Lübeck hält den Atem an

Nach dem Brandanschlag auf die Synagoge sind viele wütend, die meisten sprachlos und einige unbelehrbar

Lübeck hält den Atem an, Von Michael Siedenhans, 1. April 1994, 9:00 Uhr, Die Zeit

Concordia domi et foris pax (Drinnen Eintracht und draußen Frieden), Inschrift auf dem Lübecker Holstentor

Für Michael Bouteiller war am Freitag morgen um 5.30 Uhr seine Stadt nicht mehr in Ordnung: Der Lübecker SPD-Bürgermeister war gerade aus dem Bett gestiegen, um eine Reise nach Lettland anzutreten, als ihn eine Redakteurin von Radio Schleswig-Holstein anrief und ihm mitteilte, daß ein Brandanschlag auf die Lübecker Synagoge

Unbekannte hatten gegen 2.20 Uhr zwei Molotowcocktails in das Seitenfenster des Gebetshauses geworfen. Ein Brandsatz zerstörte den Vorraum und beschädigte wertvolle Dokumente. Die Laubhütte brannte völlig nieder. Sechs Familien, die in dem dreigeschossigen Klinkerbau an der St. Annen Straße wohnen, wurden durch den Qualm aus den Schlaf gerissen. Der junge Kantor der jüdischen Gemeinde, Chaim Kornblum, alarmierte die Polizei und die Feuerwehr, die innerhalb von zehn Minuten das Feuer löschte.

Was danach kam, wird nicht nur dem Bürgermeister lange im Gedächtnis bleiben: Bouteiller sagt die Reise nach Lettland ab und fährt gegen 7 Uhr zum Gotteshaus in der Altstadt, wo er Bertold Katz aufsucht, den 78jährigen Alt-Kantor, der als einer der wenigen Lübecker Juden den Holocaust überlebte.

Als der Bürgermeister die Synagoge verläßt, steht er vor einem Heer von Kameras. Wiederholt sagt er dasselbe: „Die Glaubwürdigkeit unserer Demokratie steht auf dem Spiel. Es ist Zeit, daß faschistische und radikale Organisationen verboten werden. Die Republikaner dürfen keine Meinungsfreiheit mehr erhalten.“ Als eine Reporterin eine weitere Stellungnahme verlangt, ist Bouteillers Geduld am Ende: „Ich habe keine Lust, die gleichen Formeln wieder aufzusagen.“ Später dann: „Ich habe die symbolische Bedeutung des Anschlags nicht in Worte fassen können. Aber wir alle müssen erst langsam verstehen, was hier geschehen ist.“ Ähnliche Schwierigkeiten hat auch Heide Simonis, Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein, als sie den Tatort besucht. Sie spricht von einer „Wahnsinnstat“.

Kurz vor Mittag demonstrieren Schüler der Realschule Moisling vor der Synagoge, einer trägt ein Plakat mit der Aufschrift „Gegen rechts“. Die Studenteninitiative „Hand in Hand“ hält an der Mauer eine Mahnwache. Der Lübecker Student Martin Meya berichtet von Vorwarnungen: „Vor einer Woche wurde ein ZDF-Übertragungswagen mit der Sprühpistole beschmiert: ‚Mölln kommt bald wieder. 20. 3. 94.‘“ Mitglieder vom Antifaschistischen Büro in Lübeck erzählen von Anrufen in der Geschwister-Prenski-Gesamtschule. „Ihr seid bald alle tot“, habe eine Männerstimme am Telephon gesagt.

