Der vergessene Kriegstreiber aus Lübeck

Es ist einfach erschreckend, wie schnell die Lübecker kulturelle Elite die völkischen Senats-Regierungen der Zeit des Deutschen Reiches und der nachrevolutionären Weimarer Zeit von 1921-1933 vergessen hat und vergisst. Der Hauptgrund für solch ungewöhnliches Vergessen ist wohl das Wirken des Lübecker Milliardärs Emil Possehl über seinen Tod am 4. Februar 1919 hinaus.

Der Arzt Helmut Dennig  erzählt anlässlich einer Ansprache bei der Einweihung der Possehl-Büste von Otto Mantzel im Possehl-Haus in Travemünde erzählt der Arzt Helmut Dennig von seinen Eindrücken aus mehrfachen Besuchen und Ferienaufenthalten im Hause seines Onkels Emil Possehl als Kind und Jugendlicher 1912 und 1916. Er habe seinen Onkel als leidenschaftlichen Menschen erfahren, der das Risiko nicht scheute. So sei er nach dem Dienst bei den Bonner Husaren, im erfolgreichen 70er Krieg als Rittmeister zurückgekehrt und als erster hoch zu Ross „durchs Holstentor gesprengt“, was damals verboten gewesen sei.

Und weiter: Ein wichtiger Teil seines immensen kaufmännischen und industriellen, weltumspannenden Erfolges beruhe auf Menschenkenntnis, mit der er sich hervorragende Mitarbeiter herausgesucht und herangezogen habe. Die Hauptsache sei aber gewesen, dass er selber die Fäden seines Werkes immer in der Hand behalten habe. „In jeder Ecke“ habe man seinen „tatkräftigen und klaren Willen“ verspürt. 1916 habe er, Dennig, den Urlaub als Kriegsverwundeter im Hause Possehl verbracht. 

Possehl hatte das furchtbarste Erlebnis seines Lebens gerade hinter sich, Anklage und die rund einjährige Untersuchungshaft (wohl wegen Verdunklungsgefahr im Untersuchungsgefängnis in Hamburg) wegen Landesverrats vor dem Reichsgericht in Leipzig. Er sei zwar frei- und schuldlos gesprochen worden. Aber dass er, der Patriot, der „Überpatriot“,  überhaupt verdächtigt habe werden können, das habe ihn schwer angegriffen. 

Man habe damals über Geld gesprochen. Was er – Possehl – denn davon habe? Etwa Gutes zu tun? Nein, was das Geld ihm biete, sei etwas anderes, nämlich Macht. Die Macht, Gutes oder auch Böses zu tun, nach rein eigener Willkür. Genau das habe seinen Onkel Emil Possehl ausgemacht: eine „machtvolle Persönlichkeit“ aus „Machthunger“. Machthunger sei sein eigentlicher innerer Antrieb gewesen, sein „Urinstinkt“. Dennigs Charakterisierung seines Onkels, dessen leidenschaftlicher Machthunger gepaart mit Risikofreude, erklärt die rastlosen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Aktivitäten des umtriebigen Lübecker Milliardärs. Des „Überpatrioten“!

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