 6. Januar, bei dem Todesschwadronen durch die Hallen des Kongresses streiften, um nach „Feinden des Volkes“ zum Massaker zu suchen, wo würden Sie Trumps Unterstützung unter den Republikanern erwarten?

    Wenn Sie den Republikanern den Vorteil von Treu und Glauben geben, würden Sie vielleicht erwarten, dass er sinkt. Immerhin war dies mehr oder weniger eines der beschämendsten und groteskesten Kapitel der amerikanischen Geschichte. Sie müssen Jahrhunderte zurückgehen, um herauszufinden, wann das Kapitol das letzte Mal angegriffen wurde – und von faschistischen Milizen angegriffen wurde? Angeblich von einem Präsidenten angestiftet? Das ist nie passiert. Der 6. Januar war ein einzigartiger Moment in der amerikanischen Geschichte.

    Und Sie könnten daher vernünftigerweise erwarten, dass es einen Tiefpunkt erreicht, und Sie könnten daraus weiter schließen, indem Sie sich denken: „Selbst Republikaner müssen denken, dass dies zu weit gegangen ist. Richtig?“

    Falsch. Seit dem 6. Januar hat Trumps Unterstützung unter den Republikanern zugenommen . Dramatisch. Und das ist ein schlechtes Omen für die kommenden Dinge. Welche Art von Menschen unterstützen schließlich einen gewalttätigen, blutigen Staatsstreich? Es stellte sich heraus, dass die Arten von Menschen mit Konzentrationslagern, Kindern in Käfigen und Gestapos auf den Straßen einverstanden waren – die gesamte klassische Lehrbuchsequenz des Faschismus. Wenn Sie mit… Konzentrationslagern… einverstanden sind, ist es keine Überraschung, dass Sie mit einem Coup einverstanden sind. Es ist alles Teil Ihrer… Weltanschaaung. Das ist ein altes deutsches Wort für eine einfache Idee: eine Weltanschauung .

    Was passiert mit Amerika?

    Das konservative Amerika wird radikalisiert. Du weißt es und ich weiß es. Experten wissen es und meistens erfinden sie Ausreden dafür. Die Wahrheit ist jedoch ebenso düster wie schrecklich. Das konservative Amerika wird schnell, streng und massiv radikalisiert.

    Als soziale Gruppe vertreten konservative Amerikaner heute Überzeugungen, die eher den Taliban entsprechen als beispielsweise ihren Kollegen in Europa, Kanada oder Australien. Nein, ich mache keine Witze. Konservative Amerikaner scheinen zu glauben, dass alle folgenden Dinge Menschenrechte sein sollten: ein Sturmgewehr nach Starbucks tragen, so viele Waffen haben, wie Sie möchten, die „Redefreiheit“ haben, um Bigotterie und Hass zu praktizieren, die Idee der weißen Vorherrschaft, eingebettet in Institutionen und gesetzlich durchgesetzt, die Auferlegung der fundamentalistischen Religion über den Staat.

    Folgendes glauben sie nicht, sollten grundlegende Menschenrechte sein. Gesundheitswesen, Bildung, Ruhestand, Kinderbetreuung, Transport, Einkommen, Wohnen, Essen, Wasser, sanitäre Einrichtungen, Medizin.

    Ich möchte, dass Sie wirklich sehen, wie pervers diese Ansichten sind. Sie sind das diametrale Gegenteil der Mehrheiten in jedem anderen reichen Land. In Europa, Kanada und Australien glauben die Menschen im Großen und Ganzen, dass Gesundheitsversorgung, Ruhestand und Bildung usw. grundlegende Menschenrechte sein sollten, nicht Waffen, Hass und Fundamentalismus. Wir wissen das, weil sie insgesamt für sie stimmen . Dies ist das Gegenteil von Amerikas konservativer Mehrheit.

    Daher mache ich keine Witze, wenn ich sage, dass amerikanische Konservative den Taliban mehr ähneln als „Konservativen“ in Europa, Kanada oder Australien. Amerikanischen Konservativen wirklich sind anders. Wer glaubt noch, dass Sturmgewehre ein Menschenrecht sind? Diese Religion sollte das Gesetz diktieren? Dass Hass und Vorherrschaft kulturelle Normen, soziale Werte und politische Institutionen sein sollten? Die Taliban tun es .

    Auch dies ist kein Witz. Es ist eine Warnung . Das konservative Amerika, das ein Großteil des weißen Amerikas ist, wird radikalisiert .

    Sie könnten mit den Schultern zucken und sagen: „Na und! Das weiß ich schon!“ Aber irgendwie bezweifle ich, dass du es wirklich tust. Diejenigen von uns, die die schreckliche, desorientierende Erfahrung einer Gesellschaft erlebt haben, die um uns herum radikalisiert wird, können Ihnen sagen: Was in Amerika passiert, ist die Realität . Wenn es sich für Sie so anfühlt, als hätte ein großer Teil Amerikas gerade den Verstand verloren, dann liegt das daran, dass… es so ist.

    Was bedeutet „Radikalisierung“?

    Es geht weit über das hinaus, was sich viele Amerikaner vorstellen. Es bedeutet so etwas wie das Folgende. Über einen Zeitraum von Jahren, vielleicht Jahrzehnten, werden Menschen konditioniert und einer Gehirnwäsche unterzogen, um zu glauben, dass a) Gewalt die Antwort auf alle politischen Probleme ist; b) Hass ist die Antwort auf alle sozialen Probleme; c) Bigotterie ist die Antwort auf alle kulturellen Probleme; weil d) die Starken und Reinen überleben müssen, indem sie die Schwachen und Unreinen überwältigen; so dass d) ein magisches, oft religiös gesalbtes Königreich auf Erden herrscht.

    Radikalisierung ist ein seltsamer, giftiger Cocktail aus vielen, vielen Dingen – all den Aromen menschlicher Dummheit und Torheit. Es verbindet den Sozialdarwinismus mit einer Nietzscheanischen Übermensch-Ideologie. Es predigt fundamentalistische Religion und vergisst dabei die Grundprinzipien jeder Religion. Es rechtfertigt sich mit zunehmend ausgefallenen „Theorien“, die im Klartext nur Big Lies bedeuten – der Messias kommt und so weiter -, deren Ziel es ist, die Auserwählten in Ritualen der sinnlosen Indoktrination zusammenzubinden. Es geht offen um Gewalt und Brutalität mittelalterlicher Art. Es sucht jetzt hier auf der Erde nach einer Apokalypse, denn das ist der beste Weg, das Reine vom Unreinen zu trennen – eine endgültige Lösung.

    Klingt das alles für Sie nach amerikanischem Konservatismus? Es sollte . Ich sollte es nicht noch einmal sagen müssen, aber ich werde es tun: Amerikanische Konservative scheinen jetzt die Art von Menschen zu sein, die solche Dinge glauben – braune Kinder in Konzentrationslager zu bringen ist eine gute Sache, weil es Trump dient und Trump Gott dient und Amerika ist Gottes verheißenes Land für die Reinen.

    Nichts davon hat sich geändert. Sie glauben immer noch das alles. Sie scheinen den Grundsätzen wirklich radikalisierter Glaubenssysteme auf immer härtere und extremere Weise zu glauben . Nehmen wir die Idee, die sich unter evangelischen Christen verbreitet, dass Trump eine Art religiöser Held ist . Nehmen Sie QAnon, der besagt – wenn Sie es noch nicht wissen -, dass Hillary Clinton die Gesichter der Kinder filetiert hat , um ihr adrenalisiertes Blut zu ernten und zu trinken, um für immer jung zu bleiben.

    Der einfachste Weg, den radikalen Verstand zu verstehen, ist jedoch eine sehr einfache Frage. Was ist der Rest von uns für die Radikalisierten? Die Antwort auf diese Frage ist normalerweise so einfach wie aufschlussreich. Nimm einen radikalisierten Muslim. Was ist der Rest von uns? Ungläubige. Wohin gehen wir? Hölle. Was verdienen wir hier auf Erden? Nichts . Außer vielleicht Leiden, Schmerz und Hass.

    Stellen wir nun die Frage für amerikanische Konservative. Was ist der Rest von uns für sie? Mit dem Rest von uns meine ich uns alle . Und hier wird es wirklich hässlich, sehr schnell. Sie scheinen zu denken, dass Minderheiten rassisch unterlegen sind, was bedeutet, dass sie genetisch, mental, kulturell und sozial unterlegen sind. Die LGBTsind Heiden, gottlose Menschen, was natürlich auch Minderheiten sind. Liberale sind „Feinde des Volkes“, wie jeder auf „ihrer Seite“, von Journalisten über Intellektuelle bis hin zu Politikern. Aber Oppositionspolitiker sind die schlimmsten von allen. Sie sind Verräter, die „die Wahlen gestohlen haben“, und sie verdienen jede Strafe, die ihnen bevorsteht, auch wenn es sich um einen Staatsstreich handelt, dessen Ziel es zu sein schien, sie zu massakrieren.

    Denken Sie an all das. Was sagt es, dass die überwiegende Mehrheit der amerikanischen Konservativen den Putsch unterstützt hat? Dass Trumps Unterstützung danach stieg ? Zu einer sozialen Gruppe, die bereits mehr mit den Einstellungen der Taliban gemein hat als beispielsweise Weiße in Europa oder Kanada? Es heißt, dass sie schneller radikalisiert werden, als Sie oder ich blinzeln können.

    Nehmen Sie noch einmal das Beispiel von QAnon. Wenn ich Ihnen vor ein oder zwei Jahrzehnten gesagt hätte, dass viele der durchschnittlichen amerikanischen Konservativen geglaubt hätten, Hillary führe satanische Rituale durch, bei denen sie Kindergesichter zerschneidet, um ihr adrenalisiertes Blut zu trinken, damit sie für immer jung bleibt… auf die die Juden Weltraumlaser schießen Amerika … dass Liberale Pädophile sind, die Satan verehren … Sie hätten mich wahrscheinlich ausgelacht. Aber jetzt lacht niemand mehr . Wie viele Konservative glauben solche Dinge? Die einzig richtige Antwort darauf lautet: viel zu viele: 56% der Republikaner glauben an einen Teil von QAnon. Mehr als die Hälfte. Denk darüber nach.

    Die Grundprinzipien eines radikalisierten Glaubenssystems steigen und verhärten sich unter amerikanischen Konservativen schnell. Die Idee, dass Gewalt etwas zu bewundern ist, weil sie die Schwachen von den Starken trennt. Die Idee, dass eine bestimmte Gruppe von Auserwählten von Gott dazu bestimmt wurde, über die anderen zu herrschen, die minderwertig sind. Das Gefühl, dass sie wegen ihres Adels und Heldentums von unsichtbaren und bösartigen Feinden verfolgt wurden – die in einer endgültigen Lösung beseitigt werden müssen. Die Vorstellung, dass Demokratie selbst etwas zu verachten ist, und die Regel des Religionsrechts und die bloße Brutalität sollten geschätzt werden. Die Rechtfertigung all dessen mit zunehmend bizarren, gruseligen und grotesken Lügen – deren einziger wirklicher Zweck darin besteht, Konservative vor hässlichen Wahrheiten wie zu schützenniemand anderes ist gewalttätig oder gefährlich oder hasserfüllt hier als sie .

    Sie könnten sich sagen: „Radikalisierung ist nicht das richtige Wort. War das konservative Amerika nicht immer ziemlich schrecklich? “ Du liegst nicht falsch. Was hier passiert, ist nicht die Entwicklung eines neuen Glaubenssystems, sondern die Umkehrung zu einem alten. Und in diesem Fall überhaupt nicht sehr alt. Bis 1971 (dem Ende der Segregation) war Amerika, wie ich glaube, viel bekannter und verständlicher sein sollte, der größte Apartheidstaat der Welt. Südafrika war vergleichsweise nur ein Ausrutscher.

    Das war vor weniger als einem Leben. Und es ist klar, dass sich viele Amerikaner nie über das Glaubenssystem der Zeitalter der Sklaverei und Segregation hinaus entwickelt haben – das Glaubenssystem der Vorherrschaft und des Hasses, gerechtfertigt durch Religion, Ausnahmezustand und Patriotismus. Das konservative Amerika scheint wieder dorthin zurückzukehren, wo es vor 1971 war, vielleicht sogar lange zuvor. Es ist eine soziale Gruppe, in der gerade alles läuft .

    Ich mache keine Witze darüber. Wer wählt nach den Konzentrationslagern wieder einen Präsidenten, Gestapos, Kinder in Käfigen, Schläge, Verschwindenlassen, die Lehrbuchsequenz des Faschismus? Konservative Amerikaner. Trumps Anteil an den weißen Wählern Amerikas stieg von 2016 bis 2020.

    Viele (nicht alle) Amerikaner auf der linken Seite haben das Gefühl: Jetzt, wo Biden gewonnen hat, ist alles in Ordnung. Aber das ist, wie das Amtsenthebungsverfahren gezeigt hat , sehr, sehr falsch. Warum ist die GOP immer noch Trumps Partei? Warum entschuldigte sich Mitch McConnell mit mehligem Mund für den Freispruch ? Da die GOP hat Trump Partei sein. Republikanische Wähler halten ihre Füße ans Feuer. Weil das konservative Amerika radikalisiert wird, hat die GOP keine andere Wahl, als eine geradezu extremistische Partei zu sein, die jede schlechte Idee in der Geschichte der Menschheit unterstützt, vom Faschismus bis zur Theokratie.

    Und das sind sehr schlechte Nachrichten. Weil Fanatiker und Extremisten, die die Demokratie aufgegeben haben, normalerweise nicht mit ihren Werkzeugen kämpfen. Sie greifen auf mehr, na ja, extreme Methoden zurück. Waffen und Bomben. Terror und Einschüchterung. Gewalt und Brutalität. Dummheit und Hass. Eine Welle von allem, was jetzt auf dem Plan steht, einfach weil Millionen von Amerikanern einer Gehirnwäsche unterzogen wurden, um zu glauben, dass all das in Ordnung ist. Ihre Prediger sagen ihnen, dass es so ist. Ihre Journalisten verstärken die Botschaft. Ihre Intellektuellen rechtfertigen es. Ihre Politiker feuern alles an. Wer bleibt übrig, um sie zur Vernunft zu führen? Niemand .

    So viele, viele Gesellschaften sind gefallen. So entstanden die Taliban. Auf diese Weise wurde die muslimische Welt zu einer Brutstätte für Verrücktheit und gescheiterte Staaten. So wurde Russland zum Mafia-Staat, wie es heute ist. Es ist die Geschichte der Menschheitsgeschichte, immer und immer wieder.

    Verlassen Sie sich nicht auf Demokratie, wenn die andere Seite sie bereits aufgegeben hat. Die zu erledigende Arbeit geht weit über das bloße Verlassen auf Demokratie hinaus, wenn die andere Seite glaubt , dass es das Problem ist und die Lösung eine endgültige ist .

    Welche Art von Arbeit ist das? Es geht um Wirtschaft, Kultur, Soziales und darum, Normen, Werte, Codes, Ideen in jedem Lebensbereich und in jedem Aspekt der Gesellschaft zu ändern. Und dann, langsam, vielleicht, nur vielleicht, ändern sich auch die Gedanken .

    Und als jemand, der zuvor Radikalisierung gelebt hat, weiß ich so viel. Wenn es nicht gestoppt wird, mit einer Grundwelle, schnell und sicher, überwältigt es ein Land – Schnappschuss !! – so wie das. Ich denke, dass gute Amerikaner im Moment ihre Selbstgefälligkeit und Apathie an der Tür überprüfen müssen – nein, Biden wird nicht auf magische Weise alles reparieren – und ernsthaft verstehen müssen, wie viel Ärger ihr Land wirklich hat. Denn die Antwort lautet: viel , viel mehr, als sie noch wirklich vollständig zu erfassen scheinen.

    Umair 

    Februar 2021

    Rassismus im Alltag: Rocky Mount in Virginia

     

  • Warum ich am 26.9.2021 doch die SPD wähle

    • Weil nach den Umfragen Die Grünen keine Chance auf die relative Mehrheit haben.

    • Weil der Abschied von der Agenda 2010 im Rot/Grünen Bündnis von 1998-2005 endlich der Vergangenheit angehören muss mitsamt Neoliberalismus in Wirtschaft, Finanzen, im Sozialen und in der Kultur.

    • Weil der Einfluss dieser Ideen Fischers/Schröders und ihrer Entourage durch eine neue Generation von Politiker:innen als Irrtum erkannt werden muss – wenn sich für diesen Fehltritt wohl auch niemand der Alten entschuldigen wird.

    • Weil diese 20jährige Altlast nur durch eine gemeinsame große Anstrengung von Grün/Rot, die sie verursachte, und mit neuem Regierungspersonal ausgeräumt werden kann.

    • Weil das konservative Bürgertum und ihre Milliardäre des militärisch-industriellen Komplexes im Carbon gebunden sind und mit ihr ihre Frontorganisationen CDU/ CSU/FDP.

    • Weil Rot/Grün offenbar mit dem Club of Rome inzwischen erkannt hat, was notwendig ist, um das Überleben des Planeten und unseren Wohlstand zu sichern: Eine radikale Veränderung der Weltwirtschaft.

    1.Radikale Energiewende: Laut Bericht sei es notwendig, dass wie ab dem Jahr 2020 alle zehn Jahre den Ausstoß fossiler Brennstoffe halbieren.

    2. Nachhaltige Lebensmittelproduktion: Dies sei dringend nötig, damit 2050 geschätzte zehn Milliarden Menschen ernährt werden könnten.

    3. Faire globale Steuersysteme zum Abbau von Ungleichheit: Die reichsten zehn Prozent der Erde dürfen zusammen nicht mehr als 40 Prozent des Weltvermögens besitzen.

    4. Neue Wachstumsmodelle für ärmere Länder

    5. Hohe Investitionen in Bildung, Geschlechtergerechtigkeit, Gesundheit und Familien

    6. Weil nur Rot/Grün den radikalen Antifaschismus versprechen, der die innere und außenpolitische Friedenssicherung garantiert.

    Warum ich Tim Klüssendorf wähle:

    Weil ich einen verlässlichen Botschafter Lübecks im Bundestag wünsche. Weil die Klammer des Lübecker Bürgermeisters und seines Botschafters in Berlin zur Durchsetzung der Interessen der Europäischen Stadt Lübeck gestärkt werden muss.

     

  • Der neue Oberste Gerichtshof der Republikaner

     

     

     

    MITTWOCH, 1. SEPTEMBER 2021

     

     

     

    www.robertreich.org

    Der Oberste Gerichtshof der USA

     

    wird ein texanisches Gesetz nicht blockieren , das es Privatpersonen erlaubt, ein Abtreibungsverbot nach etwa sechs Schwangerschaftswochen durchzusetzen – bevor viele Frauen überhaupt wissen, dass sie schwanger sind. Das Gesetz trat am Mittwoch, 1. 9.2021 in Kraft.

    Es ist das restriktivste Abtreibungsgesetz des Landes, das Frauen ohne die Mittel oder das Geld eine enorme Last auferlegt, in einen anderen Staat zu reisen, in dem spätere Abtreibungen legal sind.

    Es ist auch ein Zeichen dafür, dass die von den Republikanern ernannten Richter, die jetzt sechs von neun Sitzen im Gericht innehaben, bereit sind, die Entscheidung des Gerichts im Fall Roe gegen Wade von 1973 aufzuheben und landesweit Anti-Abtreibungsgesetze als Verstoß gegen das Recht einer Frau abzulehnen zum Schutz der Privatsphäre im Rahmen der vierzehnten Verfassungsänderung.

    Letzte Woche entschied das Gericht, dass Bidens Moratorium für Räumungen rechtswidrig sei. Wenige Tage zuvor weigerte sie sich, eine untergeordnete Gerichtsentscheidung auszusetzen, dass Asylsuchende an der Südgrenze in Mexiko bleiben müssen, bis ihre Fälle verhandelt werden – oft unter großer Härte oder Gewalt.

    Was verbindet diese Fälle? Grausamkeit gegenüber den Machtlosen.

    Ich erinnere mich an einen ganz anderen Obersten Gerichtshof, vor dem ich vor fast fünfzig Jahren die Ehre hatte, in Fällen zu argumentieren. Es verkörperte die Idee, dass die grundlegende Rolle des Gerichtshofs darin besteht, die Waage zugunsten der Machtlosen auszugleichen. Auf die anderen beiden Regierungszweige kann man sich dabei nicht verlassen.

    Sogar die von Nixon ernannten Harry Blackmun, Lewis Powell und Warren Burger verstanden diese Rolle. Blackmun schrieb die Entscheidung des Gerichts in Roe v. Wade , und Powell und Burger schlossen sich ihm an, ebenso wie vier demokratische Beauftragte des Gerichts – William O. Douglas, Thurgood Marshall, William Brennan und Potter Stewart.

    Die Fälle, von denen ich argumentierte, waren unbedeutend. Ich war ein Neuling im Justizministerium, dem entweder sichere Gewinner oder sichere Verlierer zur Diskussion gestellt wurden. Aber ich erinnere mich lebhaft an Douglas, der kürzlich einen Schlaganfall erlitten hatte und sich offensichtlich unwohl fühlte und mich scharf ansah, als ich meine Argumente vorbrachte.

    Ich war beeindruckt. Hier war der Richter, der die Entscheidung von 1965 in Griswold v. Connecticut verfasste und feststellte, dass ein verfassungsmäßiges Recht auf Privatsphäre Staaten verbietet, Verhütung zu verbieten. Der Mann, der behauptete, der Vietnamkrieg sei illegal, erließ einen Befehl, der die Entsendung von Armee-Reservisten nach Vietnam vorübergehend blockierte.

    Der Richter, der 1972 im Fall Sierra Club v. Morton schrieb, dass jeder Teil der Natur, der den zerstörerischen Druck der modernen Technologie spürt, vor Gericht klagen muss – einschließlich Flüsse, Seen, Bäume und sogar die Luft – denn wenn Unternehmen (die juristische Fiktionen) einen Stellenwert haben, sollte dieses Recht der Natur nicht zustehen?

    Nicht weit weg von ihm saß Thurgood Marshall – , die 1954 im Fall Brown v. Board of Education. , urteilte, dass die Rassentrennung in öffentlichen Schulen verfassungswidrig ist, und der mehr als jeder andere Lebende dazu beigetragen hat, das schändliche Rechtsgebäude von Jim Crow niederzureißen (Zwischen 1890 und 1910 entzog man der „schwarzen“ Bevölkerung in den Südstaaten das Wahlrecht und verwehrte ihnen so das Recht auf Mitbestimmung).

    Die heutige Mehrheit des Obersten Gerichtshofs besteht aus einer Gruppe reflexartiger Konservativer, deren intellektueller Führer (sofern sie einen haben) Samuel Alito ist, der vielleicht konzeptionell starrste und kognitiv unehrlichste Richter seit dem Obersten Richter Roger Taney.

    Fünf der heutigen Mehrheitsgruppe des Obersten Gerichtshofs wurden von Präsidenten ernannt, die die Volksabstimmung verloren hatten; drei von ihnen von einem Präsidenten, der einen Putsch gegen die Vereinigten Staaten angezettelt hat.

    Die Autorität des Obersten Gerichtshofs leitet sich ausschließlich aus dem Vertrauen der Amerikaner in ihn ab. Wie Alexander Hamilton in The Federalist Papers 78 schrieb, hat die Justiz „weder das Schwert“ (die Macht der Exekutive, Maßnahmen zu erzwingen) „noch den Geldbeutel“ (die Macht des Kongresses, Gelder bereitzustellen).

    Das Gericht, vor dem ich vor fast fünfzig Jahren das Privileg hatte, argumentieren zu dürfen, hatte bedeutende Autorität. Es schützte die weniger Mächtigen mit Argumenten, die mit den grundlegenden moralischen Werten der Nation übereinstimmten. Die Amerikaner waren mit seinen Schlussfolgerungen nicht immer einverstanden, aber sie respektierten es.

    Der grausame und parteiische Oberste Gerichtshof von heute vergeudet, was von seiner Autorität noch übrig ist. Außerdem wird denjenigen, die es am wenigsten ertragen können, unnötiges Leid auferlegt.

  • Wie Trumps Putschversuch noch gelingen könnte

     

     

     

     

     

    SONNTAG, 5. SEPTEMBER 2021

    Der Putschversuch des ehemaligen Präsidenten hört nicht auf. Er weigert sich immer noch, Zugeständnisse zu machen und bringt seine Unterstützer weiterhin mit seiner gefälschten Behauptung auf, dass die Wahlen 2020 gestohlen wurden. Millionen Amerikaner glauben ihm.

    Letzten Sonntag nannte der Kongressabgeordnete Madison Cawthorn bei einer republikanischen Veranstaltung in Franklin, North Carolina, Trumps große Lüge wiederholend, die Randalierer, die am 6. Januar das Kapitol stürmten, „ politische Geiseln“.  

    Cawthorn riet der Menge auch, damit zu beginnen, Munition für das zu lagern, was seiner Meinung nach wahrscheinlich ein amerikanisch-amerikanisches „Blutvergießen“ wegen ungünstiger Wahlergebnisse ist.

    „So viel ich bereit bin, unsere Freiheit um jeden Preis zu verteidigen“, sagte er, „es gibt nichts, was ich mehr fürchten würde, als gegen einen amerikanischen Landsmann zu den Waffen zu greifen.“

    Am Dienstag verabschiedeten die texanischen Republikaner ein strenges Wählergesetz, das auf Trumps großer Lüge basiert – neue Ausweispflichten für Personen, die per Briefwahl wählen wollen, und strafrechtliche Sanktionen für Wahlbeamte, die unaufgefordert Briefwahlanträge senden, parteiische Wahlbeobachter bevollmächtigen und Autofahren verbieten.

    In diesem Jahr haben mindestens 18 weitere Bundesstaaten 30 Gesetze erlassen, die es den Amerikanern erschweren, abzustimmen, basierend auf Trumps Lüge.

    Am Donnerstag leiteten die Republikaner von Pennsylvania auf Veranlassung von Trump eine Untersuchung ein, um eine eidesstattliche Aussage zu „Unregelmäßigkeiten bei den Wahlen“ zu erbitten, und planten die erste Anhörung für nächste Woche.

    Arizonas republikanisches „Audit“ wird seine Ergebnisse jeden Tag veröffentlichen, aber es besteht kein Zweifel, was sie zeigen werden.

    Der CEO der Cyber Ninjas, der mit der Durchführung beauftragten Firma, hat die Wahlergebnisse öffentlich in Frage gestellt, und das Prüfungsteam besteht aus Trump-Anhängern und wird von einer Gruppe unter der Leitung von Trumps erstem nationalen Sicherheitsberater Michael Flynn finanziert.

    Der republikanische Vorsitzende des Wahlkampf- und Wahlausschusses des US-Bundesstaates Wisconsin hat „eine vollständige, cyber-forensische Prüfung“ begonnen, ähnlich der in Arizona. Trumps erster Stabschef im Weißen Haus, Reince Priebus, sagte, die Republikaner in Wisconsin seien bereit, 680.000 Dollar dafür auszugeben.

    Diese sogenannten Audits werden den Ausgang der Wahlen 2020 nicht ändern. Ihr Ziel ist es, seine Legitimität weiter in Frage zu stellen und zusätzliche staatliche Maßnahmen zu rechtfertigen, um Stimmen zu unterdrücken und zukünftige Wahlen zu verändern.

    Es ist ein Teufelskreis. Während Trump seine Basis weiterhin mit seiner großen Lüge anheizt, dass die Wahl gestohlen wurde, heizen republikanische Abgeordnete – um ihre Karriere voranzutreiben und die GOP zu verankern – das Feuer an und treiben mehr Amerikaner in Trumps paranoiden Albtraum.

    Die drei Spitzenkandidaten für die Nachfolge von Richard Burr in North Carolina verurteilten alle die Abstimmung des Senators, Trump in seinem letzten Amtsenthebungsverfahren zu verurteilen. Die vier führenden Kandidaten für die Nachfolge von Pat Toomey in Pennsylvania folgten alle Trumps Forderung nach einer „Prüfung“ der Wahlergebnisse.

    Ein führender Anwärter auf den von Richard Shelby geräumten Senatssitz in Alabama ist der Abgeordnete Mo Brooks, der am besten dafür bekannt ist, dass er die Menge bei Trumps Kundgebung vor dem Aufstand im Kapitol aufforderte, „Namen niederzureißen und ihnen in den Hintern zu treten“. Brooks wurde von Trump unterstützt.

    Doch selbst als Trumps Putschversuch an Fahrt gewinnt, schläft der Rest Amerikas weiter. Wir sind so empört und übermüdet von seinen Possen und so beschäftigt mit den unmittelbareren Bedrohungen der Delta-Variante und klimabedingten Waldbränden und Wirbelstürmen, dass wir es vorziehen, wegzuschauen.

    Vor einem Monat wurde berichtet, dass Trump während seiner letzten Wochen im Amt versucht hat, das Justizministerium zu stärken, um fälschlicherweise zu erklären, dass die Präsidentschaftswahlen 2020 betrügerisch waren, und sogar drohte, den amtierenden Generalstaatsanwalt zu entlassen, wenn er es nicht täte, zu erklären, dass die Wahlen korrupt waren und den Rest mir und den [republikanischen] Kongressabgeordneten überlassen soll.“

    Diese Nachrichten wurden in Amerikas kollektivem Bewusstsein kaum registriert. Die Olympischen Spiele und die Verhandlungen über das Infrastrukturgesetz erhielten mehr Aufmerksamkeit.

    Ein Top-Trump-Berater sagt nun, Trump werde 2024 „ definitiv “ für das Präsidentenamt kandidieren. Das 14.  Bundesgesetz, aas den Gesetzen zur Unterdrückung von Wählern in den Bundesstaaten zuvorkommen soll, steckt im Senat fest. Biden hat es nicht zur obersten Priorität erklärt.

    Ein Sonderausschuss des Repräsentantenhauses zur Untersuchung des Kapitol-Aufstands vom 6. Januar und der möglichen Rolle von Trump ist kaum in Gang gekommen. Das US-Justizministerium hat nichts unternommen, um den ehemaligen Präsidenten wegen irgendetwas anzuklagen.

    Aber wenn Trump und seine Mitverschwörer nicht für den Schaden zur Rechenschaft gezogen werden, den sie der amerikanischen Demokratie zugefügt haben und weiterhin zufügen, und wenn die Demokraten im Senat und Biden nicht bald nationale Stimmrechtsgesetze erlassen, könnte Trumps Putschversuch schließlich erfolgreich sein.

    Es ist zwingend notwendig, dass Amerika aufwacht.

    www.robertreich.org

  • Afghanistan: Grenzenlose Dummheit-Grenzenlose Verzweiflung

    Afghanistan: Grenzenlose Dummheit-Grenzenlose Verzweiflung

     

     

     

     

    Das völkerrechtswidrige Verhalten des Kriegstreibers Deutschland kostete Menschenleben, war ziellos, ergebnislos und durch den tölpelhaften Abzug verbrecherisch. Denn es hinterlässt tote Soldat:innen und geopolitisch den Reichtum Afghanistans an in 20 Jahren herangebildeten Einwohner:innen und wertvollen Rohstoffen der Einflusssphäre Chinas: ein geopolitisches Desaster. Unsere Regierung aus CDU/SPD verweigert nach alledem auch noch das Menschenrecht auf Asyl. Barbarisch!

     

    Die Menschenrechtslüge: Michael Lüders Afghanistan….
    Handelsblatt vom 17.08.2021

    Die Schande der Taliban. Die Zeit 19.08.21 Nr.34 S.1

    Besatzer nicht Befreier. Freitag 19.8.21
    NZZ Gescheiterter Einsatz in Afghanistan

    Scholl-Latour: Siegen in Afghanistan? https://youtu.be/LRWi6jn7yuQ

     

     

  • Kriegsschuldlüge  und Weimarer Republik

    Kriegsschuldlüge und Weimarer Republik

    Weimarer Republik

    Ehre und Schande

    In der Weimarer Republik blüht die „Cancel Culture“ im rechten Lager: Die Radikalnationalen ächten jeden, der den Versailler Vertrag verteidigt, als „Vaterlandsverräter“.

    Von Frank Werner

    18. April 2021, 12:38 Uhr ZEIT Geschichte Nr. 2/2021, 23. März 2021

    Die Weimarer Republik ist gerade zwei Wochen alt, da landet Kurt Eisner den größten Enthüllungscoup ihrer Geschichte. Am 23. November 1918 lanciert der bayerische Ministerpräsident Auszüge aus den Geheimakten der königlichen Gesandtschaft in Berlin an die Presse.

    Die deutsche Öffentlichkeit erfährt, wie die Reichsregierung im Sommer 1914 vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs mit dem Feuer spielte und den österreichisch-serbischen Konflikt bewusst eskalierte. Eisners Indiskretion entfacht einen Sturm der Entrüstung. Das Kainsmal des Landesverräters klebt an ihm.

    Es ist der Auftakt einer rigorosen Verleumdungskampagne, die jedes auch nur halbwegs neutrale Urteil über die deutsche Kriegsschuld und den Versailler Vertrag als Versündigung am Vaterland geißelt – und so das politische Klima der Republik vergiftet. Wer den alliierten Vorwurf der Kriegsschuld nicht mit hellauf empörter Stimme zurückweist, beschmutzt aus Sicht der rechten Republikgegner das nationale Nest. Er kann sich nicht darauf berufen, nur seine Meinung gesagt zu haben, denn „Landesverrat“ ist keine Meinung. Ein solcher Akt verdient keine Widerrede, sondern den öffentlichen Pranger – oder den Tod.

    Ein gutes halbes Jahr nach Eisners Enthüllung, am 31. Juli 1919, verabschiedet die Nationalversammlung die Weimarer Verfassung. Der Grundrechtekatalog ist umfassend, die Meinungsfreiheit garantiert. Aber was nützt das, wenn eine Debatte gar nicht geführt, sondern im Keim erstickt werden soll? Wenn es nicht darum geht, das Argument des Gegners zu erschüttern, sondern Als die Nationalversammlung kurz zuvor am 23. Juni über den Versailler Vertrag debattiert, erleben die Parlamentarier, wie Abgeordnete der nationalliberalen Deutschen Volkspartei (DVP) und der rechtskonservativen Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) ihren Widersachern, den Befürwortern der Unterzeichnung, ausdrücklich vaterländische Motive zubilligen. Eine noble Geste, Fair Play in Weimar. Ein beinahe surrealer Moment.

    Zwei Wochen darauf, am 9. Juli, wird der Vertrag ratifiziert, mit den Stimmen von SPD, Unabhängigen Sozialdemokraten und Zentrum – jenen Parteien, die schon im Kaiserreich als „innere Reichsfeinde“ und „vaterlandslose Gesellen“ galten. In diese Kerbe schlagen nun die Deutschnationalen. Fortan schmettert die DNVP den Sozialdemokraten immer wieder entgegen, die „Schuldlüge“ auf sich genommen zu haben, weil ihr Hass auf das Kaiserreich größer sei als ihre „Treue zum Vaterland“.

    Mit der hämmernden Revisionspropaganda gegen Versailles arbeiten die Kaiserlich-Konservativen und die Radikalnationalen an ihrem Comeback. Das Thema ist gut gewählt, denn die Ablehnung des Friedensvertrags ist mehrheitsfähig, vor allem der Kriegsschuldvorwurf gilt weithin als Skandal. Nicht nur im Parlament setzt die Opposition die Vertreter der Weimarer Koalition unter Druck. Den Ton gibt eine öffentliche Kampagne an, gefördert vom Auswärtigen Amt und orchestriert vom Arbeitsausschuss Deutscher Verbände, einer Propagandazentrale, die auch scheinbar unpolitische Organisationen wie die Caritas oder den Städtebund gegen

    Eine Welle von Publikationen prangert die „Kriegsschuldlüge“ an, während Gutachten, die den aggressiven Kurs der deutschen Regierung belegen, unveröffentlicht bleiben. An Litfaßsäulen, in Schaufenstern, im Kino, auf Wanderausstellungen und Massenkundgebungen, der Protest ist allgegenwärtig – und die Diktion eindeutig: Nicht von der selbst verschuldeten Niederlage ist die Rede, sondern vom „Schandfrieden“, von der „Schmach“ oder, unter Antisemiten, vom „Talmud-Diktat“. Schon einen Monat nach der Abstimmung über die Annahme des Vertrags beklagt der Zentrumspolitiker Heinrich Brauns, die Begriffe seien zu Waffen geworden: „Man hat das Schlagwort vom ‚Schmachfrieden‘ geprägt; wie es scheint, auch nicht ohne Absicht, damit politische Geschäfte zu machen.“

    Die Gegner der Republik wollen mit ihrer Agitation wieder salonfähig werden – und die Demokraten als Verantwortliche für die Katastrophe kompromittieren. Prominente Republikaner werden als „Novemberverbrecher“ oder „Erfüllungspolitiker“ diffamiert. Ein Plakatentwurf von 1919 fordert: „Man nagle sie zu ihrer Schand mit ihrer Unterschriften-Hand an eine öffentliche Wand!“ – zu sehen sind Außenminister Hermann Müller (SPD) und Kabinettskollege Johannes Bell (Zentrum), die den Versailler Vertrag unterzeichnet haben. Auch Reichspräsident Friedrich Ebert muss sich des Verratsvorwurfs erwehren; Finanzminister Matthias Erzberger, der im November 1918 den Waffenstillstand besiegelt hat, wird vom Deutschnationalen Karl Helfferich in einer Serie von Zeitungsartikeln als „Reichsverderber“ an den Schandpfahl gestellt.