Lübecker Bürger gehen neugierig vorbei. Sie fragen, ob Menschen verletzt worden seien. „Ach so, es ist nur Sachschaden entstanden“, sagt ein Mann, der schnell wieder verschwindet, als das Kamerateam des NDR ihn interviewen will. Die Anwohner der St. Annen Straße sind verärgert über die Art und Weise, wie sich die Medien in ihrer Straße breitmachen. „Macht endlich dem Bürgersteig frei, damit ordentliche Bürger hier langgehen können.“ Eine junge Frau sagt, als sie an der Synagoge vorübergeht: „Scheißjuden.“

Unter den Presseleuten wächst die Ungeduld. Regen setzt ein. Die Spurensicherung sucht im Garten noch akribisch nach Hinweisen. Die Informationen der Lübecker Polizei über den Tathergang sind mager. Die beiden Kantoren haben sich in der Synagoge verschanzt – sie sind für die Presse nicht mehr zu sprechen. Dafür werden die zwei wachhabenden Schutzleute vor dem Tor der Synagoge mit Fragen bedrängt.

An der Synagogenmauer klebt ein Aufruf zur Mahnwache. Der Regen läßt die Schrift auf dem Papier zerrinnen, aber sie zeigt Wirkung: Gegen 18 Uhr haben sich rund 200 Lübecker vor der Synagoge versammelt. Die meisten halten Grablichter in ihren Händen und schweigen. Die Sprachlosigkeit unterbricht Pastor Hans-Hartmut Schroeder von der St.-Aegidien-Gemeinde. Er liest einen Psalm. Durch die Menge drängeln sich die Gäste des Passahfestes, sie werden von der Polizei kontrolliert und dann zur Synagoge durchgelassen.

Einen Tag nach dem Anschlag auf die Synagoge in der St. Annen Straße mischen sich empörende Töne in das Entsetzen: Ein kleiner, kugelbäuchiger Mann schreit hysterisch „Volksverhetzer“. Ihn stört das Plakat „38/94: Wieder brennen Synagogen. Endlich alle Nazi-Organisationen verbieten.“ Mitglieder des Lübecker Bündnisses gegen Rassismus haben es zur Kundgebung am Samstag mitgebracht. Drei Männer in schwarzen Lederjacken umkreisen den Unbelehrbaren. „Alter, du bist hier falsch, verpiß dich.“

Parteien, Kirchen, Gewerkschaften und das „Antirassistische Bündnis“ haben ihre Demonstrationsveranstaltungen zusammengelegt. „Lübeck hält den Atem an“ heißt es fünf vor zwölf auf dem historischen Rathausmarkt. Die Totenglocken läuten, und die tausend Menschen auf dem Platz schweigen. Doch nur für einen kurzen Moment: Ein Hubschrauber übertönt das Geläut, und einige Jugendliche rufen: „Lieber eine Minute schreien, schreien vor Scham.“ Stadtpräsident Peter Oertling tritt vor das Mikrophon und sagt: „Wenn wir wach sind, schlagen wir diesen Menschen eins auf die Schnauze.“

Die Besinnungslosigkeit ist gewichen, die Wut wächst. Christoph Kleine vom „Bündnis gegen Rassismus“ sagt: „Betroffenheit zeigen reicht nicht mehr, es müssen Konsequenzen gezogen werden: Die faschistischen Parteien und Organisationen müssen sofort verboten werden. Die Politiker müssen aufhören, Rassismus als Munition für den Wahlkampf zu benutzen.“ Die sanften Worte von Hamburgs Bischöfin Maria Jepsen finden dagegen nur schwachen Beifall bei den Lübeckern.

Als sich der Demonstrationszug durch die Innenstadt in Bewegung setzt, werden die Neugierigen angesprochen: „Macht mit. Es ist Zeit aufzuwachen.“ Die Parolen wirken: Rund 4000 Menschen beteiligen sich an dem Marsch.

Um 14 Uhr löst sich die Demonstration vor der Synagoge auf, eine Mahnwache bleibt, und die jüdische Gemeinde feiert mit 140 Gästen ihr Passahfest. Doch Lübeck hat am vergangenen Wochenende ein neues Symbol erhalten und die Inschrift auf dem Holstentor eine neue Bedeutung gewonnen. „Lübeck wird als die Stadt in die Geschichte eingehen, in der zum ersten Mal nach fünfzig Jahren wieder eine Synagoge gebrannt hat“, sagt Bürgermeister Michael Bouteiller.

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