    Die Demokraten sind keine echten Männer, sondern „Drückeberger“

    Hassrede und Gewalt liegen in der Weimarer Republik eng beieinander. Helfferichs Parole „Fort mit Erzberger“ nehmen Rechtsterroristen beim Wort und ermorden den Zentrumspolitiker im August 1921. Auch Kurt Eisner fällt 1919 einem Attentat zum Opfer, ebenso wie 1922 Außenminister Walther Rathenau.

    Erzberger hatte der rechten Legende vom „Dolchstoß“ entschieden widersprochen. Im Juli 1919 hielt er den Kaisertreuen entgegen, dass die Weimarer Koalition die Schuld der anderen büße, der „allmächtigen Militärs“, die den Frieden 1917 in ihren Siegträumen verschenkt hätten. Doch es wird immer schwieriger für die Republikaner, die Realität gegen die anschwellende Empörungspropaganda zu verteidigen.

    Die Rechtsnationalen attackieren auf einem Feld, auf dem die Demokraten nur schwer widersprechen können, ohne ihr Ansehen als Patrioten zu gefährden. Im Kampf um die „Ehre“ der Nation gibt es – ähnlich wie im Sommer 1914 – kaum zwei Meinungen; die Grenzen des Sagbaren sind eng gezogen. Selbst ein Kritiker des wilhelminischen Militarismus wie der Historiker Hans Delbrück prangert öffentlich an, die Sieger hätten Deutschland nicht nur territorial „verstümmelt“, sondern durch den Kriegsschuldvorwurf versucht, „unsere nationale Ehre zu schänden und uns in Kreisen der Kulturvölker als ein Verbrechervolk zu kennzeichnen“.

    Wer in Regierungsverantwortung steht und Realpolitik betreiben muss, hat in diesem Reizklima kaum Chancen, ein abwägendes Urteil zu fällen. „Es war für die demokratischen Parteien, allen voran die SPD, schwer, wenn nicht unmöglich, eine differenzierte Bewertung des Versailler Vertrags zu entwickeln“, konstatiert der Historiker Eckart Conze. Ging es um „Ehre“ und „Schande“, blieb wenig Raum für nüchterne Zwischentöne, geschweige denn für konstruktive Politik.

    Eine Debatte, wie man die Reparationslasten so erträglich wie möglich gestalten könnte, wollen die Rechtsnationalen auch gar nicht führen. Ihr Ziel ist, den Demokraten die Diskussionswürdigkeit abzusprechen – sie so zu verunglimpfen, dass man sich gar nicht die Mühe machen muss, ihre Argumente anzuhören, weil sie wahlweise „Landesverräter“ oder, ein nicht weniger beliebter Vorwurf, „Weibsbilder“ sind.

    Die Historikerin Martina Kessel hat gezeigt, wie vor allem die Nationalsozialisten die Sprache der Geschlechter beherrschen, um die Republik als „Schwatzbude“ und die Demokraten als „weibische Drückeberger“ zu desavouieren. „Die Schwätzer haben zu schweigen; die Männer allein zu bestimmen. Politische Deserteure und hysterische Weiber beiderlei Geschlechts müssen ausgeschifft werden“, pöbelt der spätere SA-Chef Ernst Röhm. Nach Jahrzehnten der Verherrlichung einer soldatischen Männlichkeit und dem jähen Absturz aus dieser Traumwelt fällt eine solche Ehrabschneiderei auf fruchtbaren Boden: Wem der Ruf des Unsoldatischen und Unmännlichen anhaftet, der steht schnell im Verdacht, den „Dolchstoß“ in den Rücken des Heeres persönlich geführt zu haben.

    Auf der Suche nach Sündenböcken für die Niederlage schmähen die Antidemokraten „Frau Republik“ als wankelmütig – und die parlamentarische Debatte als kraftlos und unmännlich. Vergeblich fordert der DVP-Vorsitzende Gustav Stresemann, den Versuch des Interessenausgleichs seiner Partei nicht als „Politik des schwächlichen Kompromisses“ zu verdammen. Denn wie schwach und lächerlich wirken sie, die Spitzen der Republik, wie sie da in kurzen Badehosen im knietiefen Wasser stehen? Ein der Presse zugespieltes Foto zeigt Ebert und Reichswehrminister Gustav Noske beim anscheinend vergnüglichen Bad in der Ostsee, drei Wochen nach Unterzeichnung des Versailler Vertrages. Die Deutsche Tageszeitung lästert über die zur Schau gestellte „Mannesschönheit“, eine Postkarte kontrastiert die halb nackten Demokraten mit Kaiser Wilhelm II. und Hindenburg in Paradeuniform. Der Hannoversche Kurier sieht im ganz und gar unbewaffneten Reichswehrminister gar das Sinnbild für die in Versailles gedemütigte Nation.

    Der Anpassungsdruck, in den rechten Ehrenchor einzustimmen

    Immer wieder Versailles. Im Laufe der Jahre verschafft die Polemik gegen den „Schandfrieden“ und die „Schuldlüge“ den Rechten moralische Lufthoheit über die Republik. Der Sozialdemokrat Eduard Bernstein beklagt 1924 gegenüber seinem Parteigenossen Karl Kautsky, die eigenen Leute seien der Unschuldspropaganda „beinahe waffenlos ausgeliefert“ – es sei ein Leichtes, so „den Massen plausibel zu machen, daß das Kaisertum zu Unrecht gestürzt worden und die ‚Judenrepublik‘ und ihre Erfüllungspolitik an allem Übel schuld seien, unter dem Deutschland leide“.

    Bernstein hat auf dem SPD-Parteitag 1919 selbst erfahren müssen, welche Reaktionen es auslöst, wenn die Kriegsschuld nicht in Bausch und Bogen geleugnet wird. Er hatte an die Genossen appelliert, sich von alten Ehrbegriffen zu befreien und die Frage nach „Schuld und Verantwortung“ kritisch zu stellen. Parteiführung und Delegierte hätten ihn „förmlich niedergemacht“, schreibt der Historiker Heinrich August Winkler.

    Stimmen der Vernunft wie Bernstein werden in den späten Jahren der Republik immer seltener und leiser. Vor allem die bürgerlichen Parteien glauben, Rücksicht auf die nationale Empfindlichkeit nehmen zu müssen. Vom Vorhaben, einen Staatsgerichtshof zur Verfolgung der Kriegsschuldigen einzurichten, waren Zentrum und DDP schon im Frühjahr 1919 abgerückt, um „weitere Reizungen im Innern“ zu vermeiden, wie es im Protokoll der Nationalversammlung heißt. Bei den Sozialdemokraten mühte sich vor allem Außenminister Hermann Müller, seine Kritiker zu beschwichtigen: Wenige Tage nachdem er den Vertrag unterzeichnet hatte, pestete er in der Ratifizierungsdebatte gegen die „vertraggewordene Vergewaltigung“ – ganz im Stil seiner Verleumder.

    Zehn Jahre darauf, am 28. Juni 1929, ist Müller Reichskanzler und die Ächtung der „Kriegsschuldlüge“ längst ein Ritual. Zum zehnten Jahrestag der Vertragsunterzeichnung scheut der Sozialdemokrat sogar den Schulterschluss mit Reichspräsident Hindenburg nicht – die beiden rufen gemeinsam zur Trauerkundgebung auf.

    In der Skandalisierung von Versailles treffen sich Rechts und Links, selbst die KPD agitiert gegen die „Versklavung der Werktätigen“ und verspricht für den Fall der Machtübernahme, den „räuberischen Friedensvertrag“ zu „zerreißen“. Die Front der Ablehnung ist breit, die Tonlage laut und ehrpusselig emotional – realpolitische Einwände bleiben den Demokraten da meist im Halse stecken. Selten sind in den späten Jahren noch kritische Töne zu vernehmen. Zu den Standhaften, die sich dem Mainstream widersetzen, gehört Carl von Ossietzky, der im Juli 1929 in der Weltbühne für eine „leidenschaftslos vernünftige Betrachtung“ des Friedensvertrags wirbt und gegen die Revisionspropaganda stachelt: „Das Gerassel mit den Ketten von Versailles klingt immer blechener.“ Öffentlichen Beifall darf Ossietzky dafür allerdings nicht mehr erwarten. Die Demokraten bleiben in Deckung und versuchen, keine Angriffsfläche zu bieten.

    Meinungsfreiheit ist in Weimar ein hohes Gut, verbrieft in der Verfassung, gelebt in einer weltanschaulich diversen Demokratie. Aber echte Freiheit benötigt ein Mindestmaß an Toleranz, um die Debatte vor Diffamierungskampagnen zu schützen. Echter Streit beruht auf einem Konsens über Regeln und Grenzen. In einem radikalen Entweder-oder-Klima können sich Meinungen hingegen nur schwer entfalten. Als „unmöglich“ markierte Standpunkte fallen aus der Debatte. Die Gegner der Republik beherrschten diese Strategie der Ausgrenzung durch Etikettierung meisterhaft. Ihre aggressive Ressentimentkultur gegen Versailles und das Weimarer „System“ wurde so mächtig, dass sie die Demokraten in die Defensive drängte und in der symbolisch so wichtigen Frage der Kriegsschuld nahezu mundtot machte.

    Auf ihrem Leipziger Parteitag 1931 schwenkt die SPD endgültig auf den Rechtskurs ein, unter großem Beifall macht die Parteiführung die „Kriegsschuldlüge“ für die Last der Reparationen verantwortlich. Mahnende Stimmen, die vor einer Übernahme der rechten Rhetorik warnen, werden kaum noch gehört. Der Sozialdemokrat Rudolf Hilferding, unter Stresemann und Müller Finanzminister, attestiert den führenden Genossen im Februar 1932, der „nationalistischen Psychose“ endgültig anheimgefallen zu sein.

    Wie groß der Anpassungsdruck ist, in den rechten Ehrenchor einzustimmen, dafür gibt ausgerechnet Otto Wels in seiner mutigen Rede gegen das Ermächtigungsgesetz der Nationalsozialisten ein letztes Beispiel. Am 23. März 1933 stemmt der Sozialdemokrat sich im Reichstag gegen die Diktatur, zitiert Hitler aber ausdrücklich zustimmend, als es um Versailles und den „Wahnwitz der Reparationen“ geht. Wels fühlt sich selbst in dieser Stunde noch genötigt, daran zu erinnern, dass er 1919 „als erster Deutscher vor einem internationalen Forum […] der Unwahrheit von der Schuld Deutschlands am Ausbruch des Weltkrieges entgegengetreten“ sei.

    Am Ende behält sein Parteigenosse Eduard Bernstein recht. Der Versuch der Demokraten, sich die Anti-Versailles-Propaganda zu eigen zu machen, ist ein Lehrstück dafür, dass sich Rechtspopulisten nicht mit ihren eigenen Waffen schlagen lassen. Bernstein hat eine solch opportunistische Politik schon 1924 „selbstmörderisch“ genannt.

     

    Protokoll der Sitzung des Untersuchungsausschusses 1919

  • Weltpolitik – Zeitenwende


    Berlin 9.11.1989
    Suppreme Court : 21.1.2010 Citizens United v. Federal Election Commission
    Smolensk 10.4.2010

    Drei Ereignisse, die die Weltpolitik verändern.

    • Deutschland: Die Deutsche Revolution vom 9.11.1989 wird begraben unter dem Märchen vom Mauerfall. Wenn nur eine Mauer zwischen zwei Zimmern fällt, entsteht ein größerer Raum. Sonst nichts. Die Adresse bleibt. Die DDR als Staat ist verschwunden. Die BRD bleibt. Die DDR als Gesellschaft wird von der BRD zum 3.10.1992 kolonisiert. So entsteht das neue Deutschland. Die Beitrittsklausel des Art 23 GG wird gestrichen. Es bleibt beim Grundgesetz und kommt nicht zur gesamtdeutschen Verfassung.

     

    • USA: Der Supreme Court entscheidet am 21. Januar 2010, dass die Milliardäre der USA unbegrenzt Geldmittel für die Ihnen angenehmen Kandidaten auswerfen dürfen. Damit ändert sich die Qualität einer liberalen Volksver-fassung hin zu einer Meritokratie, d.h. eine Herrschaft des Geldes. Das Empire ist jetzt keine Volksdemokratie mehr. Das Märchen vom Land der Gleichen, oder vom Jedermann als Tellerwäscher, der Präsident werden kann, ist ausgeträumt.

     

    • Polen/Russland:Am 10.4.2010 stürzt in Smolensk die polnische Regierungsmaschine ab. Sämtliche Insassen werden getötet. Der Traum einer Verständigung der beiden Regierungen über die NKWD-Morde von Katyn ist damit ausgeträumt. Der Westen wendet sich von Russland ab. Russland wendet sich vom Westen ab. Präsident Putin kreiert seine neue krude Staatsphilosophie (Timothy Snyder, Der Weg in die Unfreiheit). Europa positioniert sich eigenständig rund um polnische Interessen. Das Märchen vom Attentat des Russischen Präsidenten auf die polnische Regierung ist geboren.

     

    Die Fakten bleiben: Die DDR existiert nicht mehr. Super PACs sind in den USA erlaubt. Das Regierungsflugzeug ist abgestürzt. Aber die Legenden blühen. Sie parzellieren die Wahrnehmung. 

  • Die Macht liegt woanders – jedenfalls nicht in der Bürgerschaft der Hansestadt Lübeck

    Die Macht liegt woanders – jedenfalls nicht in der Bürgerschaft der Hansestadt Lübeck

    Film von Stefan Tolz und Niko Remy-Richter aus 1989 führt in die politischen und gesellschaftlichen Konflikte der Grenzstadt Lübeck 1988 – ein Jahr vor der Deutschen Revolution. Nationale und internationale Atom- und Mülltransporte führten durch Lübeck. Dieser Umschlagplatz rückte – anders als die Weltstadt des Warenmarktes im Norden Europas der Hansezeit – ins Zentrum europäischer Atom- und Müllpolitik

    Die Macht liegt woanders

  • Faschismus – ohne Gegenwehr – aus Frankreich

     

    Wie der Faschismus sich hinter einer patriotischen Fassade verbirgt und – ohne Hinderung durch Zivilgesellschaft, Verfassungsgericht und sonstige staatliche Gegenwehr – die Präsidentschaft erobert, lernt man in dem Interview.

     

     

    Marine Le Pen

    „Also ja, Politik ist Gewalt“

     

    Die Rechtsextreme Marine Le Pen wird immer beliebter, 2022 könnte sie zur französischen Präsidentin gewählt werden. Ein Gespräch mit der einzigen Konkurrentin Emmanuel Macrons

    Interview: Elisabeth Raether und Annika Joeres

    5. Mai 2021, 11:39 Uhr Editiert am 7. Mai 2021, 8:52 Uhr DIE ZEIT Nr. 19/2021, 6. Mai 2021 90 Kommentare

    EXKLUSIV FÜR

    Die Parteichefin des Rassemblement National im März 2021 © Raphaël Lafargue/ ABACAPRESS/ ddp images

     

    INTERVIEW: MARINE LE PE

    Die Rechtsextreme Marine Le Pen wird immer beliebter, 2022 könnte sie zur französischen Präsidentin gewählt werden. Ein Gespräch mit der einzigen Konkurrentin Emmanuel Macrons

    Marine Le Pen empfängt uns in ihrem Abgeordnetenbüro in der Pariser Nationalversammlung. Sie trägt Schuhe mit sehr hohen Absätzen, sitzt an einem nicht besonders aufgeräumten Schreibtisch. Hinter ihr ragen drei enorme französische Flaggen empor, sie wirken viel zu groß für den Raum, in dem außerdem zwei Mitarbeiter an ihren Schreibtischen etwas in Computer tippen. Marine Le Pen blickt erwartungsvoll, höflich, wenn auch distanziert. Es wird kein Wort zu viel gewechselt, kein Kaffee eingeschenkt. Sie schießt die Antworten hervor, mit ihrer tiefen, kräftigen Stimme, sie redet schnell, eine Freude am Schlagabtausch ist ihr anzumerken. Zwischendurch ärgert sie sich doch über die beiden deutschen Journalistinnen, dann zieht sie an ihrer E-Zigarette. Die Pressesprecherin mahnt immer wieder zur Eile und beendet das Gespräch zehn Minuten vor der vereinbarten Zeit.

    DIE ZEIT: Madame Le Pen, in den Umfragen erreichen Sie im Moment an die 48 Prozent der Wählerstimmen. Sie könnten nächstes Jahr französische Präsidentin werden. In Deutschland ist aber kaum die Rede von Ihnen. Überrascht es Sie, dass Sie immer noch unterschätzt werden?

    Marine Le Pen: Ja, das ist sehr überraschend. Das ist nun meine dritte Präsidentschaftswahl, bei der letzten war ich im zweiten Wahlgang, und bei dieser könnte ich gewinnen. Ich habe den Eindruck, Deutschland nimmt nur diejenigen Politiker wahr, von denen es sich in Europa Vorteile erhofft. Meine Partei war es, die den großen Konflikt zwischen Globalisierern und Patrioten aufgedeckt hat – das hat die alte Trennlinie zwischen Linken und Rechten ersetzt. Nur die Deutschen haben das noch nicht begriffen.

    ZEIT: Vor vier Jahren wollten Sie, dass Frankreich aus der EU aussteigt, von dieser Idee haben Sie sich verabschiedet. Warum?

    Le Pen: Die EU hat sich meiner Partei, dem Rassemblement National, angenähert. Deutschland ist für eine strenge Sparpolitik in ganz Europa verantwortlich, dieses Dogma wankt nun mit Corona. Deshalb glauben wir, Europa besser von innen verändern zu können als von außen. Wir sind optimistisch, dass der Sparkurs beendet ist.

    ZEIT: Sie wollen im Euro bleiben, und auch bei einem anderen wichtigen Thema haben Sie Ihre Meinung geändert: Sie leugnen den Klimawandel nicht mehr, sondern machen ihn zum großen Thema Ihres Wahlkampfs.

    Le Pen: Ich habe noch nie den Klimawandel geleugnet.

    ZEIT: Sie haben noch 2017 gesagt, Sie wüssten nicht, ob der Klimawandel menschengemacht ist …

    Le Pen: Ich habe lediglich gesagt, wir wissen nicht, wie groß der Anteil des Menschen am Klimawandel ist. Ich finde, jeder Patriot muss ökologisch denken. Aus einem einfachen Grund: Ein Nomade kommt in eine Oase, er isst alle Datteln, trinkt das Wasser aus dem Brunnen, und wenn nichts mehr da ist, zieht er weiter. Wir aber sind sesshaft, verwurzelte Patrioten. Unser ultraliberales Wirtschaftsmodell führt uns in den Abgrund. Solange unsere Produkte in zehntausend Kilometer Entfernung produziert und dann hierher transportiert werden, kann sich niemand rühmen, ökologisch zu handeln. Die Produkte müssen hier hergestellt und verarbeitet werden, nicht in den armen Ländern der Welt.

    ZEIT: Ihrer Meinung nach ist die Ökologie also kein Thema der Linken?

    Le Pen: Nein, absolut nicht. Die Linke hat das Thema gekapert. Historisch ist die Umweltbewegung von den Rechten gegründet worden. Ich sage Ihnen, was wir wollen: Beispielsweise wollen wir die Windräder, soweit es geht, stilllegen und die Atomanlagen weiterlaufen lassen. Deutschland steigt aus der Atomkraft aus, aber es fügt mit seinen Kohlekraftwerken dem Planeten erheblichen Schaden zu. Je nach Windrichtung bekommen wir hier eure verpestete Luft ab. Nur Atomkraft ist ökologisch.

    ZEIT: Ihnen sind doch aber günstige Strompreise wichtig, und Atomkraft ist inzwischen wesentlich teurer als erneuerbare Energien.

    Le Pen: Entschuldigung, Frankreich hatte immer die niedrigsten Strompreise dank der Atomkraft.

    ZEIT: Das war vor Jahrzehnten, inzwischen ist der Strompreis im europäischen Mittel und wird allen Prognosen nach extrem ansteigen, weil die alten Meiler für Milliarden Euro renoviert werden müssen.

    Le Pen: Das stimmt nicht. Wir kaufen zu einem überteuerten Preis Windenergie ein, deswegen ist der Strompreis so hoch. Aus unserer Sicht ist Windenergie überhaupt nicht umweltfreundlich. Wir wissen bis heute nicht, wie wir die alten Windkraftanlagen entsorgen sollen.

    ZEIT: Das größte Entsorgungsproblem hat die Atomenergie – weder Deutschland noch Frankreich haben ein Endlager für ihre radioaktiven Abfälle gefunden.

    Le Pen: Ja, okay. Unser Ziel ist es, einen geschlossenen Kreislauf zu schaffen, und unsere Wissenschaftler forschen natürlich zu diesem Endlager.

    ZEIT: Werden Sie den Pariser Klimavertrag von 2015 respektieren?

    Le Pen: Ich bin nicht einverstanden damit, was in dem Vertrag steht, beispielsweise möchte ich keine Windenergie.

    ZEIT: Der Vertrag schreibt keine Energieform vor, sondern lediglich das Ziel, die Erderwärmung deutlich unter zwei Grad zu halten.

    Le Pen: Europa kann nicht einerseits die Klimaziele hochhalten und andererseits den Freihandel fördern. Der ist die Ursache dafür, dass gigantische Frachtschiffe um die Welt fahren und dabei wahnsinnige CO₂-Emissionen produzieren. Ich verlange mehr Kohärenz. Unser Wirtschaftsmodell ist in seinem Wesen unökologisch.

    ZEIT: Sie wollen also aus dem Pariser Klimaabkommen aussteigen?

    Le Pen: Ich will vor allem aus der Scheinheiligkeit aussteigen und warnen, dass wir mit dem Freihandel die Umwelt kaputt machen. Ich will nicht austreten, aber davor warnen, dass die schmutzigsten Länder der Erde den Vertrag nicht respektieren. China beispielsweise. Europa dagegen ist der Musterschüler der gesamten Welt.

    ZEIT: Pro Kopf sind die europäischen Staaten für deutlich mehr Treibhausgase verantwortlich als asiatische oder afrikanische Länder.

    Le Pen: Ich bin dagegen, dass wir den Europäern ständig ein schlechtes Gewissen machen, während viele Länder der Erde sich überhaupt nicht um das Klima bemühen.

    ZEIT: Ein großer Teil von Frankreichs CO₂-Emissionen wird von der Landwirtschaft, insbesondere der Tierhaltung, verursacht. Haben Sie persönlich Ihren Fleischkonsum verringert?

    Le Pen: Absolut nicht. Ich bin gegen diese bestrafende Ökologie.

    ZEIT: Es könnte ja Ihre persönliche Entscheidung sein.

    Le Pen: Nein, ich unterstütze die französischen Landwirte, die sehr gutes Fleisch produzieren. Und trotzdem sind wir so illoyal, dass wir sie der weltweiten Konkurrenz aussetzen. Das ist die Scheinheiligkeit der Europäischen Union: Sie macht strenge Regeln für unsere Bauern, aber erlaubt den billigen Import schlechter Produkte. Dafür schließt sie Freihandelsabkommen. Unter diesen Umständen müssen wir sagen: Wir importieren nur Produkte, die nach unseren hiesigen Standards produziert werden.

    ZEIT: Warum haben Sie in Ihrer Zeit als EU-Abgeordnete gegen jedes Klimagesetz gestimmt – etwa gegen strengere CO₂-Grenzwerte für SUVs?

    Le Pen: Dieses Gesetz war wie eine Guillotine für unsere Autohersteller. Wir können nicht von einem Tag auf den anderen sagen: Ihr dürft nicht mehr dieses oder jenes Auto produzieren. Die Industrie muss planen können. Das ging alles zu schnell, und ich will nicht, dass die Fabrikanten ihre Leute entlassen müssen und die Menschen verarmen. Dann haben wir niedrigere CO₂-Werte, aber die Leute sind arbeitslos, und ihre Kinder leiden. Ich schaue auf das Wohlergehen des Volkes.

    ZEIT: Sie haben gesagt, dass Sie im Falle Ihres Wahlsieges ein Referendum zur Einwanderung abhalten werden. Eines Ihrer Themen ist die doppelte Staatsbürgerschaft …

    Le Pen: Das wird nicht zu den Fragen gehören. Es wird andere Fragen geben. Zum Erwerb der französischen Staatsbürgerschaft. Zu Abschiebungen derer, die hier arbeitslos sind. Wenn die Leute hier keinen Job finden, müssen sie zurück in ihre Heimat.

    ZEIT: Um bei der doppelten Staatsbürgerschaft zu bleiben: In Ihrem Wahlkampf 2017 sagten Sie, dass französische Juden ihre israelische Staatsbürgerschaft zurückgeben müssten beziehungsweise sich zwischen Frankreich und Israel entscheiden müssten.

    Le Pen: Ich habe gesagt, dass es mir so scheint, als sei die doppelte Staatsbürgerschaft nur noch für Europäer aufrechtzuerhalten.

    ZEIT: Unsere Frage ist, ob Sie daran festhalten, dass im Falle Ihres Wahlsieges französische Juden ihre israelische Staatsbürgerschaft aufgeben müssten.

    Le Pen: Also, natürlich ist die Frage mit Israel heikel. Denn die Israelis sind extrem verbunden mit einem Land, das sie unter Tränen und Blut gewonnen haben. Das ist die Realität. Es könnte also alles erst mal nur eine Debatte sein. Ich bin da nicht stur. Ich bin mir bewusst, dass die Frage, ob die Leute ihre doppelte Staatsbürgerschaft aufgeben, zu ein paar Schwierigkeiten führen könnte. Da habe ich noch keine abschließende Entscheidung getroffen. Aber wissen Sie, wir haben nur mit bestimmten Leuten Probleme, die die doppelte Staatsbürgerschaft haben … Ich spreche nicht von den USA, von Russland, auch nicht von Israel, sondern dem Maghreb, woher viele Einwanderer kommen.

    ZEIT: Sie wollen schon seit Ihrem ersten Wahlkampf 2012 das Tragen des Schleiers verbieten, als sichtbares Zeichen einer Religion. Deshalb haben Sie immer wieder gesagt, die französischen Juden müssten ebenfalls ein »kleines Opfer« bringen – ihnen würden Sie das Tragen der Kippa verbieten.

    Le Pen: Ja, ich habe zu unseren jüdischen Mitbürgern gesagt, sie können die Kippa ja eh nicht mehr tragen, weil sie ständig angegriffen werden.

    ZEIT: Verbieten ist noch mal etwas anderes.

    Le Pen: Na ja, aber es geht nicht primär darum, die Kippa zu verbieten, sondern religiöse Symbole nicht auf der Straße zu tragen.

    ZEIT: Gerade auf dem Weg hierher zur Nationalversammlung sind uns zwei Männer mit Kippa begegnet. Dieses Bild gäbe es nicht mehr unter Ihrer Präsidentschaft?

    Le Pen: Ja, ich habe die Juden um dieses Opfer gebeten. Denn wir müssen gegen das Kopftuch etwas tun, es gibt davon inzwischen hier so viele. Und in Frankreich kann man keine Gesetze gegen eine bestimmte Religion erlassen. Ich weiß, dass das ein Opfer für manche Juden ist, kein kleines, ein großes Opfer, um das ich bitte.

    ZEIT: Und wenn die Juden das Opfer nicht bringen wollen?

    Le Pen: Wenn wir ein Gesetz verabschieden und die Leute Nein sagen, brechen sie das Gesetz, ganz einfach.

    ZEIT: Es gibt eine Szene, die sich vor ungefähr eineinhalb Jahren abspielte: Eine Mutter begleitete die Grundschulklasse ihres Sohnes auf einem Ausflug in das Parlament der Region Bourgogne-Franche-Comté. Ein Politiker Ihrer Partei forderte vor den Augen der Schüler die Parlamentspräsidentin auf, die Mutter anzuweisen, ihren Schleier sofort abzulegen. Julien Odoul zeigte auf die junge Frau und behauptete fälschlicherweise, es sei gegen das Gesetz, das Parlamentsgebäude mit Kopftuch zu betreten. Er hörte minutenlang nicht auf, bis der Sohn der Mutter in Tränen ausbrach und sie ihn in den Arm nahm. Müssen die französischen Muslime sich auf diese Behandlung einstellen, wenn Sie Präsidentin sind?

    Le Pen: Ich habe ihm gesagt, dass es falsch war, das so zu machen. Er hätte die Präsidentin bitten sollen, die Sitzung zu unterbrechen, um die Frau persönlich aufzufordern, den Schleier abzunehmen. Ich bin dafür, dass man die Regeln einhält, aber ich finde es nicht gut, einzelne Personen zu demütigen. Das würde ich selbst nie machen.

    ZEIT: Aber es ist nicht verboten, im Parlamentsgebäude das Kopftuch zu tragen.

    Le Pen: Doch. Sogar für Besucher.

    ZEIT: Nein, im Regionalparlament ist es nicht verboten, und der Abgeordnete wurde von Ihnen anschließend zum Spitzenkandidaten bei den Regionalwahlen im Juni gemacht.

    Le Pen: Was wollen Sie, soll ich ihn an den Galgen hängen? Sie reden die ganze Zeit nur über Anekdoten und irgendwelche polemischen Debatten, die es mal gab. Wenn Sie meine Partei darstellen wollen, als könnten wir nur Empörung hervorrufen, bitte schön. 85 Prozent der Franzosen teilen unsere Vorstellungen zum Thema Einwanderung. Und Sie finden irgendein kleines Element in unseren Vorschlägen, über das sich ein paar Leute aufregen. Das ist alles, was Sie tun, die ganze Zeit! Also, hätte Odoul es anders machen sollen? Ja. Sicher. Das habe ich ihm auch gesagt. Eine Mehrheit der Franzosen ist dagegen, dass der Schleier auf der Straße getragen wird. Wenn man den Franzosen zuhört, dann stellt man fest: Sie wollen keine Einwanderung. Das ist die Entscheidung des französischen Volkes.

    ZEIT: Angenommen, die Mehrheit der Franzosen ist tatsächlich dafür, dass das Tragen des Kopftuchs und der Kippa verboten wird – es gäbe immer noch die Gerichte, die darauf achten, dass die französische Verfassung eingehalten wird. Und die Verfassung garantiert zur Not auch gegen den Willen der Mehrheit die Freiheit zur Ausübung der Religion. Wie wollen Sie das außer Kraft setzen?

    Le Pen: Es gibt ja bei uns schon das Kopftuchverbot an Schulen, also kann das Gesetz auf den gesamten öffentlichen Raum ausgeweitet werden.

    ZEIT: Mit welcher Begründung, die vor Gericht standhielte?

    Le Pen: Das Kopftuch ist eine Störung der öffentlichen Ordnung. Es ist Ausdruck des Islamismus, den wir ausradieren müssen. So wie wir den Nationalsozialismus ausradiert haben, so wie wir den Rassismus ausradiert haben. Niemand hat das Recht, den Islamismus zu unterstützen, zu finanzieren, ihn zu relativieren.

    ZEIT: Die Experten, die man dazu hört, sagen, es sei juristisch unmöglich, Kopftuch und Kippa zu verbieten.

    Le Pen: Das sind dieselben Experten, die gesagt haben, es ist unmöglich, in Frankreich die Gurtpflicht im Auto einzuführen. Und Sie sehen: Jetzt legen wir den alle an.

    ZEIT: Sie sagen, Einwanderung ist das größte Problem, das Frankreich hat. Wenn man sich einmal nüchtern die Zahlen ansieht, könnte man auch auf eine andere Idee kommen: Luftverschmutzung verursacht in Frankreich 50.000 Todesfälle im Jahr. Mehr als 100.000 Franzosen sind an Covid-19 gestorben. Seit 2017 hat der Terrorismus 25 Todesopfer gefordert. Jede einzelne Tat ist grausam, trotzdem kann man Sie fragen, ob Sie die falschen Prioritäten setzen.

    Le Pen: Zunächst einmal, nicht alle Einwanderer sind Terroristen, da werden Sie mir zustimmen, nicht wahr? Aber der Großteil der Terroristen kommt aus dem Ausland. Die Einwanderung ist der Nährboden für Parallelgesellschaften, Parallelgesellschaften sind der Nährboden für den Islamismus, und der Islamismus ist der Nährboden für den Terror. Sie werden den Terror nicht besiegen, wenn Sie die Einwanderung nicht regeln. Wenn Sie nicht wissen, wer kommt, wo sie wohnen, was sie wollen, was sie denken.

    ZEIT: Der Großteil der Einwanderer kommt durch den Familiennachzug nach Frankreich. Da wissen Sie genau, wer kommt, die Leute machen Gentests, erbringen Einkommens- und Sprachnachweise.

    Le Pen: Das stimmt. Aber den Familiennachzug wollen wir stark eingrenzen, weil wir generell die Einwanderungszahlen drastisch absenken wollen. Wenn es uns in zehn Jahren besser geht, dann können auch mehr Einwanderer kommen. Ich bin da nicht ideologisch. Ich bin pragmatisch.

    ZEIT: Sie sind die erfolgreichste Politikerin Frankreichs. Sehen Sie sich als Feministin?

    Le Pen: Meine Partei ist nicht die Karikatur, die Sie immer zeichnen. Der Rassemblement National wurde in ein schlechtes Licht gerückt, es wurde gegen meine Partei polemisiert. Dabei sind wir eine Partei der Mitte. Und die Frauen spielen eine sehr wichtige Rolle. Ich glaube daran, dass Männer und Frauen komplementär sind. Ich bin eine Frau, ich bin aber kein Opfer. Frauen haben eine andere Art, die Dinge anzugehen, eine spezielle Sensibilität vielleicht. Aber eine Minderheit sind wir nicht.

    ZEIT: Sehen Sie Ihren Vater noch häufig?

    Le Pen: Er ist mein Vater. Trotz der Unterschiede, trotz der Konflikte, die wir manchmal öffentlich ausgetragen haben, er ist mein Vater. Er ist jetzt 93. Natürlich sehe ich ihn, so oft ich kann.

    ZEIT: Sie haben bis 2015 in einer Villa in einem Pariser Vorort mit ihm zusammengelebt, wo Sie auch einen Teil Ihrer Kindheit und Jugend verbracht haben.

    Le Pen: Ja. Seine Hunde, aus dem Tierheim hatte er die, haben eine meiner Katzen getötet. Eigentlich waren es liebe Hunde. Aber die Katze hat sich erschrocken und ist losgerannt. Da brach der Jagdtrieb durch, und sie sind hinterher. Ich bin dann ausgezogen. Mein Vater meinte, deshalb ziehst du aus, wegen einer Katze, komm schon. Aber ich habe gesagt, ich habe noch vier andere Katzen, auf die muss ich aufpassen.

    ZEIT: Als Kind wurden Sie Zeugin eines Bombenattentats auf Ihren Vater, der die Zentrale seiner Partei, des Front National, gleich neben der Stadtwohnung Ihrer Familie eingerichtet hatte. Nehmen Sie es Ihrem Vater übel, dass er Sie so in die Politik hineingezogen hat? Sie selbst haben Ihre drei Kinder, die jetzt Anfang 20 sind, stets aus der Öffentlichkeit ferngehalten.

    Le Pen: Ich habe meine Kinder beschützt, das ist meine rote Linie. Jean-Marie Le Pen hat sich anders entschieden, er hat uns öffentlich präsentiert, was natürlich Folgen für unseren Alltag, unser Leben hatte. Aber es war eine andere Zeit. Es war die Zeit von Ronald Reagan, die Zeit von Valéry Giscard d’Estaing, es gehörte dazu, seine Familie zu zeigen. Heute ist das anders. Ich beschütze das Privatleben meiner Kinder wie eine Wölfin, sie sollen frei von ihrer Familiengeschichte Entscheidungen treffen können. Ich bin extrem stolz darauf, dass ich sie beschützen konnte.

    ZEIT: Denken Sie nicht manchmal: Ich lasse das Ganze hinter mir, ich mache etwas anderes?

    Le Pen: Ich könnte tausend andere Dinge tun. Ich züchte Katzen. Acht Junge habe ich gerade. Aber Heinrich IV. hat gesagt: Die Liebe, die ich für Frankreich empfinde, lässt mir alles leicht erscheinen. Ja, warum opfert man seine Ruhe, seine Gelassenheit, seine Anonymität? Weil man das Land liebt.

    ZEIT: Politik ist Gewalt, haben Sie mal gesagt.

    Le Pen: Mein politisches Leben hat begonnen mit einer 20-Kilo-Bombe gleich neben meinem Bett. Also ja, Politik ist Gewalt.

    Die Fragen stellten Annika Joeres und Elisabeth Raether

    Foto: Marcel Mochet/AFP/Getty Images

    ***

    Die nächste Präsidentin?

    Marine Le Pen gehört inzwischen zu den populärsten Politikerinnen Frankreichs. Nach aktuellen Umfragen liegt sie nur noch knapp hinter Emmanuel Macron. Der amtierende Präsident hat viele Anhänger verloren. Die über Jahrzehnte regierenden Sozialisten und Republikaner erreichen in den Umfragen jeweils nur um die zehn Prozent. Marine Le Pen, 52, ist studierte Juristin und arbeitete eine Zeit lang als Anwältin. Sie übernahm 2011 den Vorsitz des rechtsextremen Front National von ihrem Vater Jean-Marie Le Pen und benannte die Partei vor vier Jahren in Rassemblement National um. Ihren Vater schloss sie 2015 aus der Partei aus, nachdem er in Interviews den Holocaust als »Detail der Geschichte« relativiert hatte.

  • Was ist eine moralische Entscheidung ?

    Was ist eine moralische Entscheidung ?

    Hannah Arendt bringt die Frage nach der Herkunft einer moralischen Entscheidung auf den Punkt:

    1) Vor das  Verbrechen gestellt zu sein und zu sagen, „Das kann ich nicht“ und nicht zu sagen, „Das darf ich nicht“

     2) Zu Wissen, unsere Entscheidung über Recht und Unrecht hängt von der Wahl unserer Gesellschaft, von der Wahl derjenigen ab, mit denen wir unser Leben zu verbringen wünschen.

    Hannah Arendt, Über das Böse

  • Was ist heute in Lübeck und anderswo zu tun, um aufkommenden Präfaschismus und den Umsturz in den Faschismus zu verhindern

    Was ist heute in Lübeck und anderswo zu tun, um aufkommenden Präfaschismus und den Umsturz in den Faschismus zu verhindern

     

     

     

    Was ist heute in Lübeck und anderswo zu tun, um aufkommenden Präfaschismus und den Umsturz in den Faschismus zu verhindern

     

     

    A. Die Szenarien eines Umsturzes

    Hängen ab von den Sicherungen des Verfassungsstaates und deren Wahrnehmung und ggf. Abschaffung

    1. Terror (Bürgerkrieg)
    2. Milliardärsherrschaft (Meritokratie)
    3. Kolonisierung  – Fremdherrschaft (Hegemonie durch andere Empire: USA, Russland, Europa, China). Die Kolonisierung der DDR.: https://michaelbouteiller.de/wp-content/uploads/2021/07/R.Will_.-Kolonisierung.pdf

    Die Auswahl der Mittel ist eine Frage der Wahrnehmung und der Politischen Ökonomie

    B. Das Verfassungsgericht ausschalten

    1. Szenario bei Verfassungsblog, Maximilian Steinbeis (https://verfassungsblog.de/ein-volkskanzler/#primary_menu_sandwich)
    2. Zur Beschreibung der augenblicklichen Lage des Bundesverfassungsgerichts dient das Urteil zum Klimaschutz. (https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/DE/2021/03/rs20210324_1bvr265618.html)
    3. Das gilt auch für die Struktur der Besetzung (https://www.bundesverfassungsgericht.de/DE/Richter/Erster-Senat/erster-senat_node.html)

    C. Die Meritokratie

    Die Elitenherrschaft – oder die Herrschaft des militärisch-industriellen Komplexes

    Vorbereitende Maßnahmen sind Postdemokratie und Neoliberalismus 

    D. Die Hilfsmittel

    1. Finanzwirtschaft,
    2. Milliardisierung
    3. Mediale Unterstützung
    4. Militär, Justiz
    5. Verwaltung
    6. Digitale Überwachung

    E. Der Weg

    1. Das Ausschalten des Verfassungsgerichts
    2. Wahrnehmungsfilter installieren . Siehe den Beitrag „Wahrnehmungsfilter“.
  • Vom Schaffen und Erschlagen von Monstern, Verfassungsblock vom 13.3.2021

     

     

     

     

     

    Vom Schaffen und Erschlagen von Monstern

     

    Verfassungsblock vom 13.3.2021
    
    

    Kartellrecht gehört nicht zu den Rechtsgebieten, die uns regelmäßig beschäftigen hier auf dem Verfassungsblog. Mergers and Acquisitions, Konzerne im Wettbewerb, Preisabsprachen und Marktmanipulation – das ist kaum noch öffentliches  Recht, das ist Privatwirtschaft, davon verstehen wir weder viel noch interessieren wir uns dafür sehr.

    Um so spannender finden wir aber, was gerade in den USA passiert. Dort stellt bekanntlich gerade Präsident Biden sein Regierungsteam zusammen, und zwei besonders einflussreiche Posten werden voraussichtlich an Kartellrechtsprofessor_innen gehen: Tim Wu und Lina Khan kommen beide von der Columbia-Universität, und beide sind berühmt für die Schärfe ihrer Kritik an Big Tech und am bisher etablierten Antitrust-Law-Paradigma. Jetzt werden sie die Chance bekommen, ihre wissenschaftlichen Theorien in die Regierungspraxis umzusetzen.

    Lina Khan steht obendrein für einen Generationswechsel. In der Regierung des ältesten Präsidenten, der die USA regiert hat, soll die 32-Jährige offenbar, wenn sie im Senat bestätigt wird, in der Federal Trade Commission über den Wettbewerb in den USA wachen.

    Welche Linie sie dabei wohl verfolgen wird, kann man einem Paper entnehmen, das sie noch als Studentin geschrieben und 2017 im Yale Law Journal veröffentlicht hat und zu einem der einflussreichsten wissenschaftlichen Artikel der Gegenwart geworden ist.

    Der Generationswechsel steckt schon im Titel des Aufsatzes: ‚Amazon’s Antitrust Paradox‘, eine Anspielung auf das 40 Jahre zuvor erschienene Buch  ‚The Antitrust Paradox: A Policy at War with Itself‘ von Robert Bork, das seinerseits im amerikanischen Wettbewerbsrecht damals keinen Stein auf dem anderen ließ.

    In den Nachkriegsjahrzehnten hatten die Behörden und Gerichte streng darüber gewacht, dass sich keine Marktstrukturen entwickeln, die für den Wettbewerb schädlich sind. Kein Player sollte so groß werden, dass er seine Macht dazu nützen kann, Wettbewerber aus dem Markt zu kicken.

    Das, so Bork und die Anhänger der Chicago School, sei aber ganz verkehrt: Anstatt Zusammenschlüsse und Unternehmenskäufe zu blockieren und so schwächere Wettbewerber vor der Konkurrenz der Großen abzuschirmen, sollte sich das Wettbewerbsrecht auf die Verbraucher_innen konzentrieren: Die sollen keine überteuerten Preise zahlen müssen. Alles andere ist aus dieser Sicht irrelevant

    Drei Jahre nach Erscheinen des Buchs wurde Ronald Reagan Präsident. Schon zuvor hatte der Supreme Court sich Borks wettbewerbsrechtlicher Sichtweise angeschlossen.

    Die Ära der Corporate Raiders und der M&A-Großkanzleien begann, riesige multinationale Konzerne entstanden, und tatsächlich: auf die Verbraucherpreise wirkte sich das offenbar nicht weiter schädlich aus.

    Im Gegenteil. Diese Konzerne waren so effizient, dass sie ihre Waren und Leistungen immer billiger anbieten konnten. Die Marktmacht bestimmter Unternehmen wuchs ins Unermessliche, die Alarmanzeigen des Wettbewerbsrechts blieben doch stets im grünen Bereich.

    Dass diese Riesen Verluste in Kauf nehmen könnten, nur um die Wettbewerber in den Ruin zu treiben – das, so dachten Bork und Kollegen, sei ohnehin nicht zu befürchten. Das sei ja irrational. Das mache doch keiner, und wenn doch, dann nicht für lange.

    Dass die Riesen ihre Lieferanten zusammenkaufen, um ihre Wettbewerber von ihren Lieferketten abzuschneiden, sei gleichfalls völlig unproblematisch: Wenn sie dadurch effizienter werden und billiger anbieten, dann um so besser; wenn nicht, dann würden sie die Folgen ihres Fehlers von allein zu spüren bekommen.

    Dann kam das Internet und die Digitalisierung. Dotcom-Startups und Tech-Innovatoren sammelten Milliardensummen an Kapital ein, und was sie ihren Investoren versprachen, waren nicht Gewinne. Sondern Wachstum. Solange dieses Versprechen gilt und geglaubt wird, ist es überhaupt nicht irrational, Verluste auch dauerhaft in Kauf zu nehmen, um den Wettbewerb aus dem Markt zu drängen.

    Entlang der Lieferkette zu expandieren, ist nicht länger nur ein harmloses Mittel, die eigene Effizienz zu steigern, sondern der Weg, auf dem man vom Betreiber einer Marktbude zum Eigentümer des ganzen Marktplatzes wird, zum Betreiber der Plattform, auf der alle kaufen und verkaufen, aber nur einer von allen alles weiß.

    Das ist längst die Welt in der wir leben vierzig Jahre nach Borks Buch – eine Welt, beherrscht von Unternehmen, die alle Chicago-Annahmen durchstreichen, die ihre Dominanz überhaupt erst möglich gemacht haben. Und kein Unternehmen verkörpert dies so sehr wie Amazon.

    Im Licht von Lina Khans Artikel und der realen Existenz von Amazon et al. erscheint die Lehre der Chicago-Schule als müde und hohle Ideologie, die niemanden mehr zu  überzeugen vermag, der nicht an ihrem Fortbestand ein handfestes materielles Interesse hat.

    Meine Generation hat an diese Ideologie einmal geglaubt, so wie die Generation vor uns an den Kommunismus. Die Ideologie ist tot. Die Monster, die sie schuf, sind sehr lebendig. Möge es Lina Khan und ihren Mitstreiter_innen gelingen, sie zu (z)erschlagen.

  • Demokratisierung des Wahlrechts der USA steht auf der Tagesordnung des Kongresses

    NYTimes 3.März 2021. von Nicholas Fandos.

    https://www.nytimes.com/by/nicholas-fandos

    Das Repräsentantenhaus verabschiedet eine wegweisende Wahlrechtsänderung, die auf staatliche Beschränkungen abzielt

     

    Das Omnibus-Gesetz über Wahlrecht, Ethik und Wahlkampffinanzen würde die von republikanischen Bundesstaaten erlassenen Wahlrechtsbeschränkungen aufheben, doch im Senat steht ein harter Kampf bevor.

    „Alles steht auf dem Spiel. Wir müssen dieses Rennen gewinnen, diesen Kampf,“ sagte die Sprecherin Nancy Pelosi, als Demokraten auf den Stufen des Kapitols vor der Abstimmung am Mittwoch eine Kundgebung abhielten.

    Die Demokraten im Repräsentantenhaus setzten am Mittwoch gegen den vereinten Widerstand der Republikaner eine weitreichende Erweiterung des Bundeswahlrechts durch und eröffneten damit eine neue Front in einer tobenden nationalen Debatte über Wahlen, die darauf abzielt, den Versuchen der G.O.P. entgegenzuwirken, den Zugang zu den Wahlurnen einzuschränken.

    Der Gesetzesentwurf, der mit 220 zu 210 Stimmen, größtenteils entlang der Parteigrenzen, angenommen wurde, würde die bedeutendste Erweiterung des bundesstaatlichen Wahlrechtsschutzes seit den 1960er Jahren darstellen, wenn er Gesetz würde.

    Es zielt darauf ab, neue nationale Anforderungen aufzuerlegen, die restriktive staatliche Wählerausweisgesetze abschwächen, eine automatische Wählerregistrierung vorzuschreiben, die Früh- und Briefwahl zu erweitern, es schwieriger zu machen, Wählerlisten zu bereinigen und das Wahlrecht für ehemalige Schwerverbrecher wiederherzustellen – Änderungen, die Studien zufolge die Wahlbeteiligung erhöhen würden, insbesondere bei rassischen Minderheiten.

    Die Abstimmung war der jüngste Versuch der Demokraten, republikanische Bestrebungen in den Staatshäusern im ganzen Land zurückzuschlagen, neue Barrieren für die Stimmabgabe zu errichten, die die Macht der Republikanischen Partei inmitten falscher Behauptungen über grassierenden Wahlbetrug festigen würden, die vom ehemaligen Präsidenten Donald J. Trump und vielen seiner Verbündeten im Kongress verkündet wurden.

    Aber die Maßnahme, die von Präsident Biden unterstützt wird, scheint für jetzt im Senat zum Scheitern verurteilt zu sein, wo die republikanische Opposition es fast unmöglich machen würde, die 60 Stimmen zu bekommen, die für eine Verabschiedung erforderlich sind.

    Die Demokraten haben geschworen, das Gesetz trotzdem zur Abstimmung zu stellen, und die Progressiven haben bereits geplant, die republikanische Obstruktion des Gesetzes zu nutzen, um ihre Argumente für die Abschaffung des legislativen Filibusters in den kommenden Monaten aufzubauen.

    „Alles steht auf dem Spiel. Wir müssen dieses Rennen gewinnen, diesen Kampf“, sagte Sprecherin Nancy Pelosi, Demokratin aus Kalifornien, als sich die Demokraten vor der Abstimmung auf den Stufen des Kapitols versammelten. „Zur gleichen Zeit, in der wir uns hier versammeln, um unsere Demokratie zu ehren, werden im ganzen Land über 200 Gesetzesentwürfe zusammengestellt und Bestimmungen vorgelegt, um die Wahl zu unterdrücken.“

    Der 791-seitige Gesetzesentwurf, der von den Demokraten als H.R. 1 bezeichnet wurde, um seine Bedeutung für ihre Agenda widerzuspiegeln, würde auch parteiisches Gerrymandering beseitigen, neue Transparenz über dunkles Geld, das zur Finanzierung von Kampagnen verwendet wird, auferlegen, die Ethikstandards der Regierung verschärfen und eine öffentliche Finanzierungsoption für Kongresskampagnen schaffen.

    Die Prominenz der Debatte zeigte, wie sehr der Kampf um die Wahlgesetze auf dem Spiel steht, sowohl für die Art und Weise, wie die Amerikaner ihr Wahlrecht ausüben, als auch für die Art und Weise, wie beide Parteien die politische Macht bündeln.

    Während der Kongress jahrzehntelang daran gearbeitet hat, den Zugang zu den Wahlurnen zu erweitern, oft mit parteiübergreifender Unterstützung, ist das Thema in den letzten Jahren stark parteiisch geworden, da sich die Demografie und die politischen Koalitionen verschoben haben und die Republikaner zu dem Schluss gekommen sind, dass sie von einer geringeren Wahlbeteiligung profitieren, insbesondere in den Städten.

    „Man kann auf der Basis seiner Ideen und der Programme, die man vorlegt, gewinnen, und das ist es, wofür wir uns entschieden haben“, sagte der Repräsentant John Sarbanes, Demokrat aus Maryland und einer der führenden Autoren des Gesetzes. „Oder Sie können versuchen, zu gewinnen, indem Sie die Wahl unterdrücken, unfaire Bezirke im ganzen Land ziehen und großes Geld einsetzen, um Desinformationen zu verbreiten.“

    Die Republikaner brachten bemerkenswert ähnliche Argumente vor, versuchten aber, sie gegen die Demokraten zu wenden. Während sie nicht direkt dafür plädierten, die Wahl zu erschweren, sagten sie, dass die Staaten – nicht die Bundesregierung – am besten in der Lage seien, zu bestimmen, wie sie ihre Wahlen mit Integrität durchführen, und dass der Gesetzentwurf zu zügellosem Betrug führen würde, von dem liberale Kandidaten profitieren würden.

    Im Moment scheinen die Republikaner die Oberhand zu haben. Staaten unter konservativer Kontrolle haben es in den letzten Jahren geschafft, neue Strengen einzuführen, die Studien zufolge schwarze Wähler und solche, die in städtischen Gebieten leben, unverhältnismäßig stark betreffen. Befürworter argumentieren, dass diese Schritte notwendig sind, um möglichen Wahlbetrug zu bekämpfen. Doch seit der Niederlage Trumps im November haben sich die Bemühungen mancherorts beschleunigt: Die Bundesstaaten versuchen, die Gesetze zur Wähleridentifikation zu verschärfen, die Briefwahl oder die vorzeitige Stimmabgabe zu erschweren und die Rolle, die externe Gruppen bei der Unterstützung der Wähler spielen können, zu begrenzen.

    Und am Dienstag, der konservativ-dominierte Oberste Gerichtshof signalisierte, dass er wahrscheinlich zwei restriktive Arizona Wahlmaßnahmen aufrechterhalten und möglicherweise weiter an der Voting Rights Act von 1965 Chip festhält. Ein Urteil des Gerichts aus dem Jahr 2013 hatte wichtige Bestimmungen zur Durchsetzung des Gesetzes gekippt und damit den Weg für den Erfolg vieler republikanisch geführter Bundesstaaten bei der Einführung neuer Regeln geebnet.

    Insgesamt haben Gesetzgeber in 43 Bundesstaaten mehr als 250 Gesetzesvorlagen eingebracht, die das Wahlrecht verschärfen würden, so das Brennan Center for Justice an der New York University. Das prominenteste Beispiel ist Georgia, wo die republikanische Führung nach dem unerwarteten Wahlsieg der Demokraten unverdrossen versucht, den Zugang zu den Wahllokalen einzuschränken, indem sie die Briefwahl und die vorzeitige Stimmabgabe an Sonntagen stark einschränkt, wenn viele schwarze Wähler nach dem Gottesdienst ihre Stimme abgeben.

    „In der Schlange stehen, um zu wählen, ist keine Wählerunterdrückung“, sagte die Abgeordnete Marjorie Taylor Greene, eine Republikanerin aus dem Bundesstaat, am Mittwoch während der Debatte in Washington. „Es ist einfach ein Teil des Wahlprozesses. Genauso wie die Leute in der Schlange stehen, um Lebensmittel im Supermarkt zu kaufen.“

    Die abschließende Prüfung des Wahlgesetzes fand statt, nachdem das Repräsentantenhaus eine andere führende liberale Priorität verabschiedet hatte, ein wichtiges Polizeigesetz zur Bekämpfung von Rassendiskriminierung und übermäßiger Gewaltanwendung bei der Strafverfolgung. Die Gesetzgeber verabschiedeten das Gesetz erstmals im letzten Sommer, um auf eine Welle von Forderungen nach Rassengerechtigkeit nach den Morden an schwarzen Amerikanern im ganzen Land zu reagieren, aber damals wie heute stieß es auf den Widerstand der Republikaner, die bescheidenere Änderungen vorschlugen. Die Abstimmung fiel mit 220 zu 212 Stimmen aus, weitgehend entlang der Parteigrenzen.

    Es wird erwartet, dass die Demokraten im Repräsentantenhaus und die Republikaner im Senat mit ihren konkurrierenden Gesetzesentwürfen nächste Woche die Gespräche wieder aufnehmen werden, um die Meinungsverschiedenheiten über die von den Demokraten vorgeschlagenen Einschränkungen bei der Anwendung tödlicher Gewalt und über Änderungen, die die Verfolgung von Polizeibeamten bei Fehlverhalten erleichtern sollen, zu klären. Aber es gab wenig Optimismus für einen sofortigen Durchbruch.

    Die Abstimmungsbestimmungen von HR 1 wurden ursprünglich von dem im letzten Jahr verstorbenen Abgeordneten John Lewis, einem Demokraten aus Georgia und Ikone der Bürgerrechte, entworfen.

    Sollte der Gesetzentwurf Gesetz werden, müssten die Bundesstaaten automatisch die Wahlberechtigten registrieren, mindestens 15 aufeinanderfolgende Tage für die vorzeitige Stimmabgabe bei den Bundeswahlen vorsehen und Briefwahlstellen einrichten, wie sie Trump fälschlicherweise als Grund für Wahlbetrug nennt. Es würde es viel einfacher machen, per Post zu wählen und viel schwieriger, Wähler aus den Listen zu streichen.

    Die Gesetzgebung zielt auch auf die parteiische Aufteilung der Sitze im Repräsentantenhaus ab und verlangt von den Bundesstaaten, dass sie unabhängige Kommissionen einsetzen, um Bezirke zu ziehen, die auf unpolitischen Maßstäben basieren und nicht auf solchen, die den Einfluss einer Partei gegenüber einer anderen maximieren. Beide Parteien betreiben Gerrymandering, aber die Praxis hat in den letzten zehn Jahren eher die Republikaner begünstigt. Mit den neuen Wahlbezirken, die in diesem Herbst gezogen werden sollen, werden die Republikaner voraussichtlich noch größere Gewinne erzielen.

    Die Demokraten beabsichtigen, in den kommenden Monaten eine gesonderte Abstimmung über ein Gesetz abzuhalten, das die vom Obersten Gerichtshof gekippten Bestimmungen des Voting Rights Act wiederherstellt. Die Herausforderung für die Demokraten besteht darin, einen der Gesetzesentwürfe durch einen 50-50-Senat zu bringen, in dem 10 Republikaner mit Ja stimmen müssten. Unter Herrn Trumps Führung hat die Republikanische Partei eine zunehmend harte Taktik in Bezug auf das Wahlrecht und andere Initiativen zur Überholung der Regierung angenommen, wobei sie sich um seinen politischen Stil des „Winner-take-all“ und die unverhohlenen Lügen schart, auf denen er seinen Versuch gründete, seine Wahlniederlage umzukehren.

    „Dieses Monster der demokratischen Regierung muss gestoppt werden,“ sagte Mr. Trump am vergangenen Wochenende auf der Conservative Political Action Conference. „It cannot be allowed to pass.“

    Die Demokraten haben es bisher abgelehnt, die Regeln des Senats zu ändern, damit sie Gesetze mit 51 statt 60 Stimmen durchbringen können. Aber die Befürworter der Abschaffung des Filibusters glauben, dass die festgefahrenen Wahlrechtsgesetze sich letztendlich als die überzeugendsten erweisen könnten, um moderate Senatoren zu gewinnen, die zögern, den Schritt zu unterstützen.

    „Das Wahlrecht ist die Voraussetzung für alle anderen Rechte, und wir müssen alles tun, um die Stimmen des Volkes in unserer Demokratie zu bewahren“, sagte Senator Raphael Warnock, einer der Demokraten aus Georgia, dessen Sieg die neuen Wahlgesetze des Staates ausgelöst hat. „Ich denke, die Probleme sind dringend genug, um alle Optionen auf den Tisch zu legen.“

    Catie Edmondson trug zur Berichterstattung bei.Nicholas Fandos ist Kongresskorrespondent mit Sitz in Washington. Er berichtet seit 2017 über den Capitol Hill und hat dabei zwei Bestätigungsverfahren des Obersten Gerichtshofs, zwei historische Amtsenthebungsverfahren gegen Donald J. Trump und unzählige Gesetzesentwürfe dazwischen begleitet